Liebesbeweis vor dem Tod

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Frau wollte Ehemann noch auf Sterbebett verkuppeln

Im Hospiz hieß es Abschied nehmen.
Im Hospiz hieß es Abschied nehmen.
Britta Pedersen

Als Inge Stark spürte, dass ihr Leben zu Ende geht, riet sie ihrem Mann, endlich loszulassen. Doch der 83-Jährige wollte das nicht hören.

Vier Monate nach dem Tod seiner Inge hadert der 83-jährige Helmut Stark noch immer mit dem Schicksalsschlag, an dem er den „Halbgöttern in Weiß“ eine Mitschuld gibt. Seiner Meinung nach könnte seine Frau noch leben, wenn andere nicht versagt hätten. „Das Ableben der einzigen Liebe meines Lebens hat mich sehr getroffen“, gibt der Uckermärker zu.

Dankbarkeit gegenüber der Verstorbenen

Er möchte ihr deshalb nachträglich danken für all das, was sie für ihn getan hat. Sein sportliches Engagement in der Leichtathletik beispielsweise wäre ohne ihre wohltuende Zustimmung nicht möglich gewesen, ist der Gerswalder überzeugt. „Auch das soziale Engagement – verbunden mit großem Gerechtigkeitsgefühl gegenüber den Schwächsten der Schwachen – hat sicher mit unserer Kindheit zu tun. Beide waren wir Heimatvertriebene. Meine Frau noch dazu Kriegshalbwaise und später Nachkriegsvollwaise, außerdem wegen ihres andersartigen Aussehens – rotblond mit ganz vielen Sommersprossen – ständig gehänselt, gemobbt und verleumdet.“

Das habe sie schon frühzeitig zusammenrücken lassen, erinnert sich der Rentner zurück. Seitdem waren sich die beiden ein Leben lang treu, wie Helmut Stark versichert. „Als mir mein erstes Assistentengehalt überwiesen wurde, kam unser erstes Wunschkind zur Welt. 1968 war unser Quartett komplett. Und aus meinem Rotfuchs wurde im Laufe der Jahrzehnte ein Polarfuchs...“, sagt er voller Liebe.

Leider nur selten dabei

Seine Frau habe ihn aus finanziellen Gründen leider nur zu wenigen internationalen Wettkämpfen begleiten können, bedauert der erfolgreiche Läufer heute. „Aber in der Zeit der Hochzeitstage mit der Endziffer 0 oder 5 waren wir immer weltweit unterwegs. Israel, Lanzarote, Kuba, Hawaii... Unsere Goldene Hochzeit verlebten wir auf Zypern. Der dortige Halbmarathon war mein letzter internationaler Laufwettbewerb.“ Zu ihrem 55. Hochzeitstag habe seine Frau dann aber schon nicht mehr mit ins Flugzeug steigen wollen. Und schon da habe ihn die Schwerkranke gemahnt, sie loszulassen.

Noch heute hat er ihre Worte im Ohr, dass sie doch so viele schöne und glückliche Jahrzehnte miteinander verbracht hätten... „Aber ich konnte und wollte nicht loslassen“, sagt er traurig. Später im Hospiz habe sie diesen Appell mit dem Hinweis wiederholt, dass ihre verwitwete Freundin doch eine sehr nette Frau sei. Er protestierte zwar nicht.

Balsam auf der Wunde

„Ich kenne sie schließlich seit über 30 Jahren und bin ihr sehr zugetan. Meine Frau war die Patin ihrer Tochter“, erzählt er weiter. Ein paar Wochen später sei er mit ihr zusammen auch den Prenzlauer Hügelmarathon gefahren, erzählt Stark. „Das war Balsam auf meiner Wunde“, gesteht der Witwer ein. Trotzdem kamen die zwei überein, nur Freunde zu bleiben. Alles war noch zu frisch. Allein bleiben möchte Helmut Stark auf Dauer aber nicht.

Seine verstorbene Frau hatte schon den richtigen Riecher, als sie vor ihrem Tod nach einer neuen Herzensdame für ihn Ausschau hielt. Er ist nicht fürs Alleinsein gemacht, das wusste sie wohl. „Aber wo findet man jemanden, der akzeptieren kann, dass es in seinem Leben nur die eine wahre Liebe gab?“ Helmut Stark weiß es nicht. Er hat aber Hoffnung, dass ihm sein mutiger Gang an die Öffentlichkeit dabei hilft. „Es gibt nämlich viele Witwen und Witwer, die in einer ähnlichen Situation sind.“