CORONA-PANDEMIE

Hätte man die Virus-Ausbreitung in Deutschland verhindern können?

Ein Münchner Forscherteam warnte früh vor symptomfreien Corona-Infektionen. Jetzt wurde bekannt: Das Team wurde von höchsten Stellen mundtot gemacht – mit womöglich fatalen Folgen für alle.
In der Hauptzentrale des Autozulieferers Webasto im bayrischen Stockdorf wurde der erste Corona-Fall Deutschlands entdeckt.
In der Hauptzentrale des Autozulieferers Webasto im bayrischen Stockdorf wurde der erste Corona-Fall Deutschlands entdeckt. Lino Mirgeler
Neubrandenburg.

Als sich am 27. Januar 2020 aus der Webasto-Zentrale im bayrischen Stockdorf die Nachricht verbreitete, dass es die erste Corona-Infektion in Deutschland gebe, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass nun für Monate, vielleicht Jahre, alles anders werden würde. Geschäftsschließungen, flächendeckende Kurzarbeit, Helikoptergeld in Milliardenhöhe und geschlossene Grenzen: All dies war an diesem kalten Tag im Januar weit weg.

Doch innerhalb von nur wenigen Wochen veränderte sich Deutschland, Europa und der Rest der Welt radikal, vielleicht für immer. In diesen ersten Tagen aber hätte in Deutschland womöglich ein Teil dieser Veränderungen verhindert werden können. Wäre dem Virus gleich vom ersten Tag an mit den richtigen Mitteln begegnet worden, wäre uns vielleicht ein Lockdown erspart geblieben. Wenn, ja wenn, man damals schon all die Informationen über das heimtückische Virus gehabt hätte, die man heute hat.

WHO und RKI im Kreuzfeuer der Kritik

Eine Recherche der New York Times zeigt nun: Wichtige Informationen standen damals schon zur Verfügung, sie wurden aber von einflussreichen Organisationen aus politischen Gründen unterdrückt. Stattdessen seien über Monate irreführende und widersprüchliche Aussagen über die Verbreitungswege des Virus und das Tragen von Masken verbreitet worden. Im Kreuzfeuer der Kritik: die Weltgesundheitsorganisation WHO und das bundesdeutsche Robert-Koch-Institut (RKI).

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Kronzeugin der Anklage ist Camilla Rothe, die stellvertretende Leiterin der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin am LMU-Klinikum in München. Oberärztin Rothe war die erste Medizinerin, die in Deutschland mit dem Coronavirus in Kontakt kam: Sie identifizierte den Erreger Sars-CoV-2 bei einem 33-jährigen Webasto-Mitarbeiter, der in der Hauptzentrale des bayrischen Autozulieferers in Stockdorf arbeitete.

Hätte sich das Virus lokal begrenzen lassen?

Zu diesem Zeitpunkt nahmen die meisten Virologen in Deutschland noch das verwandte Sars-Coronavirus als Grundlage ihrer Erkenntnisse für den neuen Erreger. Und das bereits bekannte Virus verbreitet sich normalerweise nicht durch Patienten, die bisher noch keine Symptome zeigen. Tropenmedizinerin Rothe kam aber von Anfang an eine Sache komisch vor. Sie fragte sich: Wie soll sich der junge Mann eigentlich mit dem Virus angesteckt haben, wenn diese Annahme stimmt und gleichzeitig die chinesische Besucherin Webastos, die das Virus nach Deutschland eingeschleppt haben soll, bis zu ihrer Abreise keine Symptome hatte?

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Eine berechtigte Frage, die sie sogleich schriftlich formulierte und gemeinsam mit ihrem Forschungsteam und Chef Michael Hölscher im medizinischen Fachmagazin „The New England Journal of Medicine” veröffentlichte. Der Text, in dem Rothe davor warnte, dass auch symptomfreie Patienten infektiös sein könnten, erschien bereits am 30. Januar. Es lässt sich nur vermuten, wie die Epidemie in Deutschland verlaufen wäre, hätten die Gesundheitsbehörden die Warnung des Münchner Forscherteams ernst genommen. Vielleicht hätte sich das Coronavirus lokal begrenzen lassen, wenn als Resultat der Veröffentlichung sofort Quarantänen aller Kontaktpersonen in Verbindung mit einer Maskenpflicht eingeführt worden wären.

Münchner Team sollte Formulierunngen und Autorennamen ändern

Doch stattdessen geschah etwas anderes: Laut New York Times kam das RKI gemeinsam mit den bayrischen Gesundheitsbehörden eigentlich zu einem ganz ähnlichen Ergebnis, nämlich das auch Patienten, die noch keine vollen Symptomen zeigten, ansteckend sind. Rothes Artikel wurde aber kurz vorher veröffentlicht.

Daraufhin, so die Zeitung, habe ihr Chef Michael Hölscher nach eigener Aussage einen Anruf vom bayrischen Gesundheitsamtsleiter Andreas Zapf erhalten. Dieser habe ihm mitgeteilt, dass „die Leute in Berlin sehr verärgert” über die Veröffentlichung seien. Das Müncher Team möge doch bitte Formulierungen in dem Artikel ändern und die Namen der Teammitarbeiter als Autoren der Studie mit denen des RKI tauschen. Hölscher lehnte ab.

Ein „Symbol für überhastete Forschung”

In den Wochen nach diesem Telefonat wurde das Müncher Forscherteam immer wieder diskreditiert und verunglimpft. Zwei lange Monate lang behaupteten Politiker, nationale Gesundheitsbehörden weltweit und die WHO weiterhin, dass das Risiko, von einer symptomfreien Person angesteckt zu werden, äußerst gering bis nicht-existent sei. Im Fachmagazin „Science” erschien ein Text, der den Münchner Artikel als „fehlerhaft” bewertete – der Text basierte auf einem Brief, den das RKI an das Fachmagazin schickte.

Immer mehr Wissenschaftler schlossen sich dieser Sichtweise an, der Artikel des Münchner Forschungsteams wurde laut New York Times zu einem „Symbol für überhastete Forschung”. Diese kampagnen-artige Reaktion „brach über uns herein wie ein kompletter Tsunami”, sagte Hölscher der Zeitung. Die Ergebnisse seien „politisch ein großes, großes Problem” gewesen.

Politischer Wille, die Wahrheit zu akzeptieren, fehlte

Heute wissen wir: Rothe und ihr Team hatten Recht. Ohne eine symptomfreie Übertragung wären viele Virusinfektionen überhaupt nicht zu erklären. Doch damals hätte dieses Eingeständnis bedeutet, dass sofort weltweit radikale Maßnahmen notwendig würden: eine Maskenpflicht, die Rückverfolgung und Quarantäne aller Kontaktpersonen eines Infizierten und Tests auch an Personen, die keine Symptome zeigen.

Das war politisch nicht gewollt. Man wollte es zunächst mit der „Bleib zuhause, wenn Du Dich schlecht fühlst”-Strategie probieren, getestet wurden in Deutschland ohnehin nur Personen mit Symptomen. Womöglich haben wir dafür mit gut 9000 Toten und einer in Teilen brach liegenden Wirtschaft einen hohen Preis bezahlt.

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Kommentare (7)

Weniger Tote wären evt. die Folge der konsequenter durchgeführten Massnamen gewesen, aber die Wirtschaft hätte es genauso betroffen. Schlimm genug diese Dekadenz der "Wissenden", aber was ist nun die Folgerung?

Ende Januar 2020 faltete Bundesgesundheitsminister Spahn in einer Talkshow im ZDF einen warnenden Arzt zusammen. Danach wurde Mund-Nasen-Schutz nach China exportiert. Später ulkte Bundeswirtschaftsminister Altmeier, niemand wird wegen Corona arbeitslos werden. Ende Juni/Anfang Juli 2020 haben unzählige deutsche Medienblätter das deutsche Corona-Missmanagement derart über den Klee gelobhudelt, das den Eindruck erweckt, die untergegangenen SED-Parteiorgane sind in der Bundesrepublik auferstanden. Mittlerweile ist die deutsche Medienlandschaft kaum noch freier Journalismus. Entweder will man keine Kritik verbreiten (Corona) oder den Weltuntergang herbeireden (Klimawandel). Dazwischen ist nichts mehr. Das sollte für kommende Generationen beunruhigend sein, wenn sie es denn merken.

Wer es immer noch nicht sieht oder sehen will - wir werden von den Politikern nach Strich und Faden belogen. Wahrheiten werden uns vorenthalten, Fakten werden nur in verfälschter Form zur Veröffentlichung genehmigt, Autoren von Forschungsergebnissen werden genötigt, Texte zu verändern, bis sie den Politikern genügend entschärft erscheinen. Nötigung ist ein Straftatsbestand - wann endlich kommt bzw. kommen die verantwortlichen Politikerin(nen) hinter Gitter ?
Zur Frage des Kommentators M...m ·, was nun die Folgerung sei: Es muß mindestens die Erkenntnis sein, dass diese Regierung moralisch verkommen ist und verantwortungslos gehandelt hat. Die verspätet eingeleiteten und angeordneten Maßnahmen vermögen diesen Vertrauensbruch nicht auszugleichen. Dieser Staat BRD ist nicht zu reformieren, er ist krank an allen Gliedern und Organen, das Volk, das gemeine einfache Volk mit dem Durchschnittsverdienst und der durchschnittlichen Intelligenz nimmt es hin und weiß nicht recht, wie sein Protest am wirkungsvollsten in Veränderungen übergeleitet werden kann, weil ihm eine zielklare Führung auf dem Weg zu notwendigen Veränderungen fehlt. Es gibt Tausende, Hunderttausende, die heute über das Jahr 1989 / 1990 sagen: "Hätten wir das gewusst....".
Ich danke dem Verfasser des Artikels, Herrn Korfmacher, ausdrücklich. Sein Artikel gehört auf die Titelseiten aller deutschen Zeitungen. Das Volk muß aufgeklärt werden über die regierungsamtlichen Machenschaften.

das Volk ist führungslos, und wir brauchen einen Führer! Hatten wir schon mal, ging nicht gut. Schon vergessen???
Und wenn Sie mir dann noch erklären, wie deutsche Politiker amerikanische wissenschaftliche Zeitungen manipulieren, dann werde ich es auch begreifen!

Ich bin nicht so alt um Sie, um mich an einen Führer erinnern zu können. Im Übrigen habe ich niemals für einen Führer plädiert, sondern für eine Führung. Warum übernehmen Sie die Methode deutscher Politikerinnen und Politiker, kritische Stimmen einfach in die rechte Ecke zu stellen und Personen als Rechte zu verunglimpfen ? Was Sie, geehrter Pommernschädel, ebenfalls aus dem Artikel des NK, Herrn Korfmacher, nicht verstanden haben, ist die Tatsache, dass deutsche Politiker niemals amerikanische wissenschaftliche Zeitungen zu manipulieren brauchten, weil eben genau diese Zeitungen die Position des deutschen, aus München stammenden Forscherteams, veröffentlichten. Und das als Zeitschrift erscheinende Fachmagazin „Science” war ebenfalls nicht manipuliert worden, sondern veröffentlichte lediglich als Zweitmeinung einen Brief des deutschen Robert-Koch-Institutes. Und dieser Brief war, so, wie es die Bundesregierung vom staatlichen Institut RKI verlangte, inhaltlich manipuliert. "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing."
Ich sehe mich nicht in der Lage, Ihnen etwas so zu erklären, dass auch Sie es begreifen. Meine noch bevor stehende Lebenszeit wäre dazu ohnehin zu kurz.

Das im vorstehenden Kommentar erste "um" bitte ersetzen durch "wie".
Danke.

- leider hätten wir danach ein Land ohne Volk - Sarkasmus aus