Verwaiste Eltern

Die Abschieds-SMS kam kurz vorm Tod

Cordula Lüpkes Sohn hat Selbstmord begangen. Nachts traf die letzte SMS von ihm ein. Die schrecklichen Stunden danach wird sie nie vergessen.
Cordula Lüpke hat überall Collagen mit Bildern ihres toten Sohnes angebracht.
Cordula Lüpke hat überall Collagen mit Bildern ihres toten Sohnes angebracht. Claudia Marsal
 An dieser Stelle starb ihr Sohn am 18. Mai 2014.
An dieser Stelle starb ihr Sohn am 18. Mai 2014. Claudia Marsal
Prenzlau

„Warum war er so verzweifelt? Warum hat er uns nicht um Hilfe gebeten?“ Seit über vier Jahren stellt sich Cordula Lüpke diese Frage jeden Tag aufs Neue. Eine Antwort darauf hat die 55-Jährige bis dato nicht bekommen. Wie auch? Der, der sie ihr hätte geben können, ist tot. Viel zu früh gestorben. Und als ob das nicht schon schrecklich genug wäre, sogar noch durch eigene Hand. Der Sohn der Prenzlauerin hat vor vier Jahren Selbstmord begangen. Benjamin Lüpke raste am 18. Mai 2014 kurz vor Schenkenberg in den Tod.

Ins Feld katapultiert

Der Körper des 26-Jährigen wurde beim Aufprall seines Motorrads so weit ins Feld hinein katapultiert, dass es viele Stunden dauerte, bis man ihn fand. Genau genommen verging von seiner Suizid-Ankündigung bis zur bitteren Gewissheit fast ein ganzer Tag. Cordula Lüpke erinnert sich zurück: „Ich hatte mich nach dem Dienst schon schlafen gelegt, als mein Mann plötzlich an mein Bett gestürmt kam. In der Hand sein Handy, auf dem eine SMS unseres Jüngsten stand. Darin bat Benjamin um Verzeihung für all den Schmerz, den er uns bereitet und wünschte uns noch ein langes Leben.“ In diesem Moment blieb im Hause Lüpke die Zeit stehen.

Wie gelähmt am Küchentisch

„Mein Mann sprang wie von Sinnen ins Auto und fuhr los, um ihn zu suchen. Ich habe angefangen zu schreien.“ Wieder und wieder brüllte die gelernte Krankenschwester den Namen ihres Sohnes und flehte laut: „Komm zurück, Benji; bitte, bitte; komm zurück ...“ Doch ihr Wehklagen verhallte ungehört. Während ihr Mann ziellos durch die Nacht fuhr, saß seine Frau wie gelähmt am Tisch in der Küche des gemütlichen Reihenhauses. „Alles Mögliche ging mir da durch den Kopf. Nur den Gedanken, dass wir ihn nicht rechtzeitig finden könnten, den wollte ich partout nicht zulassen.“ Als am frühen Abend des nächsten Tages Polizisten vor der Tür stehen, wird klar, dass alles Beten und Betteln umsonst war. Ihr jüngstes Kind ist tot.

Totaler Zusammenbruch

Die Eltern erleben den totalen Zusammenbruch. Irgendwie bringt die Familie noch die Beerdigung hinter sich. Dann fallen die zwei in ein tiefes Loch. „Mein Mann brauchte sechs Wochen, um wieder arbeiten gehen zu können“, erinnert sich die Klinikmitarbeiterin zurück. Sie selbst bleibt über ein Jahr der Arbeit fern. „Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.“ Cordula Lüpke holt sich in dieser Zeit alle Hilfe, die sie bekommen kann. Sie begibt sich in psychologische Betreuung, um einen Weg aus der Trauerstarre zu finden. „Dann habe ich verzweifelt um eine Reha-Kur gekämpft“, erzählt sie leise. Noch heute kann sie kaum fassen, dass ihr dabei so viele Steine in den Weg gelegt wurden.

Reha-Kur abgelehnt

Nach dem ersten Widerspruch von der Kasse fragt sie sich fassungslos, was sie denn verbrochen haben könnte, dass ihr in der größten Not noch dieser Stress aufgebürdet wird. Mithilfe ihrer Therapeuten lässt sie nur langsam den Gedanken zu, dass sie natürlich nichts davon verdient hat. „Ich bin doch eine Seele von Mensch, immer gut zu anderen gewesen. Warum also passierte das alles mir und meiner Familie?“ Noch mehr um treibt sie die Frage nach dem Grund für die Tat. Cordula Lüpke weiß um den Liebeskummer und die Selbstzweifel, die ihren kleinen Benji plagten. Tage vor seinem Tod war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Wenn Cordula Lüpke die Augen schließt, sieht sie das Häufchen Elend noch vor sich. Doch seine Mutter schob es damals auf den Arbeits- und Umzugstress.

Renovierung stand an

Benjamin Lüpke hatte nach seinem vierjährigen Dienst bei der Bundeswehr eine Dachklempnerausbildung begonnen. „In den nächsten Tagen wollte er mit meinem Mann noch ein Zimmer renovieren“, all das habe sie besänftigt in dieser Zeit. Selbst am Tag seines Todes fährt sie nach dem Dienst noch bei ihm vorbei, bringt ihm ein belegtes Brötchen von der Tanke mit, insgeheim will sie nur nach dem Rechten schauen. „Da hat er mir noch erzählt, dass er abends bei Freunden grillen will. Das Fleisch war schon gekauft ...“ Ob er in diesem Moment schon an den Suizid gedacht hat? Sie weiß es nicht. Wenig später aber muss er sein Vermächtnis niedergeschrieben haben. In seiner Wohnung findet sich nach dem Tod ein Zettel mit „Mein letzter Wille“, in dem er sein Vermögen geregelt hat. „Was hat ihn so kaputt gemacht?“ diese Frage lässt seine Mutter seitdem nicht mehr ruhen.

Tunnelblick

„Die Psychologen haben mir erklärt, dass er in diesem Moment einen Tunnelblick hatte. Die Erlösung sah er wohl nur in diesem Schritt.“ Sie hat die Worte zwar verstanden. Aber verstehen will und wird die verwaiste Mutter das vermutlich nie. „Wir hätten doch alles für ihn getan. Er hätte nur reden müssen. Nichts kann so schlimm gewesen sein, dass nur dieser Ausweg blieb.“ In manchen Momenten hat sie ihren jüngsten Sohn dafür gehasst, räumt Cordula Lüpke unumwunden an. „Dafür dass er uns das angetan hat“, gibt sie unter Tränen zu. Aber diese Momente währten nie lange. Schon kurz nach dem Crash richtete die OP-Schwester die Stelle an der Kreisstraße als Ort des Gedenkens her. Seit Kurzem hängt dort auch ein neues Kreuz am Straßenbaum. Ein Geschenk zu seinem 30. Geburtstag, den er auf Erden nicht mehr erleben durfte.

Trost findet die Prenzlauerin in der Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“, die sich an jedem letzten Montag im Monat in der UcKerWelle trifft.

Kontakt: 03984 4821216

 

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