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Corona-Impfung

Warum erkranken immer mehr Geimpfte an Corona?

Neubrandenburg / Lesedauer: 4 min

Immer mehr Geimpfte erkranken an Corona: Das ist weder überraschend, noch ein Argument gegen die Impfung. Mehr noch: Es wäre traurig, wenn es nicht so wäre.
Veröffentlicht:04.11.2021, 14:24

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Momentan macht eine Schlagzeile die Runde: Immer mehr Geimpfte erkranken an Corona. In der Tat gab es laut Robert-Koch-Institut seit Februar in Deutschland rund 120.000 sogenannte Impfdurchbrüche, also Fälle, in denen eine vollständig geimpfte Person dennoch schwer an Covid-19 erkrankte.

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5000 von ihnen mussten ins Krankenhaus, 650 auf die Intensivstation, insgesamt starben bereits 1000 vollständig geimpfte Personen an oder mit Corona. Bei den Über-60-Jährigen sind mittlerweile mehr als 50 Prozent aller schwer Erkrankten geimpft. Viele Menschen zeigen sich nun besorgt: Bedeutet das, dass die Impfstoffe nicht so wirksam sind, wie uns ursprünglich versprochen wurde?

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Nein. Denn es handelt sich hier um eine Verwechslung von absoluten und relativen Zahlen. Was heißt das? Die Impfstoffe von Biontech und Moderna haben eine Wirksamkeit von rund 90 Prozent gegen schwere Covid-Verläufe. Das bedeutet: Von 10 geimpften Personen, die sich mit dem Coronavirus infizieren und normalerweise schwer erkranken würden, erkrankt nun nur eine Person schwer. Bei 100 coronainfizierten Geimpften wären es 10, bei 1000 sind es 100, bei 10.000 bereits 1000 und so weiter.

Bei einem Anstieg der Zahl der Geimpften insgesamt steigt also auch die absolute Zahl der schwer erkrankten Geimpften, solange die relative Zahl der schwer Erkrankten unter den Geimpften gleich bleibt.

Mehr erkrankte Geimpfte = mehr Geimpfte

Das bedeutet: Je mehr Bürger geimpft sind, desto mehr Geimpfte können auch schwer erkranken. Eigentlich völlig logisch. Mehr noch: Rein mathematisch betrachtet wäre es sogar traurig, wenn die absolute Zahl der schwer erkrankten Geimpften nicht steigen würde. Denn das würde bedeuten, dass die Zahl der Geimpften insgesamt nicht steigt. Warum? Weil bei einer gleichbleibenden Wirksamkeit von 90 Prozent eine steigende Zahl von schwer erkrankten Geimpften im Umkehrschluss auch bedeutet, dass immer mehr Menschen geimpft sind.

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Nun stellt sich die Frage, warum wir trotzdem gerne auf die Schlagzeile hereinfallen. Die Antwort ist einfach: Weil unser Gehirn sich leicht austricksen lässt, wenn es um relative und absolute Zahlen geht. Anhand eines Beispiels wird das klarer. Nehmen wir an, ein Gewinnspielanbieter will Lose mit der Schlagzeile „Dieses Jahr doppelt so viele Gewinnerlose” verkaufen. Dann legt er die Zahlen vor: Letztes Jahr gab es 1000 Gewinnerlose und in diesem Jahr wird es 2000 Gewinnerlose geben. Das hört sich doch super an, da sollte man meinen, dass sich auch die Gewinnchance verdoppelt.

Mehr Gewinner, aber niedrigere Gewinnchance

Aber nicht so schnell. Denn entscheidend ist nicht die absolute Zahl der Gewinnerlose, sondern die Relation zwischen der Anzahl der Lose insgesamt und der Anzahl der Gewinnerlose. Wenn der Anbieter letztes Jahr 100.000 Lose verkauft hat, dieses Jahr aber 400.000 Lose absetzt, dann hätte sich die Gewinnchance nicht verdoppelt, sondern halbiert: 1000 Gewinnerlose bei 100.000 Losen sind 1 Prozent Gewinnchance und 2000 Gewinnerlose bei 400.000 Losen sind 0,5 Prozent Gewinnchance.

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Gelogen hat der Anbieter natürlich nicht, er hat nur getrickst, indem er die ausschlaggebende relative Zahl mit der irrelevanten absoluten Zahl ausgetauscht hat. So verhält es sich auch mit den schwer erkrankten Geimpften: Entscheidend ist nicht die absolute Zahl der schwer erkrankten Geimpften, sondern die Relation zwischen der Anzahl der Geimpften und der Anzahl der schwer erkrankten Geimpften. Und die wird angegeben in der Wirksamkeit des Impfstoffs – und liegt bei mRNA-Impfstoffen unverändert bei rund 90 Prozent.

Wirksamkeit von Biontech lässt nach vier Monaten nach

Heißt das, dass wir jegliche Statistiken zur Anzahl der schwer erkrankten Geimpften außer acht lassen können? Nein, auch das lässt sich nicht ableiten. Denn wenn die absolute Zahl der schwer erkrankten Geimpften nicht mehr im entsprechenden Verhältnis zur Zahl der Geimpften insgesamt steigt, dann bedeutet das, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe nachlässt. Es ist bereits hinreichend belegt, dass die Schutzwirkung der Impfstoffe mit der Zeit abnimmt.

In Israel beispielsweise ist die Zahl der schwer erkrankten Geimpften rund vier Monate nach dem Start der Impfkampagne kontinuierlich gestiegen, bis das Land eine weitreichende Auffrischungskampagne fuhr – danach sanken die Zahlen wieder. Allerdings unterscheiden sich hier die Impfstoffe: Nach Daten der US-Gesundheitsbehörde CDC sinkt die Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffs nach vier Monaten auf rund 77 Prozent, während die Effektivität des Modern-Präparats mit 92 Prozent im selben Zeitraum stabil blieb.