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So lässt sich das Rentenproblem lösen

Berlin / Lesedauer: 7 min

Über die Rente wird hitzig diskutiert, dabei ist die Rechnung eigentlich ganz einfach: Das System hat einen strukturellen Fehler, der sich beheben lässt – wenn man will.
Veröffentlicht:04.05.2023, 18:17

Von:
  • Carsten Korfmacher
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Das deutsche Rentensystem ist chronisch klamm. Mehr als 100 Milliarden Euro, und damit deutlich mehr als ein Viertel der jährlichen Ausgaben der Deutschen Rentenversicherung, müssen aus Steuergeldern zugeschossen werden, sonst könnte der Staat schon heute keine Rentenzahlungen mehr leisten. So viel ist bekannt. Nun könnte man sagen: Wo ist das Problem? Wir zahlen viele Dinge aus Steuern, warum nicht auch die anhaltende Subventionierung der Rente?

Wie in einem Schneeballsystem

Der Grund dafür ist einfach: Ein umlagefinanziertes Rentensystem ist eigentlich so konzipiert, dass es sich selbst trägt und nicht auf Zuschüsse angewiesen ist. Renten sind Sozialausgaben, die verbraucht werden, und somit nicht als Investitionen in Infrastruktur, Bildung, das Gesundheitswesen oder die innere oder äußere Sicherheit fließen können. Somit wäre es wünschenswert, die steuerliche Bezuschussung des Rentensystems zumindest zu reduzieren.

Damit kommen wir zum strukturellen Kernproblem der deutschen Rente: Denn durch den demografischen Wandel nimmt die Notwendigkeit der steuerlichen Renten–Subventionierung im Laufe der Zeit nicht ab, sondern zu. In Deutschland wird die Rente rollierend über Generationen finanziert. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Wie in einem Schneeballsystem zahlen heutige Arbeitnehmer die Rente heutiger Senioren, und sie erhalten ihre Rente aus den Beiträgen zukünftiger Arbeitnehmer.

Mehr als ein Viertel der Deutschen ist bald über 65

Ein solches System funktioniert, wenn die Größenordnungen stabil bleiben. Doch das ist gerade nicht der Fall: Die Zahl der Arbeitnehmer nimmt im Verhältnis zur Zahl der Rentner kontinuierlich ab. Während im Jahr 1981 noch 2,9 Arbeitnehmer einen Rentner finanzierten, werden es nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung im Jahr 2045 nur noch 1,54 Arbeitnehmer sein. Je weiter diese Entwicklung voranschreitet, desto unterfinanzierter ist das Rentensystem.

Der Hauptgrund für die Verhältnisverschiebung ist eine an sich positive Entwicklung, nämlich dass die Menschen in Deutschland immer älter werden. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes lag die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahr 1960 für Frauen bei 72,4 und bei Männern bei 66,9 Jahren. Heute werden Frauen 83,4 und Männer 78,5 Jahre alt, im Jahr 2060 werden diese Werte bei 87,3 und 83,5 Jahren liegen.

Dadurch hat sich der Anteil der Über–65–Jährigen in Deutschland zwischen 1960 und 2021 von 12 auf 22 Prozent nahezu verdoppelt. Bis 2060 soll der Anteil nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung auf 27 Prozent ansteigen. Noch dramatischer ist der Anstieg der Zahl der Hochbetagten: Hatten im Jahr 1960 nicht einmal 2 Prozent der Bevölkerung das 80. Lebensjahr erreicht, sollen es im Jahr 2060 bereits 10 Prozent sein. Derzeit sind rund 7 Prozent der Bevölkerung über 80 Jahre alt.

Das bedeutet, dass das Rentenproblem aus einem Systemfehler resultiert: Das Rentensystem ist darauf ausgelegt, dass sich die Zahl der Rentner und die Zahl der Arbeitnehmer die Waage halten. Verschieben sich die Größenordnungen, gerät das System in eine Schieflage. Ist die Verschiebung anhaltend, bricht das System irgendwann zusammen.

Das Rentenproblem kann ganz einfach gelöst werden

Mathematisch betrachtet ist die Lösung des Rentenproblems deshalb ganz einfach. Ein Verhältnis wird durch einen Bruch ausgedrückt: Oben im Zähler stehen die Rentner, unten im Nenner die Beitragszahler, das Ergebnis ist der sogenannte Quotient. Je kleiner dieser Rentnerquotient ausfällt, desto stabiler ist das Rentensystem. Verringert werden kann der Quotient, wenn der Zähler (die Zahl der Rentner) verkleinert wird oder der Nenner (die Zahl der Arbeitnehmer) vergrößert wird.

Nun muss eine Ungenauigkeit ausgemerzt werden: Einige Senioren haben sehr hohe und andere sehr niedrige Renten, gleichzeitig zahlen einige Arbeitnehmer sehr niedrige und andere sehr hohe Beiträge in die Rentenversicherung. Das zeigt, dass die tatsächliche Anzahl an Rentnern und Beitragszahlern weniger relevant ist als die Gesamtsummen, die sie erhalten und zahlen. Grundsätzlich gibt es also nur zwei Wege, um das Rentenproblem zu lösen: Erstens, das gesamte Rentenvolumen wird reduziert. Oder zweitens, das gesamte Beitragsvolumen wird erhöht.

Der beste Vorschlag ist effektiv, aber unpopulär

An diesem Punkt wird deutlich, warum die Rentendebatte so schwierig zu manövrieren ist und damit auch so viel Raum für Wut, Missverständnisse oder ideologische Geiselnahmen lässt: Das Rentensystem steht in einem äußerst komplexen und dynamischen Verhältnis insbesondere zum Arbeitsmarkt, so dass Entwicklungen in der Arbeitswelt immer auch Auswirkungen auf das Rentenproblem haben.

Somit gibt es zahllose Stellschrauben, um auf das Rentensystem einzuwirken: Zum Beispiel führen höhere Löhne ebenso zu höheren Rentenbeiträgen wie eine direkte Anhebung der Beitragssätze; eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine stärkere Nettozuwanderung führen potenziell zu mehr Arbeitnehmern; wenn die Löhne stärker steigen als die Renten, sinkt das Rentenniveau, was wiederum die gesetzliche Rentenkasse weniger stark belastet. Und so weiter.

Höhere Lebenserwartung = höhere Lebensarbeitszeit?

Wie wir noch sehen werden, wirken diese vermeintlichen Lösungen aber immer nur kurzzeitig, und können deshalb maximal als flankierende Maßnahmen betrachtet werden. In der Tat gibt es nur eine einzige Möglichkeit, den strukturellen Fehler des Rentensystems zu beheben. Dieser Vorschlag beeinflusst sowohl den Zähler als auch den Nenner des relevanten Verhältnisses gleichermaßen positiv und würde das Rentensystem langfristig stabilisieren. Diese Maßnahme ist so effektiv wie unpopulär: nämlich die Koppelung der Lebensarbeitszeit an die Lebenserwartung. Im nächsten Text sehen wir uns das genauer an.


Diese Teile zur Renten-Serie erwarten Sie noch:

  • „Die Wut muss raus aus der Rentendebatte‟ betrachtet das umlagefinanzierte Rentensystem strukturell. Aus den Überlegungen folgt, dass es nur eine Lösung des Rentenproblems gibt, zu dieser aber verschiedene, und verschieden gute, Wege führen.
  • „Warum die Rente mit 70 sozial gerecht ist‟ beschäftigt sich mit einer möglichen Erhöhung des Renteneintrittsalters. Dies ist ein hochemotionales Thema und wird kaum sachlich diskutiert. Längeres Arbeiten wird oft als Rentenkürzung für zukünftige Generationen verstanden. Wenn das so ist, dann muss eine gleichbleibende Lebensarbeitszeit bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung als Rentenkürzung für derzeitige Rentner verstanden werden. Das wirft große Fragen auf: Was ist sozial gerecht, nicht nur mit Blick auf zukünftige Rentner, sondern auch gegenüber der heutigen Rentnergeneration? Und wie ist es überhaupt möglich, hier einen gesellschaftlichen Kompromiss zu finden? Schließlich ist völlig klar, dass Pflegekräfte, Polizistinnen oder Dachdecker ihre Lebensarbeitszeit nicht beliebig verlängern können.
  • Teil 4 widerlegt ein politisch sehr beliebtes Argument und stellt fest: „Gute Arbeit kann die Rente nicht retten‟. Der Text sieht sich die Möglichkeit an, das Rentensystem über Arbeitsmarkt–Maßnahmen wie Lohnerhöhungen, flächendeckende Tarife oder eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu lenken. Er kommt zu dem Schluss, dass diese Möglichkeiten alleine das Rentenproblem nicht lösen können und deshalb nur flankierend wirksam sind.
  • Der letzte Teil dieser Serie stellt die Frage: „Wie wird das Rentensystem zusammenbrechen?‟, wenn sich die Politik weiterhin weigert, eine ernsthafte Reform ins Auge zu fassen. In der Debatte wird häufig vom „Kollaps des Rentensystems‟ gesprochen. Dieser wird schlicht nicht eintreten, solange die Bundesrepublik nicht kurz vor der Staatspleite steht. Doch das ist nicht die eigentliche Gefahr, die von einem immer schwieriger zu finanzierenden Rentensystem ausgeht. Die Gefahr ist vielmehr, dass sich das Problem tief in den Staatshaushalt frisst und andere Bereiche infiziert. Als Folge fehlt Geld für überlebenswichtige Investitionen in die Zukunft des Landes.