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Fortuna lebt in der Uckermark

Agi Nelken probt mit ihren Kindern in Prenzlau und diskutiert mit ihnen, ob die Texte „schweinisch“ sind oder nicht. [KT_CREDIT] FOTO: Carla Kniestedt

VonCarla KniestedtAm 22. Juni werden Hunderte Stimmen auf der LAGA-Bühne Carl Orffs „Carmina Burana“ aufführen. Sie kommen aus dem ganzen Kreis, alle ...

VonCarla Kniestedt

Am 22. Juni werden Hunderte Stimmen auf der LAGA-Bühne Carl Orffs „Carmina Burana“ aufführen. Sie kommen aus dem ganzen Kreis, alle sind Laien. Was treibt sie an?
Teil 2 des Probentagebuchs.

Uckermark.Dass der Konzertchor Prenzlau mitmacht, das ist klar. Dass seine Sänger dieses anspruchsvolle Werk schaffen, davon ist Chef Jürgen Bischof überzeugt. Es ist für sie auch nicht das erste Mal, dass sie sich mit der „Carmina Burana“ befassen. Aber die anderen Chöre, für die ist das Neuland.
Bei der ersten großen Probe in Prenzlau fielen mir die Kinder auf. Gut vorbereitet, konzentriert und mit viel Spaß verblüfften sie Jürgen Bischof und die Großen eindeutig. Weil sie schon so sicher waren. In der Melodie und im Text. Auf die Frage, ob sie denn verstünden, was sie da singen, sagten die Jungs: „Nee, nicht wirklich…“ Worauf eines der Mädchen sofort energisch eingriff: „Ist auch besser, die Texte sind nämlich ziemlich, naja, schweinisch…“ Auf meine verblüffte Frage, wer das denn sage, kam die Antwort: „Na unsere Chorleiterin. Die Frau Nelken.“ Aha, na dann, auf zu den Kindern und Frau Nelken, Montag, später Mittag, Grundschule Gerswalde.
Dieser Chor ist ganz neu. Extra gegründet für die Aufführung der „Carmina Burana“ auf der Landesgartenschau. Die junge Frau im gar nicht strengen Chorleiteroutfit kommt aus Berlin angereist. Sie ist eine von den vielen im Land, die gut ausgebildet sind. Sie hat an der Universität der Künste von Berlin den Bachelor of arts gemacht. Nun ist sie freiberuflich unterwegs, auch im Auftrag der Kreismusikschule Uckermark. Die junge Frau muss schon sehr mögen, was sie tut, wenn sie fürs Arbeiten stundenlang durch die Gegend fährt. Aber die Kinder, die lieben sie offenbar, und sie warten. Lauter Mädchen. Obwohl doch Carl Orff ausschließlich Jungs vorgesehen hat fürs Mitsingen in der „Carmina“. Agi Nelken nickt und sagt völlig entspannt: „Das ist doch egal, wir machen sowieso einiges anders, damit die Kinder richtig zu tun bekommen.“ Was sie damit meint ist einfach erklärt. Eigentlich sind es nur zwei Stücke, die von den Kindern gesungen werden. Am Abend in Prenzlau aber dürfen sie auch bei den Chören mitmachen, gleich am Anfang zum Beispiel. Die Kinder kommen aus den Orten rund um Gerswalde. Die gesamte Chorgründung ist ein, wie ich finde, ziemlich raffinierter Plan: Eltern, die mitsingen im Konzertchor, hatten die Idee. Und so wird das Schöne mit dem Nützlichen verknüpft: Die Kinder machen Musik unter ihresgleichen – und die ganze Familie verbringt am Abend des Konzerts die Zeit gemeinsam auf der Bühne. Es soll aber weiter gehen mit dem Chor,wenn das Konzert vorbei ist,„gerne auch mit Jungs“, so Agi Nelken.
Die Prenzlauer Kinder warten in der Musikschule auf sie. Der Raum ist klein, etwa zehn Kinder sind da, Agi Nelken geht ans Klavier und versucht, so etwas wie Konzentration herzustellen. Ich bewundere ihre geradezu engelsgleiche Geduld. Es wird gesungen – und geredet. Was für eine Sprache ist das, Frau Nelken? Latein, wird geantwortet. Herr Bischof sagt aber, dass sei Französisch, fällt einem der jungen Künstler ein. Worauf ein anderer sofort erklärt, dass das nicht sein könne, weil Französisch nämlich viel schwerer sei… Agi Nelken erklärt, dass im Grunde beides stimmt. Die Texte der „Carmina Burana“ sind zum Teil deutsch, einige Latein, manche französisch. Da fällt mir ein, dass das doch die passende Stelle ist, die Sache mit den „schweinischen Texten“ aufzuklären. Agi Nelken lacht. „Ob ich es nun ganz genau so gesagt habe, keine Ahnung. Aber es stimmt schon, der Inhalt ist nicht ganz jugendfrei. Den groben Inhalt erkläre ich den Kindern aber schon.“ Während ich mich davonschleiche, bin ich ein kleines bisschen neidisch. Darauf, dass diese Kinder sich ziemlich komplizierte Melodien in Windeseile merken. Wie schnell geht das bei den Großen? Bei „Querbeat“ zum Beispiel? Dieser Chor ist auch noch relativ jung – und hat eine höchst anspruchsvolle Chorleiterin. Das muss ich heraus finden. Beim nächsten Mal.

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