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Atomenergie

„Ohne Kernenergie ist Klimaschutz kaum möglich“

Berlin / Lesedauer: 9 min

Der Physiker Ulrich Waas ist einer der profiliertesten Kenner der deutschen Kernkraftsicherheit. Im Interview erklärt er, warum die Energiewende ohne Kernkraft eine Stolperstrecke ist.
Veröffentlicht:11.08.2023, 08:14

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In den vergangenen Jahren haben Sie sich bei Kernkraftgegnern und in der Atomindustrie Feinde gemacht. Wie kam es dazu, dass Sie, überspitzt gesagt, bei den einen als Lobbyist und bei den anderen als Verräter gelten?

Da muss ich etwas ausholen. Ich habe 1975 in der Industrie angefangen. Damals waren alle für Kernenergie. Aber durch die nuklearen Unfälle von Three Miles Island und Tschernobyl sowie die Gedanken zu Grenzen des Wachstums gab es einen Paradigmenwechsel. Auf diese Debatte hat sich die Industrie nicht richtig eingelassen. Meine Meinung: Es ist verständlich, dass Menschen sich mit Kernenergie unwohl fühlen. Die Kernenergie ist für fast alle Mitbürger eine sehr anonyme Technik und nicht völlig problemlos. Also wenn es gelänge, ein Energiesystem aufzubauen, das ohne Kernkraft für eine Industriegesellschaft funktionierte und das gleichzeitig klimafreundlich wäre, würde ein wesentlicher Grund für die Kernenergie entfallen. Unredlich ist es aber, die Schwierigkeiten des gewünschten neuen Energiesystems dadurch verstecken zu wollen, dass man lediglich über reale oder fiktive Probleme der Kernenergie redet. Diese offene Haltung hat mich bei einigen „ideologischen“ Befürwortern wie auch Gegnern der Kernenergie zur „Unperson“ gemacht.

Gehen wir das mal im Einzelnen durch: Warum importieren wir nicht einfach den Strom, den wir brauchen und durch Erneuerbare nicht selbst herstellen können?

Natürlich geht das. Man darf nur nicht erwarten, dass das eine kostengünstige und solidarische Lösung ist. Letzten Endes wären wir dann auf die Lieferfähigkeit unserer Nachbarn angewiesen, die sich ihrerseits fragen, warum Deutschland als größter Energiekonsument des Kontinents nicht zur europäischen Versorgungssicherheit beiträgt. Das kann Teil einer Strategie sein, aber eine gute ist es nicht. Das wurde zuletzt im vergangenen Winter deutlich, als Frankreich aufgrund von technischen Problemen viele Kernkraftwerke nicht am Netz hatte.

Sie haben auch heute noch Kontakte zu ehemaligen Kollegen in der europäischen Nuklearindustrie. Wie wird dort die deutsche Atomstrategie gesehen?

Viele Leute wundern sich und versuchen nun ihrerseits, das Beste daraus zu machen. Sie sagen: „Die Deutschen werden mit ihrem Konzept nicht klarkommen und zukünftig öfter Not haben — dann können wir ihnen Strom zu hohen Preisen verkaufen“. Deswegen planen Länder wie Tschechien oder die Slowakei bereits zusätzliche Kapazitäten für unsere Notlagen. Selbstverständlich wird das Auswirkungen auf den Strompreis in der Bundesrepublik haben.

Von welchen Größenordnungen sprechen wir hier?

Wenn wir den vergangenen Winter, als Frankreich seine Kraftwerksprobleme hatte, als Grundlage nehmen: Da hat eine Megawattstunde Strom weit über 100 Euro gekostet. Davor lag der Preis etliche Jahre noch bei 20 bis 30 Euro. Wenn sich der hohe Preis verstetigt, wäre dies eine Vervielfachung des Preises. Aber Vorsicht: Ich sage nicht, dass es so kommt. Ich sage nur, dass wir keinen Einfluss mehr darauf haben, ob es so kommt, wenn wir sowohl Kernkraftwerke als auch fossile Kraftwerke gleichzeitig abschalten.

Die Bundesregierung will dieses Problem lösen, indem sie die schwankende Verfügbarkeit der Erneuerbaren durch den massiven Ausbau von Speichermöglichkeiten elektrischer Energie ausgleicht. Ist das zu schaffen?

Langfristig ist das sicherlich eine Option, aber in der geplanten Geschwindigkeit ist es Wunschdenken. Wir haben momentan in Deutschland eine Speicherkapazität von 40 Gigawattstunden. Damit könnte man das gesamte deutsche Netz eine halbe bis eine Stunde versorgen. Für eine Dunkelflaute reicht das nicht einmal im Ansatz. Also muss ausgebaut werden. 39 der 40 Gigawattstunden Kapazität fallen auf Pumpspeicherwerke, der Rest auf Batterien und Akkus. Pumpspeicherwerke kann man nur in Tälern bauen, dafür ist die deutsche Topografie nicht gut ausgerichtet. Außerdem müsste man sich sorgen, dass Flussläufe verändert werden und die Umwelt Schaden nimmt. Und die Speicherung in Batterien ist nach jetzigem Stand der Technik für große Mengen nicht einmal ansatzweise günstig darstellbar.

Und mit Wasserstoff? Dies scheint ja die bevorzugte Richtung der Bundesregierung zu sein.

Auch das ist technisch möglich, aber nur zu hohen Kosten. Und damit meine ich nicht bloß die Infrastruktur. Wenn Energie erst in Wasserstoff gespeichert und anschließend damit Strom erzeugt wird, hat man einen doppelten Wirkungsgradverlust. Der Gesamtwirkungsgrad liegt dann noch bei etwa 25 bis 30 Prozent. Das bedeutet: Pro Kilowattstunde brauche ich ein Mehrfaches der Kapazität von Wind und Sonne. Klar ist das irgendwann möglich, aber es wird sehr teuer.

Deswegen will die Bundesregierung Wasserstoff zusätzlich auch aus Ländern wie Chile und Namibia importieren.

Richtig, dadurch soll es günstiger werden, obwohl die Kosten für Transport und Verfügbarkeit vor Ort diesen Vorteil wieder zunichtemachen. Ich kürze das mal ab: Selbstverständlich gibt es Möglichkeiten, aber die grundlegende Frage ist doch, warum wir bis 2030 alles abschalten wollen, ohne vorher ein vernünftiges System implementiert zu haben. Man reißt doch keine Brücke ab, bevor die neue gebaut ist. So notwendig diese Transformation ist: Sie geht nicht über Nacht und wir wissen heute nicht einmal, ob sie überhaupt so funktioniert, wie wir sie uns vorstellen. Das ist ein unerhört risikoreiches Vorgehen — und eine weltweit führende Industrienation kann ihre Energiepolitik nicht auf Traumschlössern aufbauen.

Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, setzen wir vorübergehend auf Kohlekraftwerke. Die sind grundlastfähig, aber sehr klimaschädlich. Das führt zu einem „grünen Paradox“: Wenn wir eine klimafreundliche und wirtschaftlich weniger risikobehaftete Energieversorgung haben wollen, müssten wir auf Kernenergie setzen. Ist das Ihr Argument?

Ganz genau. Ich sage nicht, dass der Betrieb von Kernkraftwerken völlig risikofrei ist. Ich sage lediglich: Ohne Kernenergie ist Klimaschutz in den nächsten Jahren kaum möglich. Das Hochfahren der alten Kohlekraftwerke, um die Anfang 2022 noch betriebsfähigen AKW zu ersetzen, führt zu zusätzlichen CO2–Emissionen von über 60 Millionen Tonnen pro Jahr. Das ist nicht mit dem Erreichen unserer Klimaschutzziele vereinbar. Bei Kernkraftwerken wiederum ist der Hauptemittent von CO2 die Materialproduktion. Mit anderen Worten: Stehen die Kraftwerke bereits, ist die Energieproduktion durch Kernkraft mindestens so klimaneutral wie jene durch Wind und Sonne. Ich kann ja verstehen, dass die Grünen sich dagegen wehren, schließlich ist das Ende der Atomkraft ihr letztes verbliebenes Glaubensbekenntnis. Doch das führt jetzt dazu, dass wir eine irrationale, hochrisikoreiche Energiepolitik verfolgen, die in vielen anderen Ländern nur für ein Kopfschütteln sorgt.

Über die grundsätzlichen Gefahren der Kernenergie wurde viel diskutiert. Wie sieht es derzeit mit der Sicherheit der Kernkraftwerke in Deutschland aus? Könnte man sie jetzt überhaupt noch in Betrieb nehmen?

Bei der Sicherheit der Kraftwerke sehe ich keine nennenswerten Probleme, die kriegt man technisch wieder auf den neuesten Stand. Die Probleme liegen eher beim Personal. Ich habe immer noch Kontakte auf die Anlagen. Im März 2022, kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, habe ich mit Leuten vor Ort gesprochen. Ausreichend viele wären damals bereit gewesen, die „Zeitenwende“ mitzutragen und von schon bestehenden Vorruhestandsverträgen zurückzutreten, auch mit finanziellen Nachteilen. Doch mittlerweile haben viele Leute einfach die Nase gestrichen voll. Und auch die Konzernleitungen haben keine Lust mehr. Aus der Politik kommen einfach zu viele unwahre Behauptungen.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Zum Beispiel wurde noch 2022 behauptet, dass weltweit kein Endlager in Sicht wäre, dabei wird in Finnland 2025 eins in Betrieb genommen. Oder es wird behauptet, dass Kernkraftwerke keine Lastwechsel fahren und somit nicht als Backup für Wind und Sonne fungieren könnten. Das stimmt nicht. Zum Beispiel haben in Baden–Württemberg die damaligen Energieversorger — die Neckarwerke, das Badenwerk oder die Energieversorgung Schwaben — ihre Kernkraftwerke als lastwechselfähige Kraftwerke bestellt. Oder es wurde behauptet, dass eine Sicherheitsüberprüfung der Kernkraftwerke mehr als zwei Jahre dauern würde und die Anlagen in der Zeit abgeschaltet sein müssten. Tatsächlich wurde die Reaktor–Sicherheitskommission dazu überhaupt nicht befragt. Als FDP und CDU das Thema aufgriffen, wurde der Druck so groß, dass das Bundesumweltministerium der Kommission einen Überprüfungsauftrag gab — und bei dem kam heraus, dass alles Notwendige vorliege und nur ein wenig Papierarbeit verrichtet werden müsse. Zudem gebe es keinerlei sicherheitstechnische Bedenken. Die genannten Argumente gegen den Weiterbetrieb sind also völlig frei erfunden.

Sie hatten als Mitglied der Reaktor–Sicherheitskommission gute Kontakte ins Umweltbundesministerium. Wenn Sie heute mit den Verantwortlichen dort sprechen, was sagen die dazu?

Ich habe bei einigen Referatsleitern von Fachabteilungen zu den erfundenen Argumenten nachgefragt, die haben darauf nicht geantwortet. Anscheinend dürfen diese sich auch zu den fachlichen Fragen nicht mehr offen äußern. Es ist traurig, wenn so mit vorgeschobenen Argumenten und bewussten Fehlinformationen gearbeitet wird, nur um das „Lebenswerk“ einiger Exponenten der Grünen zu retten — und das auch nur scheinbar, denn fast alle unsere Nachbarn in Europa setzen wegen des Klimas weiterhin oder wieder auch auf Kernenergie als Teil eines Energiemixes.

Wenn man sich die Option der Kernenergie offenhalten will: Wie schnell müsste man dann handeln?

Unverzüglich. Zum einen müsste die Politik das Personal auf seine Seite ziehen. Das ginge nur mit einer Entschuldigung der Bundesregierung und einem glaubwürdigen Appell an die Mitarbeiter. Zum anderen schreitet der Rückbau voran. Im ersten Schritt wird dekontaminiert, die Radioaktivität reduziert und die Brennelemente werden entfernt. In dieser Phase ist der Rückbau noch leicht reversibel. Doch wenn im zweiten Schritt Systeme abgebaut oder gar Großkomponenten zerlegt werden, dann ergibt eine Wiederinbetriebnahme zunehmend keinen Sinn mehr. Wenn die letzten Kernkraftwerke in Deutschland jetzt ein OK bekämen, ginge es bei dreien sicher noch, möglicherweise noch bei zwei weiteren. Doch irgendwann ist es schlicht zu spät.

Zur Person: Ulrich Waas (geb. 1947) ist Diplom–Physiker und hat rund 40 Jahre in der Kernkraftsparte der Kraftwerk Union AG, einem ehemaligen gemeinsamen Tochterunternehmen von Siemens und AEG, gearbeitet. Dort war er insbesondere für Sicherheitsbelange der Kernkraftwerke des Konzerns zuständig. Zwischen 2005 und 2021 beriet Waas als Mitglied der Reaktor–Sicherheitskommission das Bundesumweltministerium in Fragen der Kernkraftsicherheit. Waas lebt heute in Bayern und engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe.