Wie Sie Ihr Kind vor Cybergrooming schützen
Wenn Kinder im Internet belästigt werden

Cyber-Kriminalität
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Karl-Josef Hildenbrand

Sexuelle Übergriffe stellen nicht nur im echten Leben eine Gefahr für Kinder da, auch im Internet häufen sich die Vorfälle. Aber wie gehen die Täter vor und wie kann man seine Kinder vor solchen Übergriffen schützen?

Stellen Sie sich vor, ihr Kind surft im Internet. Es ist auf Facebook, Instagram und dann auf einer Online-Spieleplattform. Was nach Alltag in vielen deutschen Familien klingt, ist es schlagartig nicht mehr, wenn ihr Kind eine Nachricht bekommt, in der es aufgefordert wird, Nacktbilder von sich zu verschicken. Genau das geschah Anfang Februar vermehrt im Osten Mecklenburg-Vorpommerns, gab das Polizeipräsidium Neubrandenburg bekannt (der Nordkurier berichtete).

In Fachkreisen wird dieses Vorgehen auch als „Grooming” bezeichnet. „Man versteht darunter das gezielte Ansprechen von Kindern und Jugendlichen im Netz mit der Absicht, sexuelle Kontakte zu ihnen anzubahnen”, erklärt Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. „Dabei bauen Täter und Täterinnen zunächst Vertrauen – meist unter falscher Identität – zu ihren minderjährigen Opfern auf, um sie später zu sexuellen Handlungen online und/oder offline zu bewegen.”

Diese Vorgehensweise bestätigt auch Claudia Tupeit, Pressesprecherin der Polizei Neubrandenburg. „Häufig stellen sich die Täter als Mädchen vor, die nur etwas älter sind, als die potenziellen Opfer. Oft umgarnen diese ihre Opfer, machen ihnen Komplimente und erschleichen sich das Vertrauen der Kinder. Dann wird nach Fotos gefragt," erklärt sie. Dies sei aus Tätersicht zwar langwieriger dafür aber erfolgversprechender, als sofort Nacktaufnahmen zu verlangen, so Tupeit.

Seit Jahresbeginn registrierten die Ermittler der Kriminalpolizeiinspektion Anklam 10-15 Fälle, bei denen WhatsApp als Kontaktmedium genutzt worden sei, so Tupeit auf Anfrage des Nordkurier. Die Polizei glaubt außerdem, dass noch viel mehr Kinder betroffen seien, als bislang bekannt. „Die Dunkelziffer wird als viel höher eingeschätzt – zum Beispiel, weil Kinder Nachrichten mit entsprechenden Forderungen löschen und niemanden davon in Kenntnis setzen. Zum Beispiel aus Scham oder Angst, etwas falsch gemacht zu haben”, sagt sie.

Durch die Anonymität des Netzes sei es für Täter und Täterinnen leicht, mit Minderjährigen in Kontakt zu treten, da sie die Gefahren sexueller Gewalt durch das Internet oft nicht richtig einschätzen und erkennen können, so Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Das Internet bietet den Tätern die Möglichkeit im Netz parallel aktiv zu sein, indem sie beispielsweise mehrere Fake-Profile anlegen und in verschiedenen Chats und Diensten kommunizieren, erklärt Johannes-Wilhelm Rörig. „So steigt die Wahrscheinlichkeit, bei der Vielzahl von Kontakten Kinder und Jugendliche zu finden, die manipulierbar sind und sich tatsächlich auf einen solchen Kontakt einlassen.”

Wie gehen die Täter vor?

„Cybergrooming findet über soziale Plattformen im Netz wie Facebook, Instagram oder Snapchat statt, durch Angebote wie Youtube, TikTok, Online-Spiele mit Kommentarfunktion oder über Messengerdienste wie Whatsapp, was auch unter Kindern und Jugendlichen sehr beliebt ist”, sagt er.

Polizeipressesprecherin Tupeit sagt, dass Instagram von vielen Tätern aktuell bevorzugt benutzt wird. Der Grund: „Dort werden in der Regel die meisten Daten preisgegeben. Die potenziellen Opfer sind dort viel präsenter, da sie oftmals viele Fotos von sich und ihren Erlebnissen einstellen.” Durch die sozialen Medien gelinge es den Tätern meist mühelos, schon vor dem ersten Kontakt, viele Informationen über das Kind zu sammeln, so Tupeit. Um den Kontakt weiter zu halten und letztlich auch konkret nach Nacktaufnahmen zu fragen, schwenken die Täter dann relativ schnell auf WhatsApp um, erklärt sie das Vorgehen weiter. „Die App stellt einen sicheren Raum für die Täter da. Die Ermittler können bei WhatsApp nicht ohne Weiteres Chats mit verfolgen.”

Wer ist gefährdet?

„Grundsätzlich können alle Mädchen und Jungen jeden Alters und jeden Milieus betroffen sein, wir haben keine Hinweise auf eindeutige Schwerpunkte”, sagt Johannes-Wilhelm Rörig. Dennoch erachtet er „bedürftige” Kinder, die zum Beispiel Ausgrenzungen oder Vernachlässigungen erfahren, als besonders gefährdet. „Die Täter und Täterinnen nutzen ihre Bedürftigkeit aus, indem sie eine scheinbar vertrauensvolle exklusive Beziehung zu ihnen aufbauen, um sie dann zu sexuellen Handlungen zu bewegen.”

Wie kann ich mein Kind schützen?

„95 Prozent aller über 12-Jährigen haben heute ein internetfähiges Smartphone und sind dadurch 24 Stunden für sexuelle Übergriffe von Tätern und Täterinnen erreichbar”, sagt Johannes-Wilhelm Rörig. Bei Jugendlichen sei es deshalb besonders wichtig, im Gespräch zu bleiben und Interesse an ihren Aktivitäten zu zeigen, um den Anschluss an ihre Lebenswirklichkeit nicht zu verlieren, rät der Experte.

Er empfiehlt aber auch, dass Eltern ihre Kinder nicht ausfragen oder die Geräte überwachen sollten. Sondern besser darauf hinweisen sollen, dass es sexuelle Übergriffe auch in den digitalen Medien gibt – und dass sie für ihr Kind immer ansprechbar sind. „Es sollte deutlich werden, dass Hilfe holen jederzeit okay ist – auch dann, wenn schon erste Schritte im Sinne des Täters oder der Täterin gegangen und zum Beispiel eigene Fotos verschickt wurden”, sagt der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Angst vor Sanktionen, zum Beispiel dass das Handy weggenommen wird, sei für Jugendliche oft größer als der Wunsch sich anzuvertrauen, erklärt Rörig.

Er rät Eltern bei Bedarf Beratungsstellen aufzusuchen, wie zum Beispiel eine spezialisierte Fachberatungsstelle vor Ort oder telefonisch beim bundesweiten Hilfetelefon sexueller Missbrauch.

Darüber hinaus meint er, sollte das Thema aber auch Eingang in die Schulen finden. „Es wäre gut, wenn eine sinnvolle und altersgerechte Nutzung der digitalen Medien im Unterricht besprochen und pädagogisch trainiert würde. Besonders wichtig wäre es Beschwerdewege, Ansprechstellen und Hilfemöglichkeiten für Kinder und Jugendliche zu vermitteln.”

Neben den Eltern können auch Freunde eine wichtige Anlaufstelle für betroffene Kinder sein, so der Experte. „Gleichaltrige sind die häufigsten Vertrauenspersonen, das sollte auch Auswirkungen auf Präventionsangebote in Schulen haben: Alle Kinder und Jugendlichen müssen wissen, wie sie ihren Freundinnen und Freunden helfen können: nämlich ihnen zuhören, sie trösten, ihnen glauben und nach erwachsenen Ansprechpersonen Ausschau halten, die ihnen helfen können.”

Wie kann sich mein Kind selbst schützen?

„Kinder und Jugendliche müssen über die Chancen und Risiken im digitalen Raum aufgeklärt werden, können sich aber weder im analogen noch im digitalen Raum alleine vor sexuellen Übergriffen schützen”, sagt Johannes-Wilhelm Rörig. „Die Verantwortung für den Schutz liegt bei den Erwachsenen. Daher sollte auch im gesetzlichen Kinder- und Jugendschutz der digitale Raum viel stärker in den Blick genommen werden.”

Hilfe- und Beratungsangebote:

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530 (kostenfrei und anonym)

www.hilfeportal-missbrauch.de (Datenbank mit Hilfeangeboten vor Ort)

www.save-­me­-online.de und www.juuuport.de (für Kinder und Jugendliche)

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