Für viele Bürger ist der Traum vom Eigenheim bereits zerplatzt. Zu stark stiegen die Immobilienpreise in den vergang
Für viele Bürger ist der Traum vom Eigenheim bereits zerplatzt. Zu stark stiegen die Immobilienpreise in den vergangenen Jahren an. Jan Woitas
Bauzinsen

Sinken die Immobilienpreise wirklich?

Zuletzt schien es so, als würde sich der Immobilienmarkt entspannen. Immer häufiger wurde von sinkenden Preisen berichtet. Doch die Zweifel an dieser Hypothese wachsen.
Berlin

Wer seinen Traum vom Eigenheim nicht begraben will, brauchte in den vergangenen Jahren starke Nerven. Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 stiegen die Immobilienpreise in Deutschland mit einer schwindelerregenden Geschwindigkeit an, je nach Lage mit jährlichen Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich. Geschuldet war dies der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die aufgrund von Null- und Negativzinsen Immobilienkredite billig und Sparen zwecklos machte. Zuletzt mehrten sich aber die Medienberichte, die einen vermeintlichen Rückgang der Preise für Wohnimmobilien beobachtet haben wollen. Dabei stützten sie sich meist auf die Statistiken von Immobilienportalen oder Kreditanbietern.

Allerdings hat die ganze Sache einen Haken: Offizielle Statistiken belegen einen Preisrückgang bisher nicht. Ganz im Gegenteil: Nach neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes von vergangenem Freitag sind die Preise für Häuser und Eigentumswohnungen im zweiten Quartal 2022 zum fünften Mal in Folge im zweistelligen Prozentbereich angestiegen. Zwischen April und Juni stiegen die Wohnimmobilienpreise bundesweit auf Jahressicht um 10,2 Prozent. Verglichen mit der Teuerung von 11,6 Prozent aus dem ersten Quartal ist lediglich eine Verlangsamung des Preisanstiegs zu spüren. Besonders hart trifft es Immobilieninteressierte in dünn besiedelten ländlichen Kreisen: Innerhalb eines Jahres verteuerten sich Ein- und Zweifamilienhäuser auf dem Land um 13,6 Prozent, die Preise für Eigentumswohnungen stiegen um 11,7 Prozent.

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Das ist verwirrend. Warum melden Immobilienportale sinkende Immobilienpreise, wenn die offiziellen Zahlen genau das Gegenteil widerspiegeln? Das liegt an den Grundlagen dieser Zahlen: Portale basieren ihre Prognosen häufig auf Daten aus den Immobilienanzeigen, die auf ihrer Plattform geschaltet werden. Dazu gehören unter anderem der veranschlagte Kaufpreis einer Immobilie, die Anzahl der Anfragen, die eine Anzeige generiert und die Dauer, für die diese Anzeige aktiv im System verbleibt. Dies sind gute Indikatoren, um bestimmte Entwicklungen am Markt zu prognostizieren.

In die Details einer Einigung zwischen Verkäufer und Käufer haben die Portale meist aber keinen Einblick. Den offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes wiederum liegen die tatsächlich gezahlten Kaufpreise zugrunde. In Deutschland sind Notare dazu verpflichtet, Immobilien-Kaufverträge an einen für ihre Stadt oder Region zuständigen Guterachterausschuss zu übermitteln. Aus diesen Daten wird dann die Entwicklung der Immobilienpreise errechnet.

Daraus folgen zwei Dinge: Auf der einen Seite hinken die offiziellen Zahlen den Entwicklungen hinterher. Derzeit getätigte Immobilientransaktionen könnten schon jetzt Preisrückgänge abbilden, die aber erst in einigen Monaten in die offizielle Statistik einfließen. Auf der anderen Seite sind die vertraglich vereinbarten Kaufpreise für Interessenten die einzig relevanten Daten. Denn hier handelt es sich um die tatsächlich gezahlten Preise für Wohnimmobilien. Womöglich bilden die Daten der Portale lediglich die Tatsache ab, dass die Preisspitzen langsam stumpfer werden, Verkäufer sich also nicht mehr darauf verlassen können, ihre Immobilie trotz teils obszöner Preisforderungen an dem Mann zu bringen. Die Preise könnten also lediglich „realistischer” werden, was statistisch betrachtet einem Preisrückgang gleichkommt.

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Doch für potentielle Käufer bedeutet das nicht, dass Immobilien auf einmal günstig zu haben sind. Auch wenn es für Interessierte hart zu verdauen ist: Für den vielfach proklamierten „dramatischen Fall der Immobilienpreise” gibt es derzeit schlicht keine belastbaren Belege. Dennoch ist eine Abschwächung des Immobilienbooms in Deutschland mit einer Stagnation oder einem Rückgang der Kaufpreise wahrscheinlich. Dafür sprechen nicht nur Lieferengpässe, steigende Bau- und Materialkosten und eine zunehmende politische Regulierung des Marktes, sondern auch die massiv gestiegenen Zinsen für Immobilienkredite.

+ + + Die neuesten Entwicklungen zu diesem Thema finden Sie in dem Text "Warum die Inflation Immobilienkredite unerschwinglich macht” + + + 

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