Heilsames Zocken

Tetris-Spielen scheint Trauma-Patienten zu helfen

Das klingt fast zu simpel, um wahr zu sein, aber dahinter steht ein interessanter Ansatz: Offenbar beansprucht das Computerspielen dieselben Areale im Gehirn, die auch die Bilder an die schrecklichen Ereignisse aktivieren.
Antje Wegwerth Antje Wegwerth
dpa
Psychologen haben Computerspiele bisher vor allem unter dem Aspekt der Suchtgefahr unter die Lupe genommen. Aber offenbar kann das Zocken auch bestimmten Menschen sehr helfen.
Psychologen haben Computerspiele bisher vor allem unter dem Aspekt der Suchtgefahr unter die Lupe genommen. Aber offenbar kann das Zocken auch bestimmten Menschen sehr helfen. @keddy-fotolia.com
Das Bochumer Forscherteam Henrik Kessler (rechts) und Aram Kehyayan sowie weitere Kollgegen untersuchen die Wirkung von Tetris auf traumatisierte Patienten.
Das Bochumer Forscherteam Henrik Kessler (rechts) und Aram Kehyayan sowie weitere Kollgegen untersuchen die Wirkung von Tetris auf traumatisierte Patienten.
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Berlin.

Medizin und Psychologie entdecken die heilsame Wirkung von Computerspielen. Ein Team um den Bochumer Psychosomatik-Professor Henrik Kessler hat das Computerspiel Tetris zur Therapie von sogenannten Flashbacks nach einem traumatischen Ereignis eingesetzt. Das sind plötzlich aufflackernde Bilder und Erinnerungen, zum Beispiel an Gewalterfahrungen oder an einen schweren Unfall. Wie Kessler beim Psychosomatik-Kongress in Berlin erklärte, wurden 20 Patienten, die häufig von solchen Flaschbacks heimgesucht wurden, gebeten, eine der Erinnerungen auf einen Zettel zu schreiben und diesen anschließend zu zerreißen. Danach spielten sie 25 Minuten Tetris auf einem Tablet. In den folgenden Tagen und Wochen sei dieses konkrete Flashback bei 16 von 20 Patienten deutlich weniger aufgetreten (Rückgang um 64 Prozent), berichtete Kessler.

Die Erklärung für das Phänomen

Doch woran liegt das? Warum kann Tetris-Spielen schwer traumatisierten Menschen die Bilder von schrecklichen Ereignissen nehmen.

Grund könnten die Ressourcengrenzen im Gehirn sein, vermutet Kessler. Die Patienten rufen sich Bilder des Flashbacks ins Gedächtnis, wenn sie sie auf dem Zettel notieren. Dadurch würden vermutlich räumlich-bildliche Areale im Gedächtnis aktiviert. Dieselben Areale im Gehirn würden wahrscheinlich auch für das Tetris-Spielen benötigt. Aufgrund der zeitnahen Beanspruchung könnte es zu Interferenzen kommen, die die Gedächtnisspur an die traumatischen Bilder abschwächen.Die Studie soll nun mit einer größeren Anzahl an Patienten wiederholt werden, um verlässlichere Aussagen treffen zu können.Kessler betonte jedoch, das Flashbacks nur ein Symptom von vielen Traumafolgestörungen sind und die „Tetris-Therapie” keine Traumatherapie ersetzen könne.

Weitere Tetris-Studie in Großbritanien

In Großbritanien haben Forscher bereits positive Erfahrungen mit Tetris bei akut traumatisierten Menschen machen können. In ihrer Studie von 2017 hatten die Wissenschaftler 71 Patienten einbezogen, die nach einem traumatischen Verkehrsunfall in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Oxford warteten. Eine Gruppe spielte innerhalb von sechs Stunden nach dem Unfall 20 Minuten lang Tetris. In der darauffolgenden Woche sollten die Patienten in einer Art Tagebuch alle sich aufdrängenden Erinnerungen an den Unfall notieren.

Das Ergebnis: Die Patienten, die kurz nach dem traumatischen Erlebnis Tetris gespielt hatten, mussten viel weniger an den Unfall denken als die Patienten in der Kontrollgruppe. Die Zahl einströmender Erinnerungen habe bei ihnen um 62 Prozent niedriger gelegen, erklärten die Forscher. Außerdem hätten sie die Gedanken als weniger bedrückend empfunden.

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