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Kommentar

Pisa-Studie – Deshalb sind Deutschlands Schulen so schlecht

Berlin / Lesedauer: 4 min

Schonungslos hat die Pisa-Studie den Finger in die Wunden des Bildungswesens gelegt. Damit diese endlich heilen, muss eine radikale Wende her, meint unser Nordkurier-Reporter.
Veröffentlicht:06.12.2023, 13:59

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So, jetzt hat es Deutschland schwarz auf weiß, was alle im Bildungswesen bereits befürchtet hatten und es trotzdem einfach geschehen lassen haben - den desaströsen Absturz der Schulleistungen.

Großteil hängt ein Schuljahr zurück

In Zahlen: Einem Drittel der 15-Jährigen fehlt es in Mathe an den elementarsten Grundlagen, beim Leseverständnis ist es ein Viertel, bei dem die elementaren Kompetenzen fehlen. Anders ausgedrückt: Ein großer Teil der Schüler hängt rund ein Schuljahr zurück.

Die internationale Vergleichsstudie der OECD findet alle drei Jahre statt und überprüft die Kompetenzen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften.
Die internationale Vergleichsstudie der OECD findet alle drei Jahre statt und überprüft die Kompetenzen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. (Foto: Christophe Gateau)

Das ist für das ehemalige Land der Dichter und Denker fatal - die Folgen einer verkorksten Schullaufbahn setzen sich später in Ausbildung und Beruf fort. Reflexartig kommen jetzt die Hinweise aus den Reihen der Bildungspolitiker, dass die Schulschließungen während der Corona-Pandemie und die zunehmende Zuwanderung das deutsche Bildungswesen in das Tal der Tränen geführt hätten.

Sicherlich, sowohl Pandemie als auch Migration haben die Situation an den Schulen verschärft - doch andere Länder kämpfen ebenfalls mit diesen Herausforderungen und bewältigen sie besser.

Andere Länder steigern sich trotz Corona

Dass der Leistungsabfall in Deutschland nicht auf die Pandemie zurückzuführen ist, lässt sich allein daran sehen, wie wirkungslos die meisten Corona-Aufholprogramme verpufften - weil bun­des­land­über­grei­fen­de Standards fehlten.

Länder wie Italien, die Türkei und Portugal haben es geschafft, sich bei Pisa kontinuierlich zu verbessern, obwohl die Migration aus politischen und ökonomischen Gründen weltweit explodiert ist. Deutschland nicht. Die Ursachen sind fehlende Sprachförderung, fehlende gezielte Betreuung von Migranten, aber auch von schwachen deutschen Schülern, und fehlende Kita-Plätze. 

Die eigentlichen Katalysatoren der deutschen Schulmisere aber sind andere - massiver Lehrermangel, mangelhafte Digitalisierung, schlechte Ausbildung und obendrauf eine große Portion Selbstgerechtigkeit in Politik und Schulen.

Einheitliches Konzept für alle Bundesländer 

Beispielhaft für letzteren Aspekt: Bei der Vorstellung der Pisa-Studie, dem wohl wichtigsten Bildungs-Termin in diesem Jahr, fehlte ausgerechnet Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger. Mehr Symbolkraft für den Stellenwert des deutschen Schulwesens geht nicht.

Deshalb: Deutschland muss sich zu seiner Bildung mit Ehrlichkeit und Tatkraft bekennen, muss den Schulen oberste Priorität einräumen. Und das funktioniert nicht, indem 16 Bundesländer mit ihren jeweiligen Bildungskonzepten vor sich hin wursteln und dem ach so gelobten Föderalismus frönen. Nein, Schluss mit dem Föderalismus in der Bildungspolitik. Alle Kraft gemeinsam deutschlandweit in die Grundschulen, weil dort der Hebel am größten ist, um die Basiskompetenzen Lesen, Rechnen und Schreiben voranzubringen.

Statt Geld und Energie in 16 konkurrierende Bildungssysteme zu stecken und sich mit Prämien noch gegenseitig die Lehrkräfte abzujagen, sollte Deutschland in das Ziel investieren, dass alle Kinder mit den gleichen Chancen ins Leben starten können. Dass es anders nicht gelingt, beweisen die vergangenen 23 Jahre, in denen die Pisa-Studien immer wieder den Finger in die Wunden des deutschen Bildungswesens legten.

Estland als Vorbild nehmen

Vielleicht hilft auch ein Blick ins kleine Estland: Für die Kitas gibt es dort nationale Lehrpläne. Wer dort als Erzieher arbeiten will, muss in der Regel studiert haben. Und für alle Fünf- und Sechsjährigen gibt es ein verpflichtendes Schulvorbereitungsprogramm, das entweder in den Kindergärten oder in den Schulen stattfindet - in Deutschland ist es dagegen von Kita zu Kita unterschiedlich, ob ein Kind in den Genuss einer Schulvorbereitung kommt. 

In den Schulen selbst werden die Esten meist gemeinsam von der ersten bis zur neunten Klasse unterrichtet. Erst danach entscheiden sie, ob sie weiter zur Schule gehen und einen Abschluss der Sekundarstufe II machen wollen. Wer aufs Gymnasium will, bekommt in der Regel einen Platz - auch wenn die Noten nicht so gut sind. In Deutschland dagegen setzt die Bildungsschere bereits nach der vierten beziehungsweise sechsten Klasse an - schon in jungen Jahren also fallen etliche Schüler durchs Raster und die jeweilige Schulkarriere ist programmiert.

All das aber stört die deutsche Bildungspolitik offenbar nicht - der Pisa-Schock wird sich erfahrungsgemäß schnell legen, beim nächsten Pisa-Desaster darf dann wieder gejammert werden. Dazwischen liegt ganz viel Bildungswüste.