Geldentwertung

Wie sich Bürger gegen die Inflation schützen können

Seit dem Sommer zieht die Inflation in Deutschland immer weiter an. Vieles spricht dafür, dass die Geldentwertung doch nicht so temporär ist, wie aus EZB-Kreisen immer behauptet wird. Was können wir dagegen tun?
Immer mehr Kritiker glauben, dass nicht nur die EZB-Zentrale in Frankfurt am Main, sondern auch ihre Entscheidungsträger
Immer mehr Kritiker glauben, dass nicht nur die EZB-Zentrale in Frankfurt am Main, sondern auch ihre Entscheidungsträger bei Fragen der Inflation ziemlich im Nebel stehen. Boris Roessler
Neubrandenburg

Die Inflationsrate klettert in der Eurozone seit Monaten von einem Hoch zum nächsten. Während Löhne und Renten für die meisten Menschen stagnieren, werden die Produkte des täglichen Lebens teurer, gleichzeitig entwertet Bargeld in einer Geschwindigkeit, die wir seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr erlebten. Die Europäische Zentralbank strebt weiterhin eine durchschnittliche Inflationsrate von zwei Prozent an und will auf den Preisauftrieb der vergangenen Monate nicht reagieren.

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Der Grund: Die EZB erachtet die Entwicklung als überwiegend temporär und rechnet im kommenden Jahr mit rückläufigen Zahlen. Aber: Die Zahl der EZB-Kritiker wird größer, immer mehr Finanzexperten sehen in der Haltung der europäischen Notenbank eine teure Fehleinschätzung.

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Welche Blüten die Inflation noch treiben wird, ist ungewiss. Doch für viele Bürger ist die drohende Gefahr einer stagnierenden oder gar weiter ansteigenden Geldentwertung beängstigend. Deshalb stellt sich für viele Menschen die Frage: Wie kann man sich am besten davor schützen? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich die Ursprünge der derzeitigen Geldentwertung ansehen.

Hier kommen mehrere Faktoren zusammen, die für den Verbraucher unterschiedlich relevant sind. Irrelevant sind Faktoren, die Bürger entweder nicht beeinflussen können oder aus denen sich keine Handlungsaufforderungen ableiten lassen – wie zum Beispiel der ultralockeren Geldpolitik der EZB. Es mag richtig sein, dass der Staat als größter Schuldner der Profiteur dieser Geldpolitik ist – doch sich darüber zu beschweren, hat keine Auswirkung auf die Stromrechnung.

Energiekosten reduzieren

Auch von statistischen Effekten, zum Beispiel durch die ausgelaufene Mehrwertsteuersenkung aus dem vergangenen Jahr, sollten sich Verbraucher nicht beeindrucken lassen. Hier handelt es sich lediglich um Vergleichswerte – schließlich sind nicht die Anstiege in diesem Jahr, sondern die niedrigen Werte im Vorjahresvergleich die Anomalie. Stattdessen sollten sich Verbraucher auf die Dinge konzentrieren, die sie beeinflussen können.

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Treibend für die Inflation im Euroraum sind derzeit die Energiepreise. Also bietet es sich an, seine Alltagsroutinen in Bezug auf den Stromverbrauch kosteneffizienter zu gestalten.

Hier kann man ganz systematisch vorgehen: Im Oktober 2021 hat sich Energie insgesamt um 23,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr verteuert. Also müsste ein Haushalt seine Energiekosten jetzt um lediglich 20 Prozent oder mehr senken, um das Vorinflationsniveau zu unterschreiten – und somit sogar noch weniger auszugeben als vor den Preissteigerungen. Die Einsparpotenziale sind von Haushalt zu Haushalt unterschiedlich, doch die 20 Prozent sind nahezu immer drin. Zum Vergleich: Lebens- und Genussmittel, Industriewaren und Dienstleistungen verteuerten sich nur um rund zwei Prozent – wer also der Inflation ein Schnippchen schlagen will, sollte seine eigene Energie in die Reduzierung der Energiekosten zu stecken.

Konsum verschieben

Ein zweiter wichtiger Faktor sind Lieferengpässe und gestiegene Materialkosten. Auch wenn es viele Experten aufgrund der schwachen wirtschaftlichen Erholung in Deutschland nicht gerne aussprechen und es bei steigenden Preisen irrational wirkt: Es kann sich lohnen, die Anschaffung bestimmter Produkte zu verschieben. Warum ist das so? Als Folge der Corona-Krise im Jahr 2020 kam es zu einem Zusammenbruch der globalen Lieferketten, die deutlich langsamer anlaufen als erwartet. Deshalb wurden viele Rohstoffe und Vorprodukte wie Halbleiter knapp. Trotz gut gefüllter Auftragsbücher müssen Unternehmen die Produktion drosseln. Eine gleichbleibende Nachfrage trifft also auf ein verknapptes Angebot, was die Preise steigen lässt.

In vielen Branchen gehen Unternehmen mittlerweile sogar dazu über, Material doppelt zu bestellen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, wenigstens eine Lieferung zu erhalten. Mit einer zunehmenden Stabilisierung der Lieferketten könnte dann aber eine umgekehrte Entwicklung in Kraft treten: Wenn sich die Lagerbestände füllen und die Produktion wieder Fahrt aufnimmt, wird es nach Einschätzung vieler Experten im kommenden Jahr ein Zeitfenster geben, in dem in den nun leidenden Branchen das Unterangebot von einem Überangebot abgelöst wird, bevor sich Angebot und Nachfrage wieder aneinander angleichen. Das könnte in manchen Branchen vorübergehend für fallende Preise sorgen.

Auch das Ersparte vor der Inflation schützen

Wie kann man das eigene Ersparte schützen, das durch die Inflation an Kaufkraft verliert und damit de facto weniger wert wird? Der allgemeine Ratschlag, sein Geld in Sachwerte anzulegen, ist zwar richtig – doch hier ist die Auswahl entscheidend. So hat Gold in den vergangenen Jahrzehnten seinem Namen als traditioneller Inflationsschutz keine Ehre gemacht, weswegen Experten heutzutage davon abraten, Edelmetalle auch bei steigenden Inflationsraten im eigenen Vermögensportfolio überzugewichten. Kryptowährungen wie Bitcoin erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, stellen aber eine hochriskante und volatile Anlageklasse dar. Und auch Immobilien bringen aufgrund der derzeit hohen Preise und des Klumpenrisikos ihre eigenen Tücken mit sich. Das Gros der Finanzexperten rät daher dazu, sich durch Aktien an Unternehmen zu beteiligen.

Doch auch die Anlage in Aktien ist in einem inflationären Umfeld mit besonderen Risiken verbunden. Denn nicht nur Sparer, sondern auch Unternehmen leiden unter einer starken Inflation. Die Folge: Je nachdem, wie gut ein Unternehmen am Markt positioniert ist, kann auch der Aktienkurs sinken. Bei einer Inflation ist es deshalb wichtig, sein Geld in Unternehmen zu stecken, die eine sogenannte Preissetzungsmacht haben, steigende Preise also an Konsumenten weitergeben können.

Geld am Aktienmarkt breit streuen

Dies sind normalerweise die Marktführer in einer Branche oder Unternehmen, die eine starke Marke haben. Ein zweites Problem sind möglicherweise steigende Zinsen. Hochverschuldete oder stark wachsende Unternehmen profitieren von niedrigen Zinsen. Wenn eine Notenbank nun den Leitzins anheben sollte, um der Inflation entgegenzuwirken, dann geraten diese Unternehmen unter Druck.

Wem die Auswahl einzelner Unternehmen zu kompliziert oder risikoreich ist, für den bieten sich sogenannte ETFs an, also Körbe von Aktien, die einen Index wie den DAX, den S&P 500 oder den Nasdaq abbilden. Diese haben den Vorteil, dass man sich nicht mit der Analyse von Unternehmen beschäftigen muss und sein Erspartes breit streut. So investiert ein ETF auf den MSCI World in die 1600 größten Unternehmen aus 23 Industrienationen. Selbst wenn ein Unternehmen insolvent ginge, wäre das in einem solch großen Index kaum spürbar – würde man hingegen einzelne Aktien des Unternehmens halten, wäre das Geld weg.

Finanzindustrie bezweifelt Einschätzung der EZB

Ob es tatsächlich längerfristig zu einer erhöhten Inflation kommt, steht in den Sternen. EZB-nahe Wirtschaftsinstitute werden nicht müde zu betonen, dass sich die Inflation im Euroraum im Laufe des kommenden Jahres wieder bei etwa zwei Prozent einpendeln soll. Doch diese Einschätzung wird längst nicht mehr von allen Beobachtern geteilt. So bezeichnete Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, die steigende Inflation als „gefährlich” und mahnte, dass die Teuerung „nicht als vorübergehender Effekt nach der Corona-Krise verharmlost werden” sollte. Auch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer warnte davor, „die längerfristigen Inflationsrisiken kleinzureden”. Zuletzt forderte der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, die EZB auf, einen Weg aus der ultralockeren Geldpolitik zu finden, um die Geldentwertung nicht aus dem Ruder laufen zu lassen.

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner bezeichnete die Inflation als „Verarmungsprogramm” für Menschen „ohne hohes Sachvermögen”. „Wenn die EZB in das Schlepptau der Fiskalpolitik stark verschuldeter Staaten geraten würde, dann hätte sie kaum Möglichkeiten, die Inflation zu bekämpfen”, so Lindner. Twitter-Chef Jack Dorsey stellte Ende Oktober gar die These in den Raum, dass die Hyperinflation bereits begonnen habe. Und auch in der Finanzindustrie wird die Beschwichtigung der Notenbanken in Zweifel gezogen. Zuletzt sprachen sich mit dem Großinvestor Carl Icahn, Blackrock-Gründer Larry Fink und Hedgefonds-Manager Paul Tudor Jones drei Finanz-Ikonen gegen die Geldpolitik der Notenbanken in den USA und Europa aus. Sie alle sind der Meinung, dass sich Fed und EZB massiv verschätzen – und Gefahr laufen, die Geldentwertung bald nicht mehr bändigen zu können.

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