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Altersarmut

Gute Arbeit kann die Rente nicht retten

Berlin / Lesedauer: 9 min

Es wäre zu schön: Gute Arbeitsbedingungen und vernünftige Löhne für alle und das Rentenproblem ist für immer gelöst. Leider nur ein Ideologie–getriebenes Wunschdenken.
Veröffentlicht:06.05.2023, 15:35

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Keine Frage: Deutschland braucht gute Löhne. Die hohe Inflation frisst das Einkommen der Beschäftigten auf, der Fachkräftemangel belastet die Unternehmen. Und auch um die internationale Wettbewerbsfähigkeit wäre es besser bestellt, wenn die Bundesrepublik im globalen Wettstreit um die klügsten Köpfe und innovativsten Mitarbeiter gute Arbeitsbedingungen und gerechte Löhne vorweisen könnte. Die Frage ist: Hilft das auch dem Rentensystem?

Gute Arbeit hilft nur auf den ersten Blick

Aus der Politik lautet die Antwort auf diese Frage meistens: „Ja — und es ist der einzige gerechte Weg, um das Rentensystem zu stabilisieren“. Besonders jene Parteien, die sich den Arbeitskampf auf die Fahne geschrieben haben — Linke, SPD, teilweise die Grünen — befürworten diesen Weg. Unterstützt werden sie dabei von Gewerkschaften und Sozialverbänden, die sich ebenfalls für gute Löhne und faire Arbeitsbedingungen einsetzen. All dies ist wichtig, gut und gerecht. Das Problem ist allein: Es hilft nicht. Gute Arbeit kann aus rein mathematischen Gründen das Rentenproblem nicht lösen.

Um das zu verstehen, muss man zunächst zwischen zwei unterschiedlichen Vorschlägen unterscheiden, die meist im Paket gehandelt werden: erstens höhere Löhne und zweitens eine Ausweitung der Erwerbstätigkeit, zum Beispiel, indem eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf mehr Frauen den Weg in die Arbeitswelt ebnet.

Auf den ersten Blick trägt beides zur Besserung bei. Erinnern wir uns zurück an das Kernproblem des Rentensystems aus dem zweiten Teil dieser Serie, nämlich dass das Verhältnis zwischen der Zahl der Rentner und der Zahl der Arbeitnehmer immer ungünstiger wird. Um das Rentenproblem zu lösen, muss entweder die Gesamtsumme der Renten sinken oder die Gesamtsumme der Rentenbeiträge steigen.

Höhere Löhne führen zu einem Renten–Dilemma

Sowohl höhere Löhne als auch eine Ausweitung der Erwerbstätigkeit scheinen also zu einer Problemlösung beizutragen, denn beide Vorschläge erhöhen die Gesamtsumme der Rentenbeiträge. Das Verhältnis zur Gesamtsumme der Renten entwickelt sich also positiv.

Tatsächlich ist dieses Argument aber eine Nebelbombe, weil sie das sich über die Zeit entfaltende Wechselspiel zwischen Löhnen, Renten und der Inflation ignoriert. Letzten Endes läuft der Höhere–Löhne–Vorschlag auf ein Dilemma hinaus: Entweder verschärft er das Rentenproblem oder die Renten reichen am Ende kaum noch zum Leben.

Warum ist das so? Wenn ein heute 37–jähriger Durchschnittsverdiener im Jahr 2023 einen Rentenpunkt sammelt, erwirbt er damit bei Rentenbeginn im Jahr 2053 einen Anspruch in Höhe von 37,60 Euro im Westen und 35,52 Euro im Osten. Bei 45 Rentenpunkten ergäbe dies eine Bruttorente von 1692 Euro im Westen und 1598,40 Euro im Osten.

Höhere Löhne wirken nicht gegen den demografischen Wandel

In 30 Jahren wird diese Summe aber eine deutlich geringere Kaufkraft besitzen, weil die Inflation auf sie wirkt. Gehen wir von einer optimistischen Schätzung von zwei Prozent pro Jahr aus, dem langfristigen Inflationsziel der Europäischen Zentralbank. In diesem Fall hätten die 1692 Euro Bruttorente im Jahr 2053 nur noch eine Kaufkraft von 934,10 Euro. Deutlich zu wenig, um im Alter davon zu leben.

Selbstverständlich bleibt es dabei nicht, denn die Rente wird jedes Jahr an die Lohnerhöhungen angepasst. Nach dem Gute–Arbeit–Vorschlag sollen die Löhne kräftig steigen, was auch zu kräftigen Rentenerhöhungen führen würde.

Doch genau an diesem Punkt entfaltet sich das Dilemma: Entweder die Renten steigen stärker beziehungsweise ebenso kräftig wie die Löhne. In diesem Fall würde das Problem des demografischen Wandels erst gar nicht adressiert, geschweige denn gelöst. Mehr noch: Das Rentenproblem würde sogar noch verschärft, weil nicht nur die Zahl der Rentner demografiebedingt zunähme, sondern nun auch der erworbene Rentenanspruch pro Rentner.

Im schlimmsten Fall drohen Armutsrenten

Oder aber die Renten steigen deutlich unterhalb der Lohnerhöhungen. In dem Fall würde sich die Lage im Rentensystem mit zunehmender Zeit entspannen. Doch gleichzeitig würde das Rentenniveau so stark sinken, dass langfristig die Altersarmut massiv zunähme. Warum? Weil die Rentenerhöhungen damit automatisch unter die Inflationsrate rutschen würden.

Als Faustregel lässt sich nämlich sagen, dass die Reallöhne, also die inflationsbereinigten Löhne, langfristig immer nur knapp über der Inflationsrate steigen. Mal liegen sie knapp drunter, meistens liegen sie knapp drüber, Ausreißer nach oben oder unten gibt es zwar, aber eher selten. Deutlich größere Lohn– als Rentenerhöhungen würden also dazu führen, dass die Renten nachhaltig unterhalb der Inflationsrate ansteigen würden, was zu einem Jahr für Jahr größeren Kaufkraftverlust für Rentner führen würde.

Es muss immer mehr Arbeitnehmer geben

Höhere Löhne können das Rentenproblem also prinzipiell nicht lösen. Das ist nicht überraschend, weil das umlagefinanzierte Rentensystem eine Art Schneeballsystem ist. Dabei wird jede Lohnerhöhung zeitversetzt nahezu vollständig in eine Rentenerhöhung umgewandelt, wodurch die problemlösende Wirkung auf das Rentensystem aufgehoben wird.

Nicht alle Berufe lassen sich bis ins hohe Alter problemlos ausüben.
Nicht alle Berufe lassen sich bis ins hohe Alter problemlos ausüben. (Foto: Christin Klose)

Der demografische Wandel bleibt dabei vollständig unberücksichtigt. Da die Renten immer mit den Löhnen mitziehen, muss deshalb etwas anderes die immer weiter steigende Zahl an Rentnern ausgleichen. Im Endeffekt bedeutet das: Bei einer kontinuierlich steigenden Lebenserwartung muss sich die Erwerbstätigkeit ständig ausweiten. Da die Arbeitnehmer von heute die Rentner von morgen sind, dürfen weder Lohnerhöhungen noch die Ausweitung der Erwerbstätigkeit ausbleiben, sonst gerät das System in eine Schieflage.

Die Erwerbstätigkeit hat natürliche Grenzen

Das grundsätzliche Problem dabei ist, dass der Steigerung der Lebenserwartung bisher keine natürliche Grenze gesetzt ist, während die Erwerbstätigkeit nicht beliebig ausgeweitet werden kann. Für den Menschen ist schlicht kein biologisches Maximalalter bekannt. Und durch Fortschritte im medizinischen und insbesondere biotechnologischen Bereich ist es wahrscheinlich, dass es gelingen wird, derzeitige Altershöchstgrenzen über die Generationen hinweg immer weiter in die Zukunft zu schieben. Fantastische Aussichten für die Menschheit, aber katastrophale für das Rentensystem.

Auf der anderen Seite sind der Ausweitung der Erwerbstätigkeit natürliche Grenzen gesetzt. Wo sollen die ganzen Arbeitnehmer in Zeiten eines massiven Fachkräftemangels denn herkommen? Erstens hat Deutschland schon heute bei Frauen und Älteren eine der höchsten Erwerbsquoten Europas. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) liegen im europäischen Vergleich bei Frauen nur Schweden und die Niederlande vor der Bundesrepublik, in der Altersgruppe zwischen 50 und 64 landet Deutschland ebenfalls in der Spitzengruppe.

Es fehlt der Wille, effektive Arbeitsanreize zu setzen

Zweitens ist die Geburtenrate in Deutschland zu gering, um den demografischen Wandel auszugleichen, geschweige denn für eine kontinuierliche Erweiterung der Erwerbstätigkeit zu sorgen. Auch die Zuwanderung wird nicht ausreichen, um die Lücke zu schließen, da kaum zu erwarten ist, dass die Rekordeinwanderungsjahre der jüngeren Vergangenheit beliebig wiederholbar sind. Das IW rechnet deshalb damit, dass ein Rückgang der Zahl der Erwerbspersonen bis 2030 nicht verhindert werden kann.

Drittens fehlt in Deutschland der politische Wille, deutliche Arbeitsanreize zu schaffen. Die Wirkung des demografischen Wandels auf das Rentensystem eskaliert, wenn Menschen im erwerbsfähigen Alter keine Rentenbeiträge zahlen, sondern auf Sozialtransfers angewiesen sind. Es ist zweifelhaft, dass Sozialleistungen wie das Bürgergeld dies wirkungsvoll verhindern. Ebenso zweifelhaft ist es, dass schlechte Arbeit in Minijobs oder dem Niedriglohnsektor Bezieher von Sozialleistungen langfristig in Arbeit lockt.

Ohne Wachstum stürzt das Rentensystem ein

Viertens kommen auf lange Sicht Faktoren wie Fläche und Infrastruktur ins Spiel: Immer mehr Arbeitnehmer müssen irgendwo wohnen, zum Arzt gehen, ihre Kinder in die Schule schicken, Straßen benutzen oder Bahn fahren. Auch hier gibt es natürliche Grenzen.

Und fünftens wird ein anhaltend starkes Wirtschaftswachstum benötigt, um die Erwerbstätigkeit kontinuierlich auszuweiten. Nicht nur, dass es hier berechtigte Zweifel gibt, dass der deutschen Wirtschaft das überhaupt gelingt: Wir stehen zudem vor dem klassischen Wachstumsdilemma. Klimaschonendes Wirtschaftswachstum oder gar „grünes Schrumpfen“ werden kein Thema mehr sein können, wenn sich die Politik weigert, ein Rentensystem zu reformieren, das auf Gedeih und Verderb der Notwendigkeit des knallharten Wirtschaftswachstums ausgeliefert ist.

Für Politiker ist die Forderung nach einer höheren Lebensarbeitszeit zu unpopulär.
Für Politiker ist die Forderung nach einer höheren Lebensarbeitszeit zu unpopulär. (Foto: Patrick Pleul)

Wenn der Gute–Arbeit–Vorschlag das Rentenproblem so offensichtlich nicht lösen kann, warum wird er dann politisch so rigoros vertreten? Ganz einfach: Weil es populärer ist, höhere Löhne als eine längere Lebensarbeitszeit zu fordern. Faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen sind absolut berechtigte Forderungen, mit Blick auf die Stabilität der Rente aber ideologische Nebelbomben.

Dass die Entscheidungsträger das Kernproblem des Rentensystems auf diese Weise seit einem halben Jahrhundert verschleppt und verschärft haben, ist die fahrlässig akzeptierte Folge. Im letzten Teil dieser Serie werden wir uns die Fragen stellen, ob das Rentensystem tatsächlich zusammenbricht oder ob es nicht externe Maßnahmen gibt, die das System stabilisieren können.


Diese Teile zur Renten-Serie erwarten Sie noch:

  • Zum Auftakt ging der Artikel „Die Wut muss raus aus der Rentendebatte“ grundsätzlich auf die Debatte zur Rente ein, die hochemotional geführt wird. Dabei besteht das Problem seit einem halben Jahrhundert und spitzt sich immer weiter zu. Wir haben uns daran gewöhnt, müssen aber einen Ausweg finden.
  • Der Text „So lässt sich das Rentenproblem lösen“ betrachtet das umlagefinanzierte Rentensystem strukturell. Aus den Überlegungen folgt, dass es nur eine Lösung des Rentenproblems gibt, zu dieser aber verschiedene, und verschieden gute, Wege führen.
  • „Warum die Rente mit 70 sozial gerecht ist“ beschäftigt sich mit einer möglichen Erhöhung des Renteneintrittsalters. Dies ist ein hochemotionales Thema und wird kaum sachlich diskutiert. Längeres Arbeiten wird oft als Rentenkürzung für zukünftige Generationen verstanden. Wenn das so ist, dann muss eine gleichbleibende Lebensarbeitszeit bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung als Rentenkürzung für derzeitige Rentner verstanden werden. Das wirft große Fragen auf: Was ist sozial gerecht, nicht nur mit Blick auf zukünftige Rentner, sondern auch gegenüber der heutigen Rentnergeneration? Und wie ist es überhaupt möglich, hier einen gesellschaftlichen Kompromiss zu finden? Schließlich ist völlig klar, dass Pflegekräfte, Polizistinnen oder Dachdecker ihre Lebensarbeitszeit nicht beliebig verlängern können.
  • Der letzte Teil dieser Serie stellt die Frage: „Wie wird das Rentensystem zusammenbrechen?“, wenn sich die Politik weiterhin weigert, eine ernsthafte Reform ins Auge zu fassen. In der Debatte wird häufig vom „Kollaps des Rentensystems‟ gesprochen. Dieser wird schlicht nicht eintreten, solange die Bundesrepublik nicht kurz vor der Staatspleite steht. Doch das ist nicht die eigentliche Gefahr, die von einem immer schwieriger zu finanzierenden Rentensystem ausgeht. Die Gefahr ist vielmehr, dass sich das Problem tief in den Staatshaushalt frisst und andere Bereiche infiziert. Als Folge fehlt Geld für überlebenswichtige Investitionen in die Zukunft des Landes.