Hilft Rauchen gegen Corona? Zumindest sah es zeitweise so aus, als bestünde ein kausaler Zusammenhang zwischen der Einnah
Hilft Rauchen gegen Corona? Zumindest sah es zeitweise so aus, als bestünde ein kausaler Zusammenhang zwischen der Einnahme von Nikotin und der Schwere einer Covid-19-Erkrankung. María José López
Wissenschaftliche Erkenntnisse

Die fünf größten Corona-Irrtümer

In der Corona-Krise verlassen wir uns auf Expertenmeinungen. Doch auch die liegen nicht immer richtig. In den vergangenen Monaten kamen zahlreiche neue und überraschende Fakten über das Virus ans Licht.
Neubrandenburg

1. Der Sommer-Effekt?

Als sich das Coronavirus im Februar in Europa ausbreitete, wurde es von vielen nicht ernst genommen. Der Tenor damals: „Wenn die warmen Tage beginnen, verschwindet Corona so wie die Grippe wieder”. Der deutsche Virologe Alexander Kekulé nährte diese Hoffnung, indem er den Sommer als „unseren besten Verbündeten” gegen das Virus bezeichnete. Wärme, Sonne, UV-Licht und eine Bevölkerung, die sich vermehrt im Freien aufhielte, könnten dazu beitragen, dass das Virus von alleine abebbe.

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Doch das stellte sich als Trugschluss heraus: In warmen Ländern verbreitete sich das Virus genau so schnell wie in kälteren und in Westeuropa bildete die sommerliche zweite Märzhälfte den bisherigen Höhepunkt der Corona-Krise. Auch neuere Studien lassen den Schluss zu, dass – mit Ausnahme des Sozialverhaltens der Bürger – wärmeres Wetter keinen großen Einfluss auf die Virusverbreitung hat.

2. Gefahr durch Ibuprofen?

Im März sorgte der französische Gesundheitsminister für Aufsehen: Er warnte die Bürger davor, Ibuprofen einzunehmen, wenn Verdacht auf eine Corona-Infektion bestünde. Er bezog sich dabei auf eine Studie, die im Fachmagazin „The Lancet” erschien. Die Weltgesundheitsorganisation schloss sich dem Ratschlag zunächst an. Dann aber die Wende: Experten der WHO hätten sich weitere Studien angesehen und seien zu dem Schluss gekommen, dass es bei der Einnahme von Ibuprofen über die bekannten Nebenwirkungen hinaus keine Gefahren für Covid-19-Patienten gebe.

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3. Masken helfen nicht?

Für ein ziemliches Hickhack sorgten Experten-Meinungen zur Maskenpflicht. Ende März sah Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) „keinerlei Notwendigkeit zu einer Verpflichtung”. Auch RKI-Präsident Lothar Wieler empfahl zu dieser Zeit Schutzmasken nur für Personen mit akuten Atemwegserkrankungen. Der Grund: Weder einfache Stoffmasken noch partikelfilternde medizinische Masken schützen den Träger vor einer Ansteckung. Gleichzeitig könnten Schutzbedeckungen aber ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Ein paar Tage später kam dann die Rolle rückwärts: Die Maskenpflicht wurde partiell eingeführt und eine generelle Empfehlung zum Tragen von Masken besonders an Orten mit viel Publikumsverkehr wurde ausgesprochen. Masken schützen nämlich doch – zwar nicht den Träger, aber die Personen, mit denen der Träger zu tun hat. Eine neue Studie gibt dieser These recht: In Jena, das als erste Stadt Deutschlands die Maskenpflicht einführte, gab es danach vier mal weniger Neuansteckungen als in vergleichbaren Kommunen.

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4. Rauchen gegen Corona?

Eine kuriose Meldung flatterte im April ins Haus: Rauchen hilft gegen die Lungenkrankheit Covid-19. Französische Forscher hatten herausgefunden, dass der Anteil der Raucher unter Covid-19-Erkrankten deutlich niedriger war als der Anteil der Raucher in der Gesamtbevölkerung. Die Datenlage war sehr dünn, allerdings schienen sich die Ergebnisse durch Studien in China zu bestätigen. Was wir heute wissen: Es ist möglich, dass Nikotin einen positiven Effekt auf einen Covid-19-Krankheitsverlauf hat, allerdings ist das bisher nur eine Vermutung. Das Rauchen selbst hat einen gesichert negativen Effekt und erhöht gleichzeitig die Ansteckungsgefahr.

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5. Corona wurde im Labor gezüchtet?

Um das Coronavirus ranken sich immer noch viele abenteuerliche Mythen. Eine davon: Das Virus sei in einem Labor gezüchtet worden. Selbst US-Präsident Donald Trump hat diese Theorie verbreitet, obwohl Wissenschaftler und seine eigenen Geheimdienste Zweifel anmeldeten. Heute wissen wir: alles Unsinn. Forscher haben festgestellt, dass das Virus durch einen natürlichen Prozess entstand.

 

Die Genstruktur ähnelt der von Viren, die in Fledermäusen und Schuppentieren gefunden wurden. Wir wissen allerdings noch nicht, wo sich Corona von einem harmlosen Virus zu einem gefährlichen Krankheitserreger entwickelte. Entweder geschah das schon in Tieren oder aber eine harmlose Variante sprang auf den Menschen über und das Virus mutierte erst dann. Genauere Untersuchungen stehen hier noch aus.

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Was wir nicht wissen: Corona-Todesfälle

Anfangs schätzten Experten, dass Corona etwa zehn Mal so tödlich sein könnte wie das Influenza-Virus, das die Grippe auslöst. Als Basis dienten dabei häufig Zahlen aus Italien. Gegner dieser Vermutung wiesen darauf hin, dass in den Wintermonaten 2017 und 2018 mehr als 25.000 Menschen alleine in Deutschland an der Grippe starben. Das Problem: Wir wissen es einfach nicht.

Die Zahl der Toten an einer Krankheit wird nämlich durch die sogenannte "Übersterblichkeit” bestimmt, also die tatsächliche Zahl der Toten minus die Zahl, die man für den jeweiligen Zeitraum erwartet hätte. Im Grippejahr 2017/18 lag die Zahl der laborbestätigten Grippe-Todesfälle bei 1674. Aufgrund der hohen Übersterblichkeit aber ging das Robert-Koch-Institut davon aus, dass der "Überschuss” auf das Infleunza-Virus zurückzuführen sei.

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Was Corona betrifft: Die Übersterblichkeit ist während der Corona-Krise in Deutschland im Durchschnitt moderat, in anderen Ländern deutlich, gestiegen. Doch niemand weiß derzeit, wie diese Zahlen zu bewerten sind. Durch die Corona-Maßnahmen werden auch andere infektiöse Krankheiten verhindert, was die Sterblichkeit allgemein senkt. Zudem sterben weniger Menschen durch Unfälle im Verkehr oder am Arbeitsplatz.

Gleichzeitig sterben aber auch mehr Menschen, zum Beispiel durch Suizide, weil sie der Einsamkeit oder dem gewachsenen wirtschaftlichen Druck nicht standhalten. Oder sie sterben, weil sie nicht früh genug einen Arzt aufsuchen oder operiert werden konnten. Wie all dies zu bewerten ist, werden wir wohl erst im kommenden Jahr wissen.

Kann man der Wissenschaft noch trauen?

Trotz der Irrtümer lautet die Antwort: Selbstverständlich. Wissen wandelt sich, mit neuen Studien ergeben sich neue Erkenntnisse. Außerdem entstehen viele Irrtümer in der Interpretation von Daten.

Nehmen wir an, eine Studie kommt zu folgendem fiktiven (und wahrscheinlich abwegigen) Ergebnis: „Bei einem Testversuch mit 100 willkürlich ausgewählten Probanden, die jeweils eine Schutzmaske mit einer Partikelfiltrierung von 95 Prozent trugen, lagen 4 Minuten nach einem Sprechakt in einem Halbkugelraum mit einem Radius von 17,5 Zentimetern um den Mund-Nasen-Raum des Sprechers durchschnittlich 1000 Aerosole, die eine Coronavirus-Last von mindestens 10 hoch 5,2 Viruskopien aufwiesen, in der Luft”.

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Kann man daraus schließen, dass Masken überall eingeführt werden sollen? Oder dass sie nicht helfen? Weder noch. Das Ergebnis ist – wie es in der Wissenschaft oft der Fall ist – schlicht zu spezifisch, als dass sich öffentlichkeitstaugliche Gewissheiten ableiten ließe. Das ist manchmal unbefriedigend, aber so ist nun einmal das Leben. Einfachere Zeitgenossen neigen deshalb zur Verkürzung, die die Basis für Verschwörungstheorien bildet. Abhilfe schafft da nur eines: Komplexität ertragen lernen.

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