:

Und nie ein böses Wort

Für den Fall, dass ihre Eltern einmal pflegebedürftig werden sollten, hatten Ulrich Neumann und seine Geschwister rechtzeitig Absprachen ...

Punkt halb vier ist Kaffeestunde im Hause Neumann. Jeden Tag um die selbe Zeit, da ist Sohn Ulrich eigen. Mutter Lina freut‘s. Am Freitag dieser Woche ganz besonders, denn am 7. Juni begeht die Schenkenbergerin ihren 102. Geburtstag.  FOTO: Claudia Marsal

Für den Fall, dass ihre Eltern einmal pflegebedürftig werden sollten, hatten Ulrich Neumann und seine Geschwister rechtzeitig Absprachen getroffen.
„Meine Schwester lebte in Prenzlau, wir zwei Brüder weiter weg. Die Sache war klar“, denkt der heute 64-Jährige zurück. Doch dann starb die Lehrerin plötzlich, sie wurde nicht einmal 35 Jahre alt. Die Frage der Pflege stellte sich also neu, ganz brisant sogar, als der Vater 1989 einen schweren Schlaganfall erlitt. In diesem Moment entschied Ulrich Neumann dann schweren Herzens, seine Karriere bei der Marine aufzugeben und von Rostock zurück in die alte Heimat zu ziehen. Denn so viel war klar, ins Heim sollte der Papa nicht und den großen Schenkenberger Hof konnte die Mutter allein nicht halten.

Der jüngste Sohn schulte daher noch einmal zum Marketing-Kaufmann um, um seine Berufschancen in der Uckermark zu erhöhen. Letztlich wirkte er dann als Verwaltungsmitarbeiter bei der Treuhand mit, so lange, bis auch die Mutter ein Pflegefall wurde und er ihre Betreuung mit einem Vollzeitjob nicht mehr vereinen konnte. Ulrich Neumann fand sich erneut drein in die veränderte Situation und, ganz wichtig, er hadert nicht. Er macht niemandem Vorwürfe, es gibt keinen Anlass für böse Worte. Denn bis heute ist er überzeugt, dass Richtige getan zu haben. Er nennt das Generationenvertrag und manifestiert, dass die Kinder Verantwortung tragen sollten für ihre Eltern. Gut flankiert werde das mittlerweile von der Pflegeversicherung, die Ulrich Neumann für einen echten Glücksfall hält, von dem alte Menschen profitieren.
Jetzt, wo seine Mutter Lina, die am heutigen Freitag übrigens ihren 102. Geburtstag feiert, schon Pflegestufe 3 bezieht, kommt er ohne die Unterstützung eines Pflegedienstes nicht mehr aus. Die Schwestern vom Team Ganske kommen allmorgendlich, um seine Mutter startklar zu machen für den Tag. Den Rest erledigt der Sohn dann selbst. „Ich habe ein straffes Programm den Tag über.“ Lediglich eine Stunde bleibe ihm am Vormittag und am Nachmittag zur freien Verfügung, rechnet er vor. Der Rest der Zeit geht für Einkaufen, Kochen, Waschen, Putzen, Pflegen und nicht zu vergessen Kommunizieren drauf. Wer miterlebt, wie Mutter und Sohn einträchtig am liebevoll gedeckten Kaffeetisch sitzen und die Nachrichten des Tages diskutieren, der kann gut nachvollziehen, warum die als Halbwaise aus Nieden gekommene Hauswirtschafterin hier gern alt geworden ist.

Ihre stabile Gesundheit verdanke sie aber auch der hervorragenden Versorgung durch Ärzte und Kliniken, was wiederum nicht ohne das Wohlwollen der Krankenkassen möglich gewesen wäre, stellt Neumann klar. „Ein alter Mensch ist in dieser Gesellschaft durchaus noch etwas wert“, beteuert Ulrich Neumann. Er habe in all den Jahren nicht einmal erlebt, dass seiner Mutter eine notwendige Untersuchung oder ein erforderliches Pflegehilfsmittel verwehrt worden sei. Im Gegenteil, selbst die Zusammenarbeit mit dem Medizinischen Dienst, der über die Pflegestufen zu entscheiden hat, beschreibt der Mann als sehr fruchtbar.
Er habe das als Unterstützung gesehen, nie als lästige Kontrolle. Es gebe gewiss viel Kritikwürdiges in Deutschland, aber in punkto Pflege sei schon viel geschafft worden. Aber ohne Familie wird es auch künftig schwer.
Das ist der einzige Punkt, der Ulrich Neumann Sorgen macht. Denn er hat keine Kinder, die sich einmal um seine Pflege Gedanken machen werden.