GELDENTWERTUNG

Alles, was Sie zur Inflation wissen müssen

Corona, EZB, Globalisierung, Löhne, Rohstoffpreise, Lieferketten: Anscheinend hängt alles irgendwie mit der Inflation zusammen. Der Nordkurier hat alles ganz einfach erklärt – und gleichzeitig noch Tipps für Sparer parat.
Der globale Handel ist spätestens seit der Corona-Pandemie auf dem Rückzug: Ein langfristiges Phänomen, das auch in Deutschland zu steigenden Preisen führen wird?
Der globale Handel ist spätestens seit der Corona-Pandemie auf dem Rückzug: Ein langfristiges Phänomen, das auch in Deutschland zu steigenden Preisen führen wird? Yang Shiyao
Berlin ·

Was ist zuletzt passiert?

Nach Jahren stagnierender Preise ist im Juli 2021 die Inflationsrate in Deutschland sprunghaft von 2,3 auf 3,8 Prozent gestiegen. Im August lag sie dann mit 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat auf dem höchsten Stand seit Anfang der 1990er Jahre. In den USA liegt die Inflationsrate mittlerweile gar bei deutlich über 5 Prozent. Die Notenbanken der EU und der USA, die Europäische Zentralbank (EZB) und die Federal Reserve (Fed), machen bisher keine Anstalten, der Inflation entgegenzuwirken. Bei vielen Bürgern wächst aber die Sorge, dass die hohe Geldentwertung ein längerfristiges Problem wird.

Betrifft mich eine Inflation auch, wenn ich nicht so viel Geld habe?

Ja, selbstverständlich. Die Inflation ist vor allem für jene Akteure gut, die Schulden haben – denn wenn Geld an Kaufkraft verliert, dann bleiben die Schulden zwar nominell gleich, sie sind aber weniger wert. Man entschuldet sich praktisch, ohne seine Schulden zurückzuzahlen. Für Gläubiger hingegen ist eine hohe Inflation katastrophal, vor allem dann, wenn die Schulden erst in ferner Zukunft bezahlt werden müssen. Und nahezu jeder deutsche Bürger ist ein solcher Gläubiger, nämlich weil er langfristige Ansprüche zum Beispiel gegenüber der Rentenkasse oder Lebensversicherungen hat. Diese Ansprüche verlieren bei einer hohen Inflation massiv an Wert: Wenn ein heute 40-Jähriger Rentenansprüche in Höhe von 2.000 Euro hat, dann sind diese nur noch 1.159 Euro wert, wenn er in Rente geht – und das bei einer durchschnittlichen Inflation von 2 Prozent. Mittlerweile ist die Inflation fast doppelt so hoch und die Deutsche Bundesbank erwartet einen Anstieg auf bis zu 5 Prozent bis zum Jahresende.

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Heißt das, dass Inflation immer schlecht ist?

Nein. Eine gemäßigte Inflation ist notwendig, um ein gesundes Wirtschaftswachstum und niedrige Arbeitslosenzahlen sicherzustellen. Warum? Das Gegenteil von Inflation wäre eine Preisstagnation oder gar ein Preisverfall, eine sogenannte Deflation. Eine solche geht normalerweise auf eine sinkende Nachfrage nach den entsprechenden Produkten und Dienstleistungen zurück. Gleichzeitig steigen die Zinsen und Kredite werden teurer, weil die Kaufkraft von Bargeld gleich bleibt oder steigt. In diesem Fall würden Unternehmen ihre Investitionen in die Zukunft verschieben oder ganz einstellen, weil sie sich davon kein Gewinnwachstum versprächen. Dies kann zu einer Abwärtsspirale und im schlimmsten Fall zu schweren Wirtschaftskrisen führen. Im Euroraum hatten wir es in den vergangenen Jahren mit einer geringen Inflationsrate und damit langsamerem Wirtschaftswachstum zu tun. Die EZB hat versucht, diesen deflationären Effekten mit einer Lockerung ihrer Geldpolitik entgegenzuwirken.

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Welche Rolle spielt die Geldpolitik der EZB?

Um eine Deflation im Euroraum zu verhindern, basiert die Geldpolitik der EZB derzeit vor allem auf zwei Säulen: Erstens, sie hat die Leitzinsen über die Jahre auf heute 0,0 Prozent gesenkt, Banken zahlen sogar einen Negativzins von minus 0,5 Prozent. Und zweitens hat sie ein Kaufprogramm für Staatsanleihen und Wertpapiere von Unternehmen gestartet, um Liquidität in die Märkte zu spülen. Beide Säulen sollen sich gegenseitig verstärken, um Investitionen und Konsum anzutreiben, was wiederum zu Wirtschaftswachstum und der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen führen würde. Zu Beginn der Corona-Pandemie legte die EZB ein weiteres Anleihenkaufprogramm namens PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) auf, das ein Volumen von 1,85 Billionen Euro hat. All diese Maßnahmen wirken stark inflationstreibend. Bisher war das kein Problem, da die Inflation ohnehin gering war und eher eine Deflation befürchtet wurde.

Will die EZB der Inflation denn jetzt entgegenwirken, indem sie die Zinsen erhöht oder die Kaufprogramme beendet?

Nein. Die Zinsen werden laut EZB frühestens nach Beendigung der Anleihenkaufprogramme erhöht. Es gibt zwar erste Stimmen aus der EZB, die ein sogenanntes „Tapering”, als eine Drosselung der Anleihenkäufe, fordern. Davon war aber auch auf der letzten Ratssitzung Ende Juli keine Rede. Die amerikanische Notenbank hingegen steht kurz vor einer Reduzierung ihrer Anleihenkäufe, Analysten warten bereits seit Wochen auf die Ankündigung der Fed, dass das Tapering bald beginnt. In jedem Fall wird eine Drosselung der expansiven Geldpolitik der beiden Notenbanken nicht überraschend kommen, weil es sonst zu Turbulenzen an den Märkten kommen könnte. Die Geldpolitik hat seit der Finanzkrise im Jahr 2008 zu einer massiven Inflation der Vermögenswerte, vor allem von Immobilien und Aktien, geführt. Im Jahr 2013 löste die Fed schon mit der Ankündigung, ihre expansive Geldpolitik irgendwann in der Zukunft zu drosseln, einen massiven Preissturz bei US-Staatsanleihen aus. Ähnliche Szenarien will man nun vermeiden.

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Warum glaubt die EZB, dass sie bei den massiv steigenden Inflationsraten nicht intervenieren muss?

Weil es eine Reihe von statistischen Effekten gibt, die die Inflationsrate hierzulande momentan verzerren. Durch die Senkung der Mehrwertsteuer und die Lockdowns im Zuge der Corona-Pandemie waren viele Güter in Deutschland im vergangenen Jahr günstiger als sonst. Da die Mehrwertsteuersenkung erst zum 1. Juli 2020 eingeführt wurde und am 31. Dezember 2020 auslief, schlägt sie sich statistisch erst jetzt in den Inflationszahlen nieder, wodurch der sprunghafte Anstieg von Juni zu Juli 2021 zu erklären ist. Gleichzeitig brach aufgrund der weltweiten Corona-Lockdowns vor einem Jahr der Rohölpreis ein, was zu fallenden Energiepreisen führte. Mit der Erholung des Ölpreises kehren die Preise für Energie wieder auf ihr Vorkrisenniveau zurück, was sich in der Statistik im Jahresvergleich als Preiserhöhung widerspiegelt.

Wie sieht die langfristige Entwicklung der Inflation aus?

Generell ist es so, dass die großen globalen Entwicklungen eher für eine Deflation sprechen. Der demografische Wandel wirkt deflationär, da er das Wirtschaftswachstum bremst. Digitalisierung und technologischer Fortschritt wirken ebenfalls preisdrückend, weil sie Prozesse optimieren, Arbeitsplätze einsparen und viele Produkte und Dienstleistungen günstiger machen. Die Globalisierung wirkt deflationär, weil sie den Preiskampf im internationalen Wettbewerb befeuert und gleichzeitig Arbeitskraft günstiger wird. Darüber hinaus sind die Rohstoffpreise in den vergangenen 20 Jahren fast kontinuierlich gefallen, wodurch Unternehmen günstiger produzieren konnten. Die Megatrends der Zukunft deuten also eher darauf hin, dass wir uns langfristig in einem Kampf gegen Deflation und geringes Wirtschaftswachstum befinden. Eine kurze inflationäre Phase, so das Credo der europäischen Währungshüter, spielt in diesen Dimensionen keine Rolle.

Heißt das, dass die Inflationsrate definitiv wieder fallen wird?

Wenn die EZB mit ihrer Einschätzung richtig liegt, dann ja. Allerdings gibt es auch Gründe, die dagegen sprechen. Zum einen sind da die Rohstoffpreise, allen voran von Öl, Gas und Industriemetallen, die einen der wichtigsten Indikatoren für die Entwicklung der Inflation darstellen. Rohstoffpreise verlaufen in sogenannten „Superzyklen”: Wenn sie steigen, steigen sie lange und wenn sie fallen, fallen sie lange. Warum? Bei fallenden Rohstoffpreisen nehmen im Laufe der Zeit die Investitionen und damit die Zahl der Förderstätten ab, der verminderten Nachfrage folgt also ein sinkendes Angebot. Irgendwann aber ist ein Umkehrpunkt erreicht, die Nachfrage übersteigt das Angebot und die Preise gehen wieder hoch. Doch jetzt ist das Problem, dass das Angebot nicht schnell genug hochgefahren werden kann, weil die Inbetriebnahme von Förderstätten enorm aufwendig ist. Also steigen die Preise relativ lange weiter. Viele Analysten glauben, dass der Höhepunkt der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr den Umkehrpunkt im Rohstoff-Superzyklus bildete – und wenn sie Recht haben, dann werden steigende Rohstoffpreise längerfristig für einen enormen Inflationsdruck sorgen und viele Produkte und Dienstleistungen weltweit verteuern.

Wir wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Inflation aus?

Hier kommt der nächste wichtige Punkt zum Tragen: Viele Experten glaubten bis zuletzt, dass die Effekte, die durch die weltweiten Maßnahmen gegen die Pandemie eintraten, vorübergehend sind. Die Lieferketten sind zusammengebrochen; das Angebot bei vielen Waren und Dienstleistungen ist geschrumpft, weil Firmen ihre Produktion gedrosselt und Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt haben; die Bürger haben in der Pandemie viel Geld gespart, was die Nachfrage generell erhöhen könnte; viele Unternehmen haben ihre Preise erhöht, um Verluste durch die Lockdowns zu verringern, und so weiter. All dies sollte sich kurzfristig stark inflationär auswirken. Die große Frage ist nun: Wie lange halten diese Effekte an? Mittlerweile mehren sich die Stimmen, die hier einen längerfristigen Trend sehen. Schon seit 2018 wurde eine Trendumkehr in der Globalisierung beobachtet. Die Lieferengpässe, die sich durch die weltweiten Lockdowns einstellten und die in vielen Bereichen, zum Beispiel bei Rohstoffen oder Halbleitern, bis heute nicht behoben sind, begünstigen diesen Prozess. Hinzu kommen der schwelende Handelskonflikt zwischen den Großmächten USA und China und die Bestrebungen vieler Staaten, Russland ist das eindrücklichste Beispiel, unabhängig von internationalen Wirtschaftssanktionen zu werden. Deswegen könnte sich eine Renationalisierung der Volkswirtschaften entwickeln. Schon heute erwägen zahlreiche deutsche Firmen, wieder verstärkt in und aus Deutschland produzieren und zuliefern zu lassen – was die Preise für die entsprechenden Produkte erhöhen würde.

Sollte die Inflation längerfristig steigen, dann wird das doch sicherlich durch Lohn- und Rentenerhöhungen ausgeglichen. Also muss man sich keine großen Sorgen machen, oder?

Doch. Zum einen sind da die oben erwähnten Spareinlagen und Rentenansprüche, die massiv an Wert verlieren. Zum anderen befeuern die Erhöhungen von Löhnen und Renten, so wünschenswert sie generell auch sein mögen, die Inflationsdynamik. In den vergangenen Jahren sind die Löhne in Deutschland nur moderat gestiegen, was das Problem der Deflation verstärkte. Nun wächst aber die Bedrohung durch die Inflation – wenn in diese Situation hinein die Löhne stark steigen, könnte eine Spirale aus steigenden Preisen und steigenden Löhnen entstehen, die sich nur schwer bremsen lässt. Die Geldentwertung würde die Gehaltserhöhung auffressen und weitere Lohnsteigerungen notwendig machen, was wiederum die Preise steigen ließe.

Was kann im schlimmsten Fall passieren?

Viele Deutsche sorgen sich um eine Hyperinflation wie im Jahr 1923 in der Weimarer Republik. Von einer Hyperinflation spricht man bei monatlichen Inflationsraten ab 50 Prozent. Dieses Schreckgespenst ist angesichts der internationalen Verknüpfung der Volkswirtschaften im Euroraum höchst unwahrscheinlich. Experten bereitet daher ein anderes bedrohliches Szenario größere Sorgen: eine mögliche Stagflation. Von Stagflation spricht man, wenn eine stagnierende Wirtschaft auf eine hohe Inflation trifft. Das Gefährliche an einer solchen Situation ist, dass es keine einheitlichen geldpolitischen Rezepte gibt, um sie zu beenden. Sie zerstört einfach so lange Vermögen und Wohlstand, bis sie vorbei ist. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine Stagflation eher unwahrscheinlich ist – Inflation ist normalerweise die Folge einer wachsenden Wirtschaft und eine stagnierende Wirtschaft hat normalerweise eine Deflation zur Folge. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durch die Corona-Pandemie haben die Wahrscheinlichkeit einer Stagflation aber erhöht.

Wie sollten Sparer auf diese Konstellation reagieren?

Inflationsvoraussagen sind extrem schwierig. Deswegen sollten sich Anleger am Zielwert der Notenbanken orientieren: nämlich eine jährliche Inflationsrate von 2 Prozent. Langfristig werden EZB und Fed alles daran setzen, dieses Ziel zu erreichen. Zinsen, die diese Inflation ausgleichen, wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Das heißt: Selbst wenn es nicht zu einer massiven Inflation kommt, sollten sich Anleger mit alternativen Anlagemöglichkeiten vertraut machen. Das Sparbuch hat ausgedient, der Geldwert sollte stattdessen in Sachwerten wie Aktien, Immobilien, Kryptowährungen, Gold oder anderen Edelmetallen gespeichert werden. Finanzexperten empfehlen insbesondere sogenannte ETFs, breit gestreute Aktienkörbe, die einen Index wie den DAX (die 30, bald 40, größten deutschen Unternehmen) oder den MSCI World (die 1.600 größten Unternehmen der Industriestaaten) abbilden.

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