UDO POLLMER

Wann verbietet ihr endlich den Kaffee?

Den Chemiker und Publizisten Udo Pollmer erinnert der Öko-Exorzismus rund ums Glyphosat an die faktenfreie Verteufelung des Kaffees, dessen abstruse Geschichte er für den Nordkurier aufgeschrieben hat.
Udo Pollmer (Gastbeitrag) Udo Pollmer (Gastbeitrag)
Wie wirkt sich der Kaffee-Konsum auf uns Menschen aus? Darüber wurde in der Wissenschaft schon viel gestritten (Symbolbil
Wie wirkt sich der Kaffee-Konsum auf uns Menschen aus? Darüber wurde in der Wissenschaft schon viel gestritten (Symbolbild). Oliver Berg
Neubrandenburg.

Wie heißt der Deutschen populärstes Pestizid? Nein, nicht Glyphosat. Es handelt sich vielmehr um ein Insektizid, noch dazu eines, das viele Menschen Tag für Tag sehnsüchtig erwarten: das Koffein. Damit schützt sich der Kaffeestrauch vor Insektenfraß. Ganz ungeniert verleibt sich der Deutsche täglich etwa 300 Milligramm dieses „Insektentods“ ein, um guten Mutes sein Tagwerk zu beginnen. Mengenmäßig ist das viel, viel mehr als das, was wir an Pestizidrückständen so mitverspeisen.

Böse Zungen können stolz auf sich sein: Haben sie nicht vor dem gefährlichen Trunk gewarnt? Vor dem „Genußgift“ Koffein, das den toxikologischen Kennwerten zufolge giftiger ist als Glyphosat? Sie pflegen damit eine alte Tradition: Überall dort, wo Menschen Freude empfinden, wähnen sie das Werk des Teufels, der die armen Sünder verführen und ins Verderben locken will. Was haben die Gesundheitsapostel in den vergangenen Jahrhunderten nicht alles gegen den Kaffee vorgebracht?

Erstes Kaffeeverbot in Mekka

Das erste Kaffeeverbot wurde 1511 in Mekka erlassen – und mit Hilfe eines Gegengutachtens vom kaffeebegeisterten Sultan von Ägypten bald danach wieder aufgehoben. In der Türkei drohte Kaffeetrinkern 1633 sogar die Todesstrafe. Weil selbst das nichts half, wurde sie durch eine Steuer ersetzt. Unsere heutigen Ernährungserzieher mögen sich dieses Beispiel hinter die Ohren schreiben!

Als der Muntermacher begann, Europa zu erobern, hoben die Gelehrten warnend ihre Zeigefinger. Ein Dr. Coulomb, Arzt aus Marseille, attestierte den Bohnen im Jahr 1679 eine austrocknende Wirkung auf Nieren, Nerven und Gehirn, und prophezeite „allgemeine Erschlaffung, Paralyse und Impotenz“.

Einzige Gefahr von Kaffee: Verbrühungen!

Schriften dieser Art gab es wie Sand am Meer und sie gibt es bis heute. Das einzige reale Risiko, das mit Kaffee verbunden ist, wird nicht erwähnt: das kochende Wasser, an dem sich Kinder verbrühen können. Selbst eine Überdosis an Koffein hat schlimmstenfalls einen „Kaffeerausch“ zur Folge, der sich im Gegensatz zu einer Brandwunde schnell wieder von selbst verflüchtigt.

Kein anderes Getränk – von Alkohol einmal abgesehen – wurde so oft unter die Lupe genommen wie Kaffee. Meist in der Absicht, endlich der Welt zu demonstrieren, wie gefährlich das Stimulans ist. Besonders beliebt sind Vorwürfe, Kaffee gefährde das Herz, weil es die Pumpe anregt.

Es begann mit einer norwegischen Studie, die eine beeindruckende Korrelation gefunden hatte. Sofort rieten Ärzte, keinen Kaffee mehr zu trinken. Dabei können Korrelationen keinen ursächlichen Zusammenhang belegen. Nach sechs weiteren Jahren der Beobachtung wurde das Ergebnis widerrufen, weil sich der rechnerische Zusammenhang auf unerklärliche Weise komplett verflüchtigt hatte – fast so schnell wie ein Koffeinschub.

Warnung vor „zu viel Kaffee“

Aber dieser Unfug wird immer wieder präsentiert, vor wenigen Wochen rauschte es im Blätterwald, weil eine Forscherin in Südaustralien herausgefunden hat, zu viel Kaffee – über 6 Tassen am Tag – förderten angeblich den Infarkt. Umgehend warnten Medien unisono wieder vor „zu viel Kaffee“. Dabei haben sie die hilfreichste Botschaft unterschlagen: Laut dieser Studie schützt Kaffee vor Herzinfarkt. Wer auf Kaffee verzichtet hatte, erhöhte ebenfalls sein Herzinfarkt-Risiko. Gleiches galt für jene, die lieber Koffeinfreien konsumieren – wegen des Herzens, wie sie glauben.

Belegt durch zahlreiche Studien ist indes die günstige Wirkung auf die Leber: Kaffeetrinker haben nicht nur bessere Leberwerte als Kaffeeverächter, sie erkranken auch seltener an Leberzirrhose sowie an Krebs von Leber und Galle. Für Obst und Gemüse ließen sich in den großen prospektiven Studien keine vergleichbaren vorteilhaften Effekte nachweisen. Die Ernährungsberater mögen sich damit trösten, dass Kaffee zweifelsohne auch „rein pflanzlich“ ist.

Kaffe schützt vor dem Metabolischen Syndrom

Kaffeetrinker erkranken zudem seltener an Diabetes. Der Trank schützt vor dem Metabolischen Syndrom (das ist die gefürchtete Kombination aus Übergewicht, Bluthochdruck und wenig Bewegung) – und wirkt auch dann noch, wenn sich die Krankheiten bereits manifestiert haben. Vermutlich, weil die Menschen ihr Tässchen Kaffee brauchen, um sich zu erden. Dann schwindet der Stress, die Laune steigt und der Alltag lässt sich entspannter meistern.

Doch bevor wir in Euphorie ausbrechen, eine kritische Frage. Denn leider spielt die Ernährungsszene auch mal falsch. Wenn eine Ernährungsform, vor allem eine, die lauthals empfohlen wurde, entgegen den Versprechungen das Leben verkürzte, weil beispielsweise die Krebsrate stieg, dann schwadronieren sie: Die xyz-Kost schützt vor Herzleiden – einfach deshalb, weil die Krebstoten nicht mehr an Herzversagen versterben können. Gewonnen ist dadurch nichts.

Folglich sind nur Studien akzeptabel, bei denen auch die Gesamtsterblichkeit mitgeteilt wird. Daran lässt sich erkennen, ob auch ein Nettonutzen vorliegt. Eine Metaanalyse von 31 prospektiven, also methodisch hochwertigen Studien mit anderthalb Millionen Teilnehmern, fand schon vor Jahren, dass Kaffeetrinker länger leben als Kaffeeabstinenzler.

Wochenend-Migräne als Folge von Kaffee-Mangel

Eine aktuelle Studie des UC Irvine, eines Forschungszentrums für Demenz in Kalifornien, bestätigt, dass Koffein mit einer höheren Lebenserwartung einhergeht. Die Studie hatte dafür gut 1600 Greise mit über 90 Lenzen beobachtet. Ein weiteres Ergebnis war, dass auch das Demenzrisiko umso niedriger lag, je mehr Kaffee sich die Alten gegönnt hatten.

Jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass Kaffee positive Effekte auf den mentalen Zustand entfaltet. Biochemisch betrachtet erhöht Koffein den Serotoninspiegel im Gehirn. Sinkt er, sinkt auch die Stimmung. Serotonin ist lichtabhängig, das erklärt, warum viele Menschen morgens nach dem Aufwachen unbedingt ihr Tässchen brauchen, um in die Gänge zu kommen.

Ein euphorisierender Stoff wie Koffein vermag auch eine gewisse Abhängigkeit hervorzurufen. Einen Tag nach der letzten Tasse stellen sich Kopfschmerzen ein. Die klingen jedoch nach wenigen Tagen ab. Nicht selten ist Kaffee-Entzug für die sogenannte Wochenendmigräne verantwortlich. Die trifft Menschen, die im Büro fleißig Kaffee schlürfen, zu Hause aber nur koffeinfreien kredenzt bekommen.

Die Folge: Kaum sind sie daheim bei der Gattin, brummt der Schädel, Montagmorgen im Geschäft ist es wieder wie weggeblasen. So entsteht der mißliche Eindruck eines „familiären Problems“. Doch bevor Sie zum Therapeuten rennen, gießen Sie lieber die entkoffeinierte Plörre ins Klo. Erst das Insektizid macht den Kaffee so wertvoll.

 

Zum Autor: Wissenschaftler und steitlustiger Journalist

Udo Pollmer, Jahrgang 1954, ist studierter Lebensmittelchemiker. Schon seit dem Studium ist er selbstständig tätig als Wissenschaftsjournalist, Unternehmensberater und Dozent im In- und Ausland. Seit 1994 ist er zudem wissenschaftlicher Leiter der Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e. V..

Er verfasste zahlreiche Publikationen und Beiträge in Hörfunk und TV mit ernährungswissenschaftlicher und lebensmittelkundlicher Thematik. Von 1998 bis 2019 lief seine eigene wöchentliche Kolumne bei Deutschlandradio Kultur „Mahlzeit“. Darin rechnete er regelmäßig mit Mythen aus der Welt von Ernährung, Landwirtschaft und Co. ab.

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Kommentare (2)

Ich habe mir den Bericht soeben durchgelesen und kann dem nur voll und ganz zustimmen! Toller Artikel. Ich bin ein leidenschaftlicher Kaffeetrinker und brauche täglich meine Koffein-Dosis, um fit und gut gelaunt in den Tag zu starten. :-) Außerdem leide ich seit längerer Zeit an Haarausfall, weshalb ich mich darüber ein bisschen im Internet informiert habe. So bin ich auf das Haarwuchsmittel "Frummi" gekommen. Das Haarwuchsmittel enthält neben verschiedenen Vitaminen und Biotin auch Koffein, das sind alles Sachen die der Menschliche Körper benötigt. Außerdem ist dieses Haarwuchsmittel ohne chemische und tierische Inhaltsstoffe, was mich letztendlich zum Kauf verleitet hat. Ich muss sagen, seit dem ich "Frummi" nehme fühlen sich meine Haare dichter an, meine kahlen Stellen am Kopf verschwinden Stück für Stück und ich bekomme am Wochenende meine Koffein-Dosis durch "Frummi". :) Kann ich aufjedenfall nur Weiterempfehlen! www.frummi.de -> Für jeden der die selben positiven Erfahrungen wie ich machen möchte.

Viel billiger und genauso wirksam dürfte es sein sich einen benutzten Kaffeefilter auf den Kopf zu kippen und den Inhalt gründlich einzumassieren...