ÜBERTEUERTE PRODUKTE

Kaffeefahrten im Corona-Modus

Die Anbieter lassen nicht locker und sind auch im Lockdown auf Kundensuche. Besonders eine altbekannte Firma ist derzeit ziemlich aktiv.
Auch wenn das Geschäft mit Kaffeefahrten derzeit so nicht möglich ist, die Anbieter lassen nicht locker.
Auch wenn das Geschäft mit Kaffeefahrten derzeit so nicht möglich ist, die Anbieter lassen nicht locker. Jens Büttner
Neubrandenburg ·

Unauffälliger geht es nicht: Mitten in Lindern, Hauptort einer 5000-Einwohner-Gemeinde im Oldenburgischen, steht ein schmuckloses, rot geklinkertes Zweckgebäude. Wenn es nach dem, in schlichter Typografie gehaltenen Schreiben geht, das seit Monatsbeginn in vielen Briefkästen im Nordosten landet, befindet sich in dem niedersächsischen Ort der Sitz der Firma JMS-Vertrieb. Selbst gewähltes Motto: „Fit und vital durch’s Leben“.

Das Schreiben, das die gestempelte Unterschrift „Schmidt Geschäftsleitung“ trägt, dient augenscheinlich der Kundenbindung. „Sie haben sich in der Vergangenheit Produkte auf unseren Tagesfahrten angeschafft“, heißt es. Dann folgt die Bitte, sich „im eigenen Interesse“ mit der „Bezirksleitung Niedersachsen“, in Verbindung zu setzen. Kaffeefahrt in Corona-Zeiten: Auf der Rückseite des Schreiben folgt eine lange Liste von Schlafsystemen, Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetikartikeln – ohne Angabe von Preisen.

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Keine Rechtsform des Anbieters genannt

Das hat seinen Grund: „JMS-Sonderfahrten“ steht bei Verbraucherschützern seit Jahren in der Kritik, vor allem Senioren überteuerte Produkte zu verkaufen. Noch kurz vor dem Lockdown im vergangenen März berichtete der RBB über eine der umstrittenen Kaffeefahrten in die Nähe von Frankfurt (Oder). Außerdem hat es „JMS-Sonderfahrten“ auf die Warnliste des Lahn-Dill-Kreises gebracht, der sich als einzige deutsche Behörde mit einer Aufstellung unseriöser Werbeverkäufe beschäftigt. Gern geht es nach Brandenburg: So sind auf der Liste des Lahn-Dill-Kreises auch eine „Erholungsfahrt Unteruckersee“ und eine „Sonderfahrt Kloster Chorin“ aufgeführt, die von „JMS-Sonderfahrten“ im Sommer angeboten wurden. Gewarnt wird aktuell vor Hausbesuchen der redegewandten Verkäufer.

Mehrfach haben sich in diesen Tagen Bürger an die Verbraucherzentrale in Rostock gewandt, nachdem sie das Schreiben von „JMS-Sonderfahrten“ erhalten haben. Möglicherweise gehe es darum, Kunden auf künftige Kaffeefahrten einzustimmen oder Daten einzusammeln, vermutet Verbraucherschützerin Jindra Martinez. Sie warnt davor, unter der angegebenen Telefonnummer zurückzurufen. In dem Schreiben sei keine Rechtsform des Anbieters vermerkt, ein Hinweis darauf, dass die Firma auch unter anderen Namen agieren könnte.

Schon seit Jahren versucht die Politik vergeblich, diesem Treiben einen gesetzlichen Riegel vorzuschieben. Jetzt ging es einen Schritt nach vorn: Im Januar hat die Bundesregierung den Entwurf für ein Gesetz verabschiedet, das die Anzeigepflicht der Veranstalter von Kaffeefahrten gegenüber der zuständigen Behörde und die Informationspflichten bei der Bewerbung solcher Veranstaltungen verschärft. Der Vertrieb von Medizinprodukten und Nahrungsergänzungsmitteln auf Kaffeefahrten werde darüber hinaus verboten und der Bußgeldrahmen von 1000 Euro auf 10. 000 Euro erhöht, sagte eine Sprecherin des Bundesjustizministeriums auf Anfrage.

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