VIRUS-INFEKTIONEN

Was Corona und Grippe unterscheidet

Hartnäckig hält sich der Glaube, dass eine Corona-Infektion nichts anderes sei als eine herkömmliche Grippe. Doch neben einigen Gemeinsamkeiten gibt es auch wichtige Unterschiede. Eine Übersicht.
Christian Drosten, Chef-Virologe an der Berliner Charité, gilt als Deutschlands führender Corona-Experte.
Christian Drosten, Chef-Virologe an der Berliner Charité, gilt als Deutschlands führender Corona-Experte. Christophe Gateau
Neubrandenburg.

Mit eindringlichen Worten wandte sich der Chef des Robert-Koch-Instituts vergangene Woche an die Öffentlichkeit: „Diese Krankheit ist schwerer und wird mehr Menschen betreffen“, sagte Lothar Wieler über den Vergleich zwischen Grippe und der vom Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19. „Wenn es immer noch Menschen in unserem Land gibt, die das für Panikmache halten, dann kann ich sie nur auffordern, endlich die Augen zu öffnen vor dieser Realität.“

Wieler ging damit auf wiederkehrende Diskussionen vor allem in den sozialen Medien ein, in denen die Gefährlichkeit des Coronavirus bezweifelt und die eingeleiteten Gegenmaßnahmen als übertrieben dargestellt werden.

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Doch was genau sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Corona und Influenza?

1. Gemeinsamkeiten

Zunächst einmal muss man zwischen Virus und Erkrankung unterscheiden: Influenzaviren lösen die Grippe, Coronaviren grippeähnliche Atemwegserkrankungen aus. Es gibt verschiedene Arten von Coronaviren, die Forschern seit den 1960er Jahren bekannt sind. Das Virus, mit dem wir es derzeit zu tun haben, nennt sich SARS-Coronavirus-2 oder umgangssprachlich „neuartiges Coronavirus“. Ältere Variationen sind deutlich ungefährlicher als das Coronavirus, das uns heute plagt. Letzteres löst die Lungenkrankheit Covid-19 aus.

Sowohl Grippe als auch Covid-19 sind Atemwegserkrankungen und können ganz unterschiedlich verlaufen: Manchmal zeigen Betroffene gar keine Symptome, doch häufig führen die Erkrankungen zu Husten, hohem Fieber, Gliederschmerzen und Abgeschlagenheit. Manchmal nehmen sie einen schweren Verlauf und führen sogar zum Tod. Beide Krankheiten werden durch Tröpfchen- und Schmierinfektionen übertragen, so dass dieselben Schutzmechanismen greifen, zum Beispiel regelmäßiges Händewaschen, in die Armbeuge niesen oder Abstand zu anderen Menschen halten. Trotz dieser Gemeinsamkeiten gibt es eine Reihe von grundlegenden Unterschieden.

2. Risikogruppen

Zu den Grippe-Risikogruppen gehören Kinder, Schwangere, Ältere sowie Menschen mit chronischen Krankheiten oder geschwächtem Immunsystem. Bei diesen Personengruppen werden besonders häufig schwere Grippe-Verläufe beobachtet. Bei Covid-19 sind nach derzeitigem Wissensstand Kinder selten und Schwangere nicht häufiger als der Durchschnitt betroffen.

3. Sterblichkeit

Die sogenannte Mortalität von Grippe und Covid-19 lässt sich nur schwer vergleichen. Das liegt daran, dass das Influenzavirus stark wandelbar und deshalb jede Grippesaison anders ist als die vorangegangene. Zudem ist Covid-19 eine neue Krankheit, für die es nur unzureichend Datenmaterial gibt. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts liegt die Grippe-Sterblichkeit in einer eher milden Saison bei 0,1 bis 0,2 Prozent. Das heißt: Von 1000 Grippeinfizierten sterben 1 bis 2 Personen. 

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Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charite, schätzt die Covid-19-Mortalität auf 0,3 bis 0,7 Prozent. Bisherige Studien lieferten Ergebnisse, die zwischen 0,3 und 4,0 Prozent liegen, RKI-Chef Lothar Wieler bezifferte sie auf 1,0 bis 2,0 Prozent, laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist der wahrscheinlichste Wert 0,94 Prozent. Fakt ist: Derzeit wissen wir nicht, wie viele Menschen durchschnittlich an Covid-19 sterben. Nach ersten Erkenntnissen ist das Coronavirus aber deutlich gefährlicher als Influenza in einer durchschnittlichen Grippesaison.

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4. Schwere Verläufe

Anders verhält es sich bei den schweren Verläufen, für die es bereits Datenmaterial gibt. Laut WHO verlaufen 80 Prozent der Krankheit symptomlos bis mild, rund 15 Prozent schwer bis lebensbedrohlich und bei etwa 5 Prozent der Corona-Infizierten ist sogar eine künstliche Beatmung nötig, um sie am Leben zu halten. Dies ist deutlich höher als bei der saisonalen Grippe. Und das ist auch der Grund, warum derzeit weltweit immer neue Maßnahmen getroffen werden, um die Pandemie einzudämmen: Denn die Sterblichkeit durch Covid-19 könnte sich auf 5,0 und mehr Prozent erhöhen, wenn die nationalen Gesundheitssysteme erst einmal an ihre Grenzen gekommen sind. In Italien ist dies bereits der Fall, dort lag die Sterberate am Montag bei 11,03 Prozent.

5. Inkubationszeit

Ein weiterer Unterschied ist die Zeit, die zwischen einer Ansteckung und dem Auftreten erster Symptome vergeht, der sogenannten Inkubationszeit. Während Grippekranke innerhalb von 1 bis 2 Tagen erste Symptome zeigen, erkranken Corona-Infizierte erst innerhalb von 2 bis 14 Tagen spürbar. Die WHO teilte anfangs mit, dass das Coronavirus nur selten vor dem Auftreten von Symptomen weitergegeben würde. Allerdings hat das Robert-Koch-Institut diese Einschätzung mittlerweile korrigiert: Der Erreger sei deutlich infektiöser als ursprünglich angenommen. Das Fatale daran: In der Zwischenzeit können Infizierte den Erreger an andere Personen weitergeben, ohne überhaupt zu merken, dass sie krank sind.

6. Infektionsrate

Dadurch erklärt sich auch die höhere Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus. Während ein Grippekranker durchschnittlich nur etwas mehr als eine Person ansteckt, trägt ein Corona-Infizierter den Erreger an 2,5 Personen weiter.

7. Grundimmunität

Influenza ist eine jährlich wiederkehrende Krankheit. Ihren Höhepunkt erreicht sie in den Monaten Januar bis März, danach flacht sie ab und verschwindet fast komplett, bis sie in der Folgesaison leicht verändert wieder auftaucht. Es gibt Impfungen, durch die sich Risikogruppen schon im Vorfeld schützen können. Bei jeder eintretenden Grippewelle ist ein Teil der Bevölkerung deshalb bereits immun. Diese Personen können die Krankheit weder bekommen noch weitertragen. Bei Corona fehlt diese Grundimmunität.

8. Medikamente

Anders als gegen Influenza gibt es gegen Corona keine zugelassenen antiviralen Medikamente, die die Schwere einer Infektion mildern und Todesfälle verhindern könnten. Somit ist in schweren Fällen nur eine intensivmedizinische Betreuung und künstliche Beatmung möglich.

9. Behandlungsdauer

Bei normalen Lungenkrankheiten benötigen Betroffene durchschnittlich sieben Tage intensivmedizinische Behandlungen mit Beatmung. Bei Covid-19 liegt diese Zeit nach derzeitigem Wissensstand deutlich darüber, schwere Verläufe dauern häufig drei bis sechs Wochen. Dadurch werden auch die Intensivbetten-Kapazitäten deutlich stärker ausgelastet als bei einer saisonalen Grippe.

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