WAHRHEITEN ZUM VALENTINSTAG

Macht uns Liebe wirklich blind?

Und können sich Liebende besonders gut riechen? Ziehen sich Gegensätze wirklich an? Oder gesellen sich gleich und gleich tatsächlich gern. Die Forschung hat diese Floskeln untersucht und Erstaunliches herausgefunden.
dpa
Bei Verliebten spielen sämtliche Hormone verrückt - und das hat Konsequenzen.
Bei Verliebten spielen sämtliche Hormone verrückt – und das hat Konsequenzen. Christophe Gateau
München.

Liebe geht durch den Magen

Frisch Verliebte können angeblich allein von Luft und Liebe leben. Verantwortlich dafür ist wohl das Hormon Phenylethylamin, das bei Verliebten reichlich gebildet wird und zu einem gezügelten Appetit führt. Anders sieht es in längeren Beziehungen aus: Studien zeigen, dass glückliche Paare im Schnitt mehr wiegen als Singles. Menschen in glücklichen Partnerschaften wiegen zudem mehr als solche in kriselnden. „Dies ist womöglich auf den sinkenden Konkurrenzdruck in glücklichen Partnerschaften zurückzuführen”, berichten Martina Müller-Schilling, Sophie Schlosser und Stephan Schmid vom Uniklinikums Regensburg (UKR).

In der Phase der Verliebtheit wird der Körper auch von den Geschlechtshormonen Testosteron und Östrogen reguliert, sagt Yurdagül Zopf vom Uniklinikum Erlangen. „Diese werden hauptsächlich unter Stresseinfluss ausgeschüttet und führen zu einem unruhigen Magendarmtrakt.” Und die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin beim Anblick des Gegenübers führt im Zusammenspiel mit den Glückshormonen zum Kribbeln im Bauch.

Sich riechen können

Ähnlich wie bei Organspenden passe es nicht immer zwischen zwei Menschen, erklärt Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann vom Helmholtz Zentrum München und der Technischen Universität München. Doch scheint in der Liebe die Devise „je fremder, umso besser” zu gelten. Dabei geht es um Immun-Gene, wie Bernhard Weber, Direktor des Instituts für Humangenetik der Universität Regensburg, erklärt. Diese spielen bei der Abwehr von Krankheitserregern eine Rolle. Und je unterschiedlicher der Genpool von Mutter und Vater, desto besser ist der Nachwuchs für möglichst viele Krankheitserreger gewappnet.

Traidl-Hoffmann sagt, es gebe Hinweise, dass Moleküle auf Oberflächen von Zellen, die bei der Erkennung des Immunsystems über Freund oder Feind entscheiden, Duftkomponenten entstehen lassen. „Das trägt zum Körpergeruch bei.” Und über die Luft gelangen die Moleküle an die Riechrezeptoren in der Nase. „Das Gehirn entscheidet dann: passt oder passt nicht.” Tests zufolge reicht laut Weber schon der Geruch eines getragenen T-Shirts aus, damit man einen Partner mit deutlich anderen Immun-Genen auswählt.

Jemanden süß finden

„Schon als Kinder wissen wir, dass süß gut ist”, sagt Paul Pfluger, der die Abteilung Neurobiologie des Diabetes am Helmholtz Zentrum München leitet. „Kleinkinder stehen in der Regel auf Schokolade. Es gibt nur wenige, die das nicht mögen.” Zudem habe Schokolade für viele einen Belohnungseffekt, einen „hedonistischen Wert”. „Je weniger man isst, je mehr man fastet, desto mehr Freude hat man”, erklärt der Wissenschaftler.

Gleich und gleich gesellt sich gern

Gerade bei auf Dauer angelegten Beziehungen ähnelten sich Partner nachweislich sehr häufig, sagt der Psychologe Roland Deutsch von der Würzburger Universität. Das sei für das Zusammenleben wichtig: „Eine total introvertierte Person wird es schwierig haben mit einem sehr Extrovertierten, eine Nachteule mit einem Frühaufsteher.” Homogamie heißt der Fachbegriff für Gleichartigkeit von Partnern etwa beim sozioökonomischen Status oder der Attraktivität. Nun könnte man meinen, jeder hätte gern einen besonders attraktiven Partner. „Aber es gibt einen Marktaspekt”, sagt Deutsch. Die Attraktivsten finden sich, dann die Zweitattraktivsten und so weiter. „Und wenn es eine starke Unähnlichkeit gibt, fördert das die Eifersucht bei den Partnern, die schlechter abschneiden.”

Gegensätze ziehen sich an

Was hat es dann damit auf sich? Dieses Sprichwort treffe deutlich seltener zu, sagt Deutsch. Es gebe manchmal den „Romeo-und-Julia-Effekt”: dass eine Beziehung kurzfristig gestärkt wird, wenn das Paar das Gefühl hat, dass das Umfeld sie nicht gutheißt. Bei Heterosexuellen unterschieden sich Männer und Frauen teils auch hinsichtlich ihrer Vorlieben bei der Partnerwahl. So achteten Männer beim anderen Geschlecht beispielsweise stärker aufs Aussehen als Frauen. Johannes Kornhuber, Psychiater am Uniklinikum Erlangen, ergänzt: Frauen suchten eher nach Status und Intelligenz. „Dies passt zu dem Klischee eines mächtigen Mannes mit hübscher Frau an seiner Seite.”

Treffen unterschiedliche Meinungen und Erfahrungen aufeinander, habe das durchaus Vorteile wie ausgewogenere Sichtweisen und klügere Handlungen, sagt Kornhuber. In der asiatischen Tradition stünden Yin und Yang für einander entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene Kräfte. Dabei stehe das weiße Yang für männlich (aktiv, Bewegung) und das schwarze Yin für weiblich (passiv, Ruhe).

Liebe macht blind

Ein Botenstoff, der im Gehirn das Gefühl von Verliebtheit entstehen lässt, ist Dopamin. Thomas Loew, Leiter der UKR-Abteilung für Psychosomatische Medizin, vergleicht die Wirkung mit einer wahnhaften Störung. Amerikaner sagten dazu jargonhaft „firm, fixed, false idea”. "'Firm' bedeutet, die Person ist von dem Sachverhalt überzeugt, ohne dass es weitere Argumente bräuchte. 'Fixed' meint, der Zustand hält einige Zeit an, allgemein bei der Verliebtheit etwa sechs Wochen. 'False' bedeutet, dass nicht unbedingt jeder im Umfeld die uneingeschränkt positive Bewertung des Objekts der Begierde teilt”, so Loew. Oder anders gesagt: Verliebte sind blind für etwaige Fehler des Geliebten. Endorphine, die Glücksgefühle vermitteln und schnell Zufriedenheit herstellen können, führen laut Loew dazu, dass Liebende sich zumindest anfangs vollkommen ausreichten. „Kommt dann noch die körperliche Berührung ins Spiel, wird zusätzlich das Oxytocin – gerne auch Kuschelhormon genannt – aktiviert, das auf Dauer eine Bindung entstehen lässt.”

Alles miteinander teilen

Das kann manchmal ganz schön weit gehen: Derzeit forschen Umweltmedizinerin Traidl-Hoffmann und ihr Team zu der Frage, ob sich Partner mit der Zeit auch das Mikrobiom – also die Summe aller Mikroorganismen – auf der Haut teilen. „Das kann dann Krankheitsbilder beeinflussen”, erklärt die Medizinerin. So könnte etwa bei Neurodermitis-Patienten durch die Mikroben des Partners ein entsprechender Hautausschlag gefördert werden.

 

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