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Baustelle Deutschland

„Unser Zukunft hängt vom Bildungssystem ab“

Berlin / Lesedauer: 7 min

Die Corona-Pandemie zeigte gnadenlos auf, woran es an deutschen Schulen mangelt. Auch das ständige Gerangel zwischen Bund und Ländern trägt nicht zur Bewältigung der Bildungskrise bei.
Veröffentlicht:10.10.2023, 17:46

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Es brauchte am Ende eine Pandemie, um auch dem letzten (Bildungs-)Politiker den Zustand des deutschen Bildungswesens anschaulich zu präsentieren. Während in anderen Ländern über den Digitalunterricht nicht nur in salbungsvollen Sonntagsreden schwadroniert wird, sondern das Lernen tagtäglich durch moderne Technik mit Leben gefüllt ist, regierten in Deutschland während der Corona-Pandemie Faxgeräte, Drucker und Kopierer.

Kaum aufholbare Lernlücken während der Corona-Pandemie

Die deutschen Schüler sind im 21. Jahrhundert abhängig von ihrer jeweiligen Schule, ihrem jeweiligen Lehrer und ihrem jeweilig zur Verfügung stehenden Wlan. Wer das Glück hatte, einen online-affinen Lehrer zu haben, durfte sich zumindest in den Monaten der Schulschließungen über rudimentären Digitalunterricht freuen. Schüler und Lehrer trafen sich wenigsten einmal am Tag für ein Stündchen im virtuellen Klassenzimmer und genossen so etwas wie Schulunterricht.

Wer aber einen Klassenlehrer hatte, der über Digitalunterricht so viel wusste wie ein Eskimo von der Sahara, hatte schlicht und einfach Pech. Kein digitaler Unterricht ‐ mit Glück gab es ein paar kopierte Seiten mit Mathe- und Deutschaufgaben, die von Briefkasten zu Briefkasten verteilt wurden.

Fazit: Unterrichtsstoff wurde gänzlich verpasst oder nur zum Teil abgearbeitet, komplette Klassen häuften riesige Lernrückstände an, die sie wohl in ihrer weiteren Schullaufbahn kaum aufholen können. Ein Armutszeugnis für Deutschland!

„Deutschland hinkt 20 Jahre hinter Dänemark hinterher“

Ralf Wintergerst, Präsident des Internetverbandes Bitkom, übersetzte dieses Armutszeugnis hinsichtlich der mangelhaften Digitalisierung in den Schulen in ein anschauliches Beispiel: „Deutschland hinkt mittlerweile 20 Jahre hinter Dänemark hinterher.“ Von den maroden Schulen, der mangelhaften Chancengerechtigkeit und den massiven Unterrichtsausfällen in Deutschland ganz zu schweigen.

Dass die Corona-Pandemie die Schwachpunkte des Bildungssystems gnadenlos aufgedeckt hat, weiß auch Katharina Günther-Wünsch, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Familie. „Die Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig digitale Instrumente für den Bildungsprozess sind. Wir müssen sicherstellen, dass Schulen perspektivisch mit modernster Technologie ausgestattet sind, und Lehrkräfte die notwendigen Fähigkeiten erhalten, um digitale Medien sinnvoll im Unterricht einzusetzen“, macht die CDU-Politikerin deutlich.

Gleichzeitig müsse laut der ehemaligen Lehrerin und Schulleiterin aber auch sichergestellt werden, dass der technologische Fortschritt nicht zu einer Kluft in der Bildung führe, sondern alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen davon profitieren könnten.

Auch der Lehrermangel ist ein drängendes Thema

Laut Günther-Wünsch vollzieht sich im Rahmen der Globalisierung und Digitalisierung ein durchgreifender und rasanter Wandel von der Industrie- in die Wissens- und Datengesellschaft, „in der es unsere Verantwortung ist, die bestmögliche Bildung für unsere Schülerinnen und Schüler zu gewährleisten“. Dazu gehöre, das lebenslange Lernen flexibel zu gestalten, die Überarbeitung der Bildungsstandards mit zeitgemäßen Lehrplänen für zukünftige Anforderungen, die Erneuerung der Schulgebäude anzugehen und dafür auch ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen.

Nordkurier-Serie

Baustelle Deutschland

„Irgendetwas stimmt hier nicht“: Dieses Gefühl hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren festgesetzt. Nach knapp zwei Jahren Ampel-Regierung, nach Jahren der Krise durch Pandemie, Krieg und Inflation, ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme: Wie ist es um Deutschland derzeit bestellt? Um diese Frage zu beantworten, hat der Nordkurier die 13 wichtigsten Aspekte des politischen Lebens in der Bundesrepublik unter die Lupe genommen. Ob es um Wirtschaft, Bildung, Gesundheit, Sozialstaat, Energiepolitik oder Kriminalität geht: Der Nordkurier legt die Probleme des Landes knallhart offen – und wagt dort, wo es angebracht ist, auch einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.

Teil 1: Deutschlands gefährliche Wohlstandsillusion

Teil 2: Das Dilemma der deutschen Einwanderungspolitik

Teil 3: Warum der Sozialstaat neu gedacht werden muss

Teil 4: Gesundheitswesen auf dem Krankenbett

Teil 5: Wie die Politik den ländlichen Raum vergisst

Teil 6: Polizei am Limit: Nachwuchs verzweifelt gesucht

Teil 7: Wer soll die deutsche Energiepolitik eigentlich bezahlen?

Teil 8: Klimaschutz auf Deutsch ‐ Mit reinem Gewissen in den Untergang

Teil 9: Der Wohnungsbau ist eine einzige Baustelle

Teil 10: „Unser Zukunft hängt vom Bildungssystem ab“

Teil 11: Krieg und Frieden – Eine Zeitenwende

Teil 12: Digitalisierung? Deutsche Wirtschaft nutzt noch immer Faxgeräte

Teil 13: Die deutsche Politik steckt in einer Systemkrise

Doch nicht nur die Digitalisierung sei eine Herausforderung, auch der Lehrermangel sei ein drängendes Thema. „Um die Qualität der Bildung aufrechtzuerhalten, müssen wir verstärkt in die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften investieren und attraktive Arbeitsbedingungen schaffen. Nur so können wir sicherstellen, dass jede Schülerin und jeder Schüler die individuelle Unterstützung erhält, die nötig ist, um das volle Potenzial zu entfalten“, mahnt die Präsidentin der Kultusministerkonferenz.

Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern ist hinderlich

Um die genannten Baustellen zu bewältigen, fordert die Berlinerin eine gemeinsame Anstrengung von Bund und Ländern, Kommunen, Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schülern. „Wir, die Länder, setzen uns dafür ein, die notwendigen Maßnahmen in der Kultusministerkonferenz zu koordinieren und Impulse für eine nachhaltige Verbesserung des Bildungssystems zu geben.“ Im Übrigen, so Günther-Wünsch, gehörten zur Gestaltung der Zukunft der Schüler auch noch andere Fähigkeiten, immer wichtiger würden: Kreativität, Kommunikation, Flexibilität und Innovativität.

Doch die von Günther-Wünsch geforderte „gemeinsame Anstrengung“ ist in Deutschland gar nicht so leicht in die Praxis umzusetzen. Dass trotz der eklatanten Bildungskrise das Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern Mitte März in einem geplatzten Bildungsgipfel mündete, löste ohnmächtiges Kopfschütteln aus. 14 der 16 Bildungsminister aus den Ländern blieben dem Gipfel fern ‐ ein Affront, aber gleichzeitig auch ein Indiz, wie offenbar wenig lösungsorientiert die Bildungspolitiker untereinander agieren.

„Hintergrund für diese Querelen ist die 2006 beschlossene Föderalismusreform, die unter anderem vorsieht, dass die Bildungspolitik weitgehend zur Ländersache wird und der Bund sich aus der direkten Finanzierung von Schulen heraushält“, schreibt Bildungsexperte Werner Klein in einem Beitrag für das Schulportal der Robert-Bosch-Stiftung.

Auch wenn vor allem auf Länderseite stets betont werde, dass rasches Handeln nicht auf strukturelle Reformen warten könne, werde es höchste Zeit, zu einer neuen, realistischen Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern für den Schulbereich zu kommen, betont Klein, der unter anderem beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz in Berlin die Abteilung Qualitätssicherung, internationale und europäische Angelegenheiten und Statistik geleitet hat.

Wie wäre es mit 100 Milliarden Sondervermögen für die Bildung?

In diesem Zusammenhang macht der Bildungsexperte klar: „Entgegen der postulierten Zielsetzung der Föderalismusreform hat sich in den vergangenen Jahren im Bildungsbereich gezeigt, dass die Herausnahme des Bundes aus dem Schulbereich allein aus finanziellen Gründen nicht praktikabel ist.“ Bestes Beispiel: Der im Jahr 2019 gestartete Digitalpakt kam nur zustande, weil der Bund bereit war, 6,5 Milliarden Euro in das Paket zu stecken.

Dass das Geld aber in den Ländern nur zögerlich abfließt und der Pakt 2024 ausläuft, zeigt ebenfalls das Spannungsverhältnis zwischen Bund und Ländern. Mittlerweile hat es den Anschein, als schalte der Bund auf stur ‐ bei der Fortführung des Digitalpaktes über das Jahr 2024 hinaus hält sich die Bundesregierung bei der Bereitstellung finanzieller Mittel noch sehr zurück.

Werner Klein versucht gleichzeitig, noch ein wenig größer und weiter zu denken. „Die Zukunft unserer Gesellschaft hängt sicherlich nicht nur von ihrer Verteidigungsfähigkeit ab, sondern vor allem von einem leistungsfähigen und gerechten Bildungssystem, das die Grundlagen für den sozialen Zusammenhalt in einer immer heterogeneren Gesellschaft schafft“, sagt der Bildungsexperte in seinem Beitrag ‐ und fragt: „Was spricht eigentlich gegen ein ,Sondervermögen für Bildung‘ mindestens in vergleichbarer Höhe der für den Verteidigungshaushalt zur Verfügung gestellten 100 Milliarden Euro, um der Bildungskrise wirkungsvoll zu begegnen?“