AFFÄRE

Ist Fremdgehen ein Trennungsgrund?

Es kommt in vielen Beziehungen vor: Ein Partner verguckt sich in jemanden anderen. Einfach so! Und nun? Heißt es gehen oder bleiben?
dpa
Fremd verliebt, aber einen festen Partner zu Hause? Hier muss man die rosarote Brille einmal absetzen, um zu überlegen, ob man die Beziehung tatsächlich aufgeben will. Foto: Monique Wüstenhagen
Fremd verliebt, aber einen festen Partner zu Hause? Hier muss man die rosarote Brille einmal absetzen, um zu überlegen, ob man die Beziehung tatsächlich aufgeben will. Monique Wüstenhagen
Ralph Piotrowski arbeitet als Paartherapeut in Berlin.
Ralph Piotrowski arbeitet als Paartherapeut in Berlin. Jürgen Scheer
Göttingen.

Die Schmetterlinge werden immer wilder. Eine ganze Horde flattert durch den Bauch, obwohl sie dort eigentlich gar nicht hingehören. Was tun, wenn man sich verliebt hat – trotz fester Beziehung? Schluss machen? Es dem Partner beichten?

„Erst einmal ruhig bleiben“, rät der Paartherapeut Ragnar Beer aus Göttingen. „Bei vielen Menschen stellt sich sofort das schlechte Gewissen gegenüber dem Partner ein, aber man sollte sich nicht selbst verdammen.“ Denn Verliebtsein – egal in wen und in welcher Situation – sei erst einmal einfach nur ein schönes Gefühl, eine Fähigkeit, für einen anderen Menschen Begeisterung zu empfinden. Auch der Diplom-Psychologe und Paartherapeut Gregor Spengler aus Leipzig betont: „Menschen, die sich verlieben, sollten wissen, dass diese Gefühle da sein dürfen. Liebe ist frei und lässt sich nicht einsperren.“

Lange geht das Doppelspiel nicht gut

Doch was tun mit dieser Erkenntnis? Wer kann Verliebtheit schon genießen, wenn er in einer festen Partnerschaft steckt? „Man sollte versuchen, trotz rosaroter Brille in Ruhe über die Situation nachzudenken und eine Lösung zu finden“, empfiehlt Paartherapeut Ralph Piotrowski aus Berlin. „Zwei sich widersprechende Gefühle zu erleben, ist ansonsten auf Dauer eine emotionale Überforderung.“ Das Problem: Wer verliebt ist, denkt häufig nicht klar.

„Das akute Verliebtsein erfüllt aus klinischer Sicht alle Kriterien einer Psychose. Es ist ein physiologischer, emotionaler und kognitiver Ausnahmezustand, ein Rausch“, erklärt Spengler. Darum lohne es sich, nicht gleich dem ersten Impuls zu folgen und eine feste Partnerschaft aufzulösen.

Warum habe ich mich verliebt?

Ralph Piotrowski rät: „Man sollte versuchen zu verstehen, warum man sich verliebt hat.“ Häufig habe dies viel mit Projektion zu tun. „Menschen, die langjährige Partnerschaften führen, verlieren mit der Zeit dieses einmalige Hochgefühl des Verliebtseins. Nach und nach entdecken sie Seiten am Partner, die sie stören. Oder sie bemerken, dass ihnen etwas fehlt.“ Sie glaubten, eine andere Person könnte diese Lücke vielleicht schließen. Ragnar Beer gibt ein Beispiel: „Vielleicht mag der eigene Partner keine klassische Musik. Und dann trifft man auf den großen Wagner-Fan, der auch noch gut aussieht. Schon passiert es.“ Auch Gregor Spengler sagt: „Jede neue große Liebe speist die Illusion, nun endlich doch die Antwort auf alle Fragen und das Abonnement auf ewiges Glück erworben zu haben.“

Verlieben wir uns also nur fremd, wenn etwas nicht stimmt in unserer Beziehung? „Es passiert zumindest seltener, wenn eine Partnerschaft glücklich ist“, meint Ragnar Beer. Umso wichtiger sei es herauszufinden, warum wir Sehnsucht nach etwas Neuem haben, sagt Ralph Piotrowski. „Wenn wir mit unserem Partner zusammenbleiben möchten, können wir das aufregend Neue, das wir in einer anderen Person sehen, vielleicht auch in der eigenen Beziehung wiederfinden und die Rüttelstrecke überwinden.“

Trennung kann die richtige Entscheidung sein

Dennoch sollte man nur aus den richtigen Motiven mit dem Partner zusammenbleiben, sagt Gregor Spengler. Geht es nur darum, das gemeinsam Aufgebaute erhalten zu wollen, sei das ein falscher Grund. Viele Menschen blieben dann aufgrund des schönen Hauses, der gemeinsamen Kinder oder dem gut eingespielten Alltagsleben zusammen. „So muss zwar keiner leiden“, erklärt Spengler. „Allerdings bezahlt man die Abwesenheit von Unglück gleichzeitig auch mit der Abwesenheit von Glück.“
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Wie kann man den Geliebten wieder vergessen?

Was, wenn man seiner Geliebten oder seinerm Geliebten täglich im Büro oder anderswo begegnet, sich aber lossagen will? „Auch dann kann man sich wieder entlieben“, sagt Paartherapeut Ragnar Beer. Sinnvoll sei es, den Kontakt aufs Nötigste zu beschränken und sich nicht mehr zur gemeinsamen Mittagspause oder unendlichem Mail-Austausch hinreißen zu lassen. Genauso wichtig wie der Abstand zur begehrten Person ist laut Gregor Spengler manchmal auch die Distanz zwischen den Partnern. „Ich rate häufig dazu, zunächst auf Distanz zu gehen. Mitunter kann schon ein Wochenende für sich Klarheit bringen.“ Wie diese Klarheit dann aussieht, ist offen. Vielleicht enttarnen sich die Schmetterlinge als Botschafter für ein übersehenes Bedürfnis in der Partnerschaft – und eröffnen die Chance auf Entwicklung. Bleiben die Flügel wild, schillernd und bunt? Dann liegt das Glück vielleicht doch woanders.

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