CORONA-PANDEMIE

Die merkwürdigste Krankheit aller Zeiten

Covid-19 wird immer mysteriöser. Viele Patienten haben selbst Monate nach ihrer Heilung noch schwere Symptome. Experten schlagen Alarm.
Ein Corona-Patient wird auf der Intensivstation eines Krankenhauses im englischen Cambridge behandelt. Jeder Zehnte hat laut b
Ein Corona-Patient wird auf der Intensivstation eines Krankenhauses im englischen Cambridge behandelt. Jeder Zehnte hat laut britischen Forschern trotz überstandener Covid-19-Erkrankung noch Monate später unerklärliche Spätfolgen. Neil Hall
Berlin.

Mehr als 180.000 Menschen sind in Deutschland nach einer Corona-Infektion wieder genesen. Das sind die Glücklichen, sollte man meinen, die die Krankheit hinter sich gebracht haben und sich nun vor einer erneuten Ansteckung nicht fürchten müssen. Doch das stimmt so nicht. Erstens zeigen immer mehr neue Studien, dass anders als bei anderen Viren schon kurz nach Ausheilung einer Covid-19-Erkrankung keine Corona-Antikörper mehr im Körper eines Patienten nachweisbar sind.

Und zweitens haben viele der Genesen auch Monate nach überstandener Krankheit noch immer mit teilweise schwersten Symptomen zu kämpfen. Einige beklagen Fieber, andere Husten, wieder andere Erschöpfungszustände, Schüttelfrost, Muskelschmerzen, Hautausschläge, Geruchsverlust, Kopfschmerzen, Lungenschäden, Psychosen oder neurologische Schäden. Manche dieser Symptome plagen die Patienten permanent, obwohl sie klinisch gesund sind. Andere kommen und gehen, augenscheinlich willkürlich, ohne ein System, das Forschern und Ärzten Aufschluss über diese neue Krankheit geben könnte.

Die Ärzte rätseln

„Ich bin ausgebildeter Rheumatologe und kenne mich mit merkwürdigen Krankheiten aus”, sagte der britische Epidemologe Timothy Spector dem Nachrichtenmagazin Spiegel. „Aber Covid-19 ist die merkwürdigste Krankheit, die ich kenne.” Spector ist Professor am King's College London, wo er im Rahmen einer Studie 200.000 Corona-Fälle untersuchte.

Rund zehn Prozent der Patienten hatten auch einen Monat nach dem Krankheitsausbruch noch regelmäßig unerklärliche Symptome, die sich nicht auf andere Ursachen wie eine Nebenerkrankung zurückführen lassen. Spector und seine Kollegen rätseln, woher diese Phänomene rühren und wie sie am besten zu behandeln sind.

Sport, Arbeit und normales Leben nicht möglich

Der britische Forscher beobachtete nicht nur unerklärliche Symptome, sondern auch schwere körperliche Folgeschäden, Monate nach der Ausheilung der Krankheit. Vor allem die Lungen, das Herz und das zentrale Nervensystem seien betroffen. Einige Patienten hätten Herzrhythmusstörungen, andere Erinnerungsschwierigkeiten, die einer Demenz ähnelten. Bei wieder anderen, so der Londoner Professor, hätte Covid-19 Diabetes ausgelöst.

Es scheint, als würde Corona die Menschen, die es in seine infektiösen Krallen bekommt, in einen hochfluiden Schwebezustand zwischen Gesundheit und Krankheit entlassen – und einige davon so sehr auf der Krankheitsseite platzieren, dass sie auch Monate nach einer Heilung noch nicht arbeiten, Sport machen oder am normalen Leben teilhaben können.

Lungenflügel „wie in einen Eimer Öl” gehängt

Woran könnte das liegen? Legen Patienten im Anschluss an eine Covid-19-Erkrankung vielleicht eine höhere Sensibilität bezüglich körperlicher Probleme an den Tag? In der Abwesenheit einer plausiblen medizinischen Erklärung ist sicherlich vieles möglich. Allerdings spricht die Schwere der Folgeschäden, die einige Patienten vorweisen, gegen eine solche These. So berichten Tauchmediziner, dass Patienten, die sich gesund fühlen, auch Monate nach einer überstandenen Covid-Erkrankung nicht tauchen dürften.

Die Behandelten hätten beidseitige „Infiltrate in ihren Lungen, die ausschauen, als ob man ein, zwei Tücher in einen Eimer Öl hängt und wieder rauszieht und aufhängt”, sagte Frank Hartig, leitender Oberarzt am Innsbrucker Uniklinikum. Andere hätten derart schlechte Blutgase, dass man sofort eine Intubation vornehmen will. Tut man dies, versagten ihre Lungen, „als ob der Sauerstoff irgendeine Kaskade auslöst”. Es falle schwer, so Hartig abschließend, überhaupt an eine vollständige Genesung zu glauben.

Es gibt trotz allem Hoffnung

Die FDP-Politikerin Karoline Preisler aus Barth war eine der ersten Patientinnen aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Ehefrau des FDP-Bundestagsabgeordneten Hagen Reinhold, der sich als erster deutscher Bundestagsabgeordneter mit dem Virus infiziert hatte, berichtete kürzlich in der Talkshow „Markus Lanz” von einem neuen Phänomen: „Mir gehen jetzt, drei Monate später, büschelweise die Haare aus. Ich stehe morgens auf und mein Kopfkissen ist voller Haare”, erzählte Preisler. Es verging eine Zeit, bis sie erfuhr, dass Haarausfall eine nicht untypische Folge einer Covid-19-Erkrankung sei, die bereits in China beobachtet worden wäre.

Derzeit gibt es keine nachhaltige Erklärung für diese vielfältigen Phänomene. Einige Forscher vermuten, dass eine Infektion das Immunsystem nachhaltig schädige, so dass im Anschluss an eine Erkrankung Folgeerscheinungen auftreten können, die das natürliche Abwehrsystem des Körpers nicht mehr bekämpfen kann. Andere glauben, dass das Virus im Körper ruhe und nach überstandener Krankheit immer wieder aktiv werden könnte.

Ärzte und Patienten aber verzweifeln, vor allem auch, weil so viele junge Menschen betroffen sind. Es gibt keine Therapie, keine Medikamente, keine medizinischen Indikatoren für ein Fortbestehen der Symptome. Aber es gibt Hoffnung: In Großbritannien berichten einige Covid-Erkrankte mit Spätfolgen, dass die Symptome etwa drei Monate nach ihrem Beginn abklingen.

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Kommentare (3)

Sorry, aber das ist kaum zu glauben. Können nicht manche Folgeerscheinungen auch Nebenwirkungen von bei der Therapie eingesetzten Medikamenten sein?

Ja, ich würde es auch gern nicht glauben. Den vielen Berichten aber mit pauschaler Abwertung zu begegnen ist aber sicherlich auch falsch.
Mit der Zeit lernen wir mehr über diese Krankheit, bis dahin sind diese Anekdoten hauptsächlich Hinweise und keine gesicherten Erkenntnisse.

Manche glauben erst das, was sie am eigenen Leib erfahren haben.
Selbst bei einer Sommergrippe, gibt es Betroffene, die über Monate mit verschiedensten Symptomen zu kämpfen haben.
Ein erst kürzlich bekannter Virus bedeutet, dass eben keine wissenschaftlichen Langzeitstudien vorliegen.
Es gibt Statistiken, die ebenfalls widerlegt werden oder sich prozentual ändern (Virus ist ähnlich der Grippe, Kinder und Gesunde weniger bis kaum betroffen).
Sicher haben Medikamente Nebenwirkungen, doch wie es im Artikel steht gibt es aktuell viele Erklärungen, von denen keine hundert Prozent als gesichert gilt.
Welche Medikamente meinen Sie denn im Speziellen?
Welche Studien ziehen Sie zu ihrer Vermutung heran?
Auf welche Folgeerscheinungen beziehen Sie sich?