Geschichtlicher Schatz

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Silber der Sklavenhändler

In Alexanderhof wurde einst ein Schatz gefunden - die Freude über den Fund währte jedoch nicht lange.

Nur zwei Kilometer südöstlich von Prenzlau liegt der kleine Ortsteil Alexanderhof. Er ging aus dem erst 1840 eingerichteten gleichnamigen Gut hervor. Kaum ein Außenstehender würde vermuten, dass sich sein Name mit einer der wichtigsten Quellen zur uckermärkischen Frühgeschichte verbindet, dem berühmten Hacksilberschatz von Alexanderhof.

Am 14. September 1901 wurde der Verleger, Druckereibesitzer und Kustos des Uckermärkischen Museums in Prenzlau August Mieck (1848-1904) durch die Nachricht überrascht, er möge sich unverzüglich nach Alexanderhof begeben und einen archäologischen Fund in Augenschein nehmen. Mieck, einer der besten Kenner brandenburgischer Altertümer, war außerordentlich überrascht von dem, was ihm Gutsbesitzer von Heyden präsentierte: Silberne Münzen, Barren und Silberschmuck, teils vollständig, teils zerlegt in kleinere Stücke.

Mieck erkannte sofort, was sich ihm darbot: Ein slawischer Hacksilberschatz! Der Entdecker des Schatzes, Gutsinspektor Schmidt, klärte ihn vor Ort über die Fundumstände auf. In einer frischen Ackerfurche waren ihm, der die Qualität des Pflügens überwachte, erste Stücke aufgefallen. Als der Pflug die nächste Furche zog, kamen weitere zutage, sodass er sofort die Arbeiten einstellen ließ.

Noch am selben Tag begann der Kustos mit der Untersuchung der Fundstelle. Dabei konnte er feststellen, dass die Objekte in drei Tongefäßen deponiert waren. In einem fanden sich Barren und Silberschmelzstücke, in einem anderen die Münzen und der Schmuck im dritten Topf. Insgesamt hatte der Fund ein Gewicht von 3021 Gramm. Er war damit einer der größten bis dahin bekannt gewordenen Hacksilberschätze Brandenburgs. Und noch größer war die Freude, als von Heyden ihn dem Museum schenkte.

Aber warum Hacksilber? Während in Westeuropa das Münzgeld das gängige Zahlungsmittel war, bildete in Nord- und Osteuropa Silber schlechthin das allgemeine Äquivalent. Alles hatte seinen Preis in Silber, das mit kleinen Balkenwaagen gewogen wurde. Dabei war es völlig unerheblich, ob die zu zahlende Menge in Form von Münzen, Barren oder Schmuck beglichen wurde. Zur Ergänzung wurden dann Stücke, ja Partikel, von anderen Gegenständen abgebrochen oder abgehackt und der Kaufsumme hinzugefügt, bis das Gewicht erreicht war.

Reste solcher Waagen und Wägestücke fanden sich übrigens auch bei Schwedt und Mescherin.

War allein schon die Fülle des antiquarischen Inventars erstaunlich, so wurden alle Erwartungen hinsichtlich der Auswertung des Materials durch Mieck und den angesehenen Berliner Numismatiker Bahrenfeld noch übertroffen. Von besonderem Interesse waren die Münzen, die die Handelsrichtungen in jener Zeit am besten dokumentieren. Die Masse bildeten hochwertige arabische Dirhams, deren Prägestätten sich in einem Fächer von Arabien über Bagdad bis Taschkent in Mittelasien erstreckten, sowie westeuropäische Münzen.

Die Hauptquelle für diesen Reichtum war im 9. und 10. Jahrhundert der Sklavenhandel, Hauptabnehmer der "Ware" das von Mittelasien bis Spanien reichende arabische Kalifat. Dabei wurden zwei Handelswege beschritten, die auch durch den Fund von Alexanderhof aufgezeigt werden.

Die bedeutendere Route führte über mehrere Handelsplätze von der Ostsee zu Wolga und Dnepr bis zum Kaspischen Meer in das Reich der Chasaren, das sich über die südrussischen Steppengebiete zwischen Wolgamündung und der Krim am Schwarzen Meer ausdehnte. Die meisten Sklaven wurden von hier aus an das Kalifat vermittelt. Andere, für den Absatz in Mittelasien bestimmte, traten bereits in Bolgar, dem bedeutenden Handelszentrum der Wolgabulgaren, ihren Weg nach Osten an. Zwischenhändler bis dorthin waren vor allem Wikinger. Zahlreiche Schmuckstücke und -fragmente skandinavischer Herkunft im Schatz von Alexanderhof, wie Hals- und Armringe und Gürtelschließen, belegen dies in anschaulicher Weise. Einer der wichtigsten wikingischen Stützpunkte war das nur 70 Kilometer vom Fundort entfernte Fernhandelszentrum Wollin an der südöstlichen Spitze der gleichnamigen Insel.

Die zweite Route führte vom westlichsten Teil des Kalifats, dem fast ganz Spanien einnehmenden Emirat von Cordoba, in das Gebiet der Slawen. Der bedeutendste Weg zog sich über Speyer und Regensburg nach Prag, dem größten Sklavenhandelsplatz in Mitteleuropa. Auch Prägungen dieser Münzstätten sind im Schatz vertreten, denn die Händler aus Cordoba bezahlten mit europäischen Münzen. Ein Ausgangspunkt für ihre Handelszüge in das nordwestslawische Siedlungsgebiet war Magdeburg. Einer der Kaufleute, Ibrahim ibn Jacub, ist namentlich bekannt. Er reiste im diplomatischen Auftrag des Kalifen von Cordoba 965/66 auf verschlungenen Pfaden von Andalusien über Magdeburg und

Wiligrad, dem heutigen Dorf Mecklenburg bei Wismar, nach Prag.

Der Sklavenhandel war ein einträgliches Geschäft. Der Preis für einen Sklaven variierte entsprechend dem Alter und Geschlecht. So kostete im Ostseeraum ein männlicher Sklave so viel wie ein Pferd, im Durchschnitt 300 Gramm, und eine Sklavin 200 Gramm Silber. Am Bestimmungsort wurden sie oft für das Zehnfache verkauft. Bedenkt man, dass im Emirat Cordoba am Ende des 10. Jahrhunderts knapp 14 000 Sklaven aus dem westslawischen Siedlungsgebiet lebten, mag man erahnen, welcher "Wirtschaftsfaktor" der Sklavenhandel war. Die Quellen für diesen Handel waren die unablässigen Fehden und Kriege der verfeindeten Stämme, aber auch gezielte Raubzüge an die Gestade der Ostsee. Doch der Schatz erzählt noch mehr.

Vergraben wurde er am Ende des 10. Jahrhunderts. Die Nähe zu einer slawischen Siedlung lässt darauf schließen, dass es in einem Augenblick akuter Gefahr geschah. 983 hatte sich der Stammesverband der Lutizen, zu dem auch die in der Uckermark ansässigen Ukranen gehörten, erhoben und die deutsche Oberherrschaft unter Kaiser Otto II. abgeworfen. In den folgenden 15 Jahren waren die Ottonen vergeblich bemüht, durch zahlreiche Feldzüge, die auch die Uckermark verheerten, den status quo ante wiederherzustellen. Sicherlich war einer von ihnen ausschlaggebend für das Verbergen des Schatzes. Sein Besitzer konnte ihn jedenfalls nicht mehr heben. War das Schicksal ihm gewogen, ist er in die Gefangenschaft geführt, und da er Heide war, selbst als Sklave verkauft worden. Anderenfalls wird er zu den Opfern des Krieges gehört haben.

Der Schatz von Alexanderhof war fast 20 Jahre die Hauptattraktion der archäologischen Sammlung des Uckermärkischen Museums in der Heiliggeistkapelle in Prenzlau. Die Freude an den Stücken dauerte nur bis Anfang April 1920. In einer der Nächte zwischen dem 5. und dem 7. April wurde bei einem Einbruch durch ein vergittertes Fenster der gesamte Bestand an archäologischen Objekten aus Edel- und Buntmetall gestohlen. Umfangreiche polizeiliche Ermittlungen blieben ohne Erfolg. Es ist anzunehmen, dass bald nach der Tat die unersetzlichen Stücke in den Schmelztiegel wanderten.