StartseitePolitikLauterbach bei Geld für Long Covid in Erklärungsnot

100-Millionen-Euro-Versprechen

Lauterbach bei Geld für Long Covid in Erklärungsnot

Berlin / Lesedauer: 4 min

Keine Frage, der Gesundheitsminister will den Erkrankten helfen. Allerdings ist es offenbar in Deutschland sehr schwer, für die Behandlung von Long Covid die notwendigen Finanztöpfe anzuzapfen.
Veröffentlicht:12.07.2023, 18:11

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Die Fallhöhe ist enorm: Im Januar hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach medial wirksam angekündigt, dass „wir eine groß angelegte Initiative für Menschen mit Long Covid planen“. Beispielsweise werde zeitnah eine Hotline im Gesundheitsministerium eingerichtet. Sie solle als Anlaufstelle dienen für Menschen, die auf der Suche nach Informationen zu Long Covid sind, so der SPD–Politiker zu Beginn des Jahres. Und Lauterbach wäre nicht Lauterbach, wenn er seinerzeit nicht noch vollmundig bekannt gegeben hätte, dass sein Haus die Versorgungsforschung bei Long Covid künftig mit 100 Millionen Euro fördern würde.

Neuen Forschungsschwerpunkt veranlasst

Mittlerweile sind sechs Monate ins Land gegangen – und die Ernüchterung groß: Am Mittwoch musste Lauterbach vor der Bundespressekonferenz einräumen, dass das Bundesgesundheitsministerium die versorgungsnahe Forschung zu Long Covid ab 2024 mit lediglich 20 Millionen Euro fördern würde. Auf Nachfrage hieß es, dass diese Summe nicht ausschließlich im Jahr 2024 zur Verfügung stehen würde, sondern ab 2024 und anschließend über weitere Jahre gestreckt werden würde. Einen Teilerfolg konnte Lauterbach zumindest dadurch verbuchen, dass er neben der Forschungsförderung des Bundes auch beim Gemeinsamen Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken ein Forschungsschwerpunkt Long Covid veranlassen konnte. Damit werde eine weitere Förderung von 20 Millionen Euro ermöglicht, so der Minister.

Obwohl die ursprünglich von Lauterbach angekündigten 100 Millionen Euro bei weitem nicht erreicht worden seien, sprach der Gesundheitsminister von einer „nennenswerten Summe“, die man jetzt mit den 40 Millionen erreicht habe. „Die Haushaltslage ist prekär, da musste auch das Bundesgesundheitsministerium in den Haushaltsverhandlungen mit dem Finanzminister Zugeständnisse machen“, so Lauterbach.

Empfehlungen zu Long Covid auf neuer Internetseite

Und dies, obwohl die Situation für an Long Covid Erkrankte in Deutschland „eher bescheiden“ aussieht. Es gebe ein großes Informations– und Versorgungsdefizit, es gebe wenige Heilungs– und Therapieformen und derzeit lediglich die Möglichkeit, Symptome zu lindern. „Die Situation ist schlechter, als ich es mir vor einem halben Jahr vorgestellt habe“, sagte der Minister. Unter Long Covid versteht man Beschwerden, die jenseits einer akuten Krankheitsphase von vier Wochen fortbestehen oder dann neu auftreten. Post Covid beschreibt das Krankheitsbild mehr als zwölf Wochen nach einer Corona–Infektion. Nach Aussage von Lauterbach würden rund 6 bis 15 Prozent der an Corona Infizierten an Long Covid leiden.

Um wenigstens einen Schritt bei der Bekämpfung von Long Covid zu gehen, hat das Gesundheitsministerium am Mittwoch eine Website (www.bmg–longcovid.de) scharf gestellt. „Wir haben dort ein Informationsportal aufgebaut, das von international renommierten Experten begleitet wird. Hier finden sich Empfehlungen zur Behandlung, Stand der Wissenschaft und Hinweise auf spezialisierte Ärztinnen und Ärzte“, sagte Lauterbach. Auch eine telefonische Beratung werde angeboten.


Der Minister mahnte: „Der Schrecken der Pandemie ist Vergangenheit. Die Langzeitfolgen bleiben aber eine Herausforderung. Die Long–Covid–Kranken erwarten zu Recht, dass wir uns um sie kümmern.“ Mit der Initiative wolle man Aufmerksamkeit für die Erkrankten und ihre Krankheit schaffen, das Bewusstsein für die Auswirkungen von Long Covid stärken und zusammen mit Betroffenen einen gemeinsamen Umgang mit dem Syndrom finden.

Lauterbach: Industrie investiert zu wenig

Carmen Scheibenbogen, Leiterin der Immundefekt–Ambulanz an der Charité in Berlin, appellierte bei der Pressekonferenz an ihren eigenen Berufsstand, sich im Bereich Long Covid ständig fortzubilden. In Deutschland seien rund 2,5 Millionen Menschen von Long Covid betroffen – in der Charité müsste man für einen Termin in der Sprechstunde rund ein halbes Jahr lang warten. „Es fehlt an einer flächendeckenden Aufklärung. Oftmals würden falsche Arzneimittel verschrieben, teilweise würden die Long–Covid–Patienten psycho–somatisch behandelt. Wir müssen schauen, dass wir schnell in Deutschland eine Struktur schaffen, damit alle Betroffenen an jedem Ort gleich behandelt werden“, stellte Scheibenbogen unmissverständlich die Defizite fest.

Die Professorin legte den Finger noch in weitere Corona–Wunde. „In den USA beispielsweise wird zehnmal so viel Geld pro Kopf in die Forschung von Long Covid gesteckt als in Deutschland“, betonte Scheibenbogen. Eine Steilvorlage für den Minister: Er zeigte sich enttäuscht, dass bei uns zu wenig Geld aus der Pharmaindustrie heraus in Long–Covid–Forschung investiert werde.

All diese Kritik dürfte auch Thema sein, wenn Karl Lauterbach zum 12. September erstmals zu einem Runden Tisch einlädt. Vertreter aller von Long Covid betroffenen Gruppen sollen dann die Möglichkeiten erhalten, sich zu der Langzeiterkrankung auszutauschen. Der Minister versprach, dass dies kein belangloses Plauderstündchen werden würde — „die Runden Tische, zu denen ich einlade, sind immer ergebnisorientiert“, machte Lauterbach deutlich.