Chlordioxid-Lösungen werden in sozialen Medien als alternative Behandlungsmittel für diverse Krankheiten empfohlen.
Chlordioxid-Lösungen werden in sozialen Medien als alternative Behandlungsmittel für diverse Krankheiten empfohlen. Doch Wissenschaftler und Mediziner schlagen Alarm. Die Einnahme ist sehr gefährlich. Hendrik Schmidt
Chlordioxid

Mehr Vergiftungen durch vermeintliches Corona-Heilmittel

Manche halten Chlordioxid für ein Wundermittel bei verschiedenen Krankheiten – unter anderem Corona. Dabei ist die Einnahme sehr gefährlich. Das belegen auch aktuelle Zahlen.
Neubrandenburg

Ein Allheilmittel gegen Corona, Krebs oder gar Aids? Angeblich erfolgreiche Studien dazu kursieren seit Jahren im Internet, erhalten aber durch die Corona-Pandemie neue Brisanz. Denn viele erhoffen sich durch die Einnahme von Lösungen mit Chlordioxid eine kostengünstige und schnelle Therapie beziehungsweise Prävention im Zusammenhang mit diversen Erkrankungen. Doch Experten warnen: Es gibt keinen einzigen Nachweis für irgendeine positive Wirkung von Chlordioxid – auch nicht bei einer Corona-Infektion. Ganz im Gegenteil, das Mittel kann im Körper zu Vergiftungen und schweren Schäden führen.

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Ursprünglich wurde hauptsächlich das Produkts „Miracle Mineral Supplement“, kurz MMS, angewendet, das die Chemikalie Natriumchlorit enthält. Wird diese durch Zugabe einer Säure „aktiviert“, entsteht das als sehr giftig und ätzend eingestufte Chlordioxid. Deshalb warnt auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) seit Jahren vor der Anwendung von MMS.

Mittlerweile gibt es aber auch viele andere verdünnte Chlordioxid-Lösungen unter dem Kürzel CDL im Internet zu kaufen. „Ich habe den Eindruck, dass mit der Corona-Pandemie das Angebot an solchen Lösungen stark angestiegen ist und parallel dazu dessen Verwendung, auch wenn bei uns die Fallzahlen eher niedrig sind“, sagte Dagmar Prasa, Leiterin des Gemeinsamen Giftinformationszentrums der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (GGIZ), gegenüber dem Nordkurier.

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Dennoch ist beim Blick in die GGIZ-Statistik ein Anstieg der Nachfragen in Zusammenhang mit MMS und Chlordioxid deutlich zu erkennen. Lagen die Zahlen vor Corona bei durchschnittlich zwischen drei bis sechs Fällen, waren es 2020 13 und 2021 bereits 21 Fälle. Auch in diesem Jahr wurden bereits 13 Fälle registriert. Allerdings kamen in den vergangenen zwei Jahren lediglich jeweils zwei Fälle aus Mecklenburg-Vorpommern. Die meisten Hilfesuchenden meldeten sich aus Sachsen beim GGIZ.

Auch der Giftnotruf der Berliner Charité hat diese steigende Tendenz auf Nordkurier-Nachfrage bestätigt. Während in den Jahren 2017 bis 2019 jährlich etwa zehn solcher Beratungsanfragen aus dem gesamten Bundesgebiet zu Chlordioxid gestellt wurden, stieg die Zahl der Beratungen in den Pandemie-Jahren deutlich an. 2021 waren es dann etwa 50 Fälle, wobei die Hälfte der Anfragen aus Brandenburg und Berlin kamen.

Ähnlich hoch sind die Zahlen beim Giftinformationszentrum Nord in Göttingen, wo Notrufe für Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein erfasst werden. Gab es dort im Jahr 2019 sieben Notrufe, seien es im vergangenen Jahr bereits 50 gewesen, berichtete der NDR. Und auch in diesem Jahr seien bereits 24 Notrufe im Zusammenhang mit Chlordioxid eingegangen. Doch Experten gehen für ganz Deutschland von einer sehr hohen Dunkelziffer aus.

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Eigentlich wird Chlordioxid (ClO₂), eine chemische Verbindung aus Chlor und Sauerstoff, hauptsächlich industriell als Bleichmittel in der Textil- und Zellstoffindustrie oder auch für die Trinkwasseraufbereitung verwendet. Für die direkte Anwendung am Menschen ist es nicht vorgesehen und ungeeignet.

„Chlordioxid ist ein gefährliches Reizgas, das ähnlich dem Chlorgas vor allem lungenschädigend wirkt. Es reizt Nase, Rachen, Luftröhre und Bronchien bereits bei sehr geringen Konzentrationen. Höhere Konzentrationen können zu Entzündungen der oberen Atemwege und einer lebensbedrohlichen Lungenschädigung führen sowie Bronchospasmen auslösen“, erklärt Dagmar Prasa. Das heißt, es kann zu einer starken Verkrampfung der Atemwege kommen, die zu Atemnot und unter Umständen zu einer Lebensgefahr führt. Außerdem kann es durch die Einnahme zu Nierenversagen und Darmschädigungen kommen. Deshalb sind Symptome wie Durchfall oder Erbrechen eben keine „Entgiftungssymptome”, die die Wirkung des Produktes beweisen, wie es häufig in diversen Social-Media-Gruppen verharmlosend behauptet wird, sondern es sind Anzeichen einer Vergiftung.

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Wer Symptome einer Vergiftung bemerkt, sollte auf jeden Fall das Giftinformationszentrum konsultieren, um sich über die Gefährdung und die eventuell notwendigen Maßnahmen beraten zu lassen. „Bei heftigen Beschwerden ist umgehend ein Arzt aufzusuchen beziehungsweise der Rettungsdienst zu verständigen“, betont Dagmar Prasa. Die Notrufnummer 0361-730730 ist rund um die Uhr besetzt.

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