Péter Nádas: Schauergeschichten. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2022
Péter Nádas: Schauergeschichten. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2022 Rowohlt Hamburg
Literatur-Rezension

Das Böse und dessen unmögliche Bändigung

Ungarns Großautor Péter Nádas gelingt mit seinem Dorfroman „Schauergeschichten” über Missgunst, Gier und Verbitterung ein literarischer Geniestreich.
Neubrandenburg

„So viele Sterne stehen nicht am Himmel, wie es Nutten gibt.” Die alte Teres, der wegen der „Scheißkolchose” nur ein Eigenbedarfsgärtchen und einige Weinberg-Zeilen zugestanden sind, hat es in puncto Fluchen und Verwünschung zu einer wahren Meisterschaft gebracht.

Lesen Sie auch: Sahra Wagenknecht und „Die Selbstgerechten” in der Seenplatte

Das Leben spielte der Endsiebzigerin, die in jungen Jahren eine uneheliche Schwangerschaft vom Adel in die Schande beförderte, übel mit. Sie verfügt über ein Gedächtnis mit beträchtlicher Speicherkapazität für das Böse in der Menschheit und vermag deren Vertreter rekordverdächtig zu beschimpfen. Ficken, Fürze, Schwänze und Mösen – in ihren roh-anzüglichen Tiraden lässt Teres wenig aus.

Teres, völlig ausgegrenzt, ist eine der Solistinnen in dem derben „Dorfchor”, den Ungarns Großautor Péter Nádas (80) mit seinem lange erwarteten Roman „Schauergeschichten” zur Aufführung bringt. Nicht weniger als ein literarischer Geniestreich.

Die ländliche Gegend um die Donauinsel Szentendre – unweit von Budapest – bietet die Bühne seiner virtuosen Erzählung über Missgunst, Gier und Verbitterung. Es ist ein heißer Sommer Mitte der 1960er im kommunistischen Ungarn, die János-Kádár-Ära.

Sammelort grotesk-obszöner Figuren

Sympathieträger sind hier seltene Erscheinungen. Das rückständige, von Todesvögeln umflatterte Kaff scheint ein Sammelort grotesk-obszöner Figuren zu sein. Ein wie vom Leibhaftigen besessener Bäcker verprügelt zwanghaft seine Mutter – „das Zwerglein” – und wirft sadistisch einen kleinen Hund immer wieder ins Flusswasser, um ihn ums Überleben paddeln zu sehen.

Weitere Rezension: Ein Anti-Bond auf Selbstfindungstrip

Der Bienenzüchter Höss trägt nie Unterhose, weil er jederzeit zum Quickie bereit sein muss. Womöglich mit der geistig gehandicapten Rosa, deren Flatulenzen auftrittsreif sind. Und da ist Piroschka, Enkelin eines Malers, die zwar das Staatsexamen in klinischer Psychologie macht, aber schwere Patienten-Fälle zu Teufelsaustreibungen bei Pater Jónás vermittelt, von denen die sozialistischen Behörden lieber nichts mitbekommen.

Es schicksalt gewaltig und gespenstrig: Die Kühe sind nun kommunistisch und die Bauern Habenichtse, der Pfarrer ist irritiert, der Lehrer ratlos, die Damen auf Landpartie jammern feudaler Vergangenheit nach. Péter Nádas – ein feiner Beobachter, ausgestattet mit dem absolutem Gehör – setzt einen nach Blut, Schweiß und Urin riechenden Erzählstrom in Gang.

Ein einziger Dialog mit wechselnden Partnern, in den sich immer wieder Teres mischt, um mit „dreckigem Mundwerk” eine neue Chronologie in die Geschichte/n zu bringen. „Sie entschuldigen, dass ich mich immer so ausdrücken muss.” Die Greisin ist zugleich eine gute Seele, die sich um die verrückte Rosa sorgt und für ihre zahnlose Katze Mäuse zu Häppchen zersäbelt.

Fährten zur aktuellen „Orbánismus”-Politik gelegt

Ein Deut Zuneigung in einem Dorf-Kosmos, der sich aus Lüge, Niedertracht, Aberglaube, Intrige und Selbstüberdruss zusammensetzt. Hass regiert Handeln. – Knapp 600 Seiten über das Böse und dessen (schier unmögliche) Bändigung vor knapp sechs Jahrzehnten – was mag sich Péter Nádas dabei gedacht haben? Seine alten, meisterlich verstörenden „Schauergeschichten” legen Fährten zum aktuellen Ungarn.

Der Schriftsteller, der bereits mit starken Romanen wie „Buch der Erinnerung” und „Parallelgeschichten” dem Westen Osteuropa erklärt hat, weist hier auf Ursprünge einer Wahl-Zustimmung seiner Landsleute für den umstrittenen Machthaber Viktor Orbán und dessen autoritäre „Orbánismus”-Politik.

Péter Nádas: Schauergeschichten. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2022. 576 Seiten. 30 Euro. ISBN: 978 – 3 – 498 – 00228 – 2.

zur Homepage