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Schulschließungen

Behindert die Inklusion unsere Kinder?

Anklam / Lesedauer: 4 min

Die Schließungen der Förderschulen stehen bevor. Eine Mutter und ihr Sohn machen sich nun große Sorgen. Ein Anklamer Schicksal der systematischen Inklusion.
Veröffentlicht:26.12.2022, 10:44

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Die 1400 Förderschüler im Landkreis Vorpommern-Greifswald stehen vor großen Veränderungen. Ab 2024 werden nach und nach die hier verbliebenen elf Förderschulen geschlossen. Das passiert im Verlauf der sogenannten Schulinklusion, wonach die deutschen Behörden und Parlamente eine Vorgabe der Vereinten Nationen umsetzen. Diese seit 2008 geltende UN-Konvention soll die Benachteiligung von Menschen mit Behinderung abschaffen, doch sie selbst könnte derzeit auch Nachteile und traurige Einzelschicksale bringen.

Sohn will Elektriker werden

Als Sandra Ohm, die mit ihrer Familie in Buggow bei Anklam lebt, von den Schließungen hört, stockt ihr der Atem. Denn ihr 13-jähriger Sohn Hendrik will nach der zehnten Klasse gern eine Ausbildung zum Elektriker machen. Er besucht momentan die siebte Klasse der Anklamer Förderschule „Biberburg“, weil er eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) hat. Seine Mutter berichtet, dass die Chancen gut standen, den Abschluss nach der Zehnten zu bekommen: „Geplant war, dass er 2026 seine Berufsreife erlangt und dann in die Elektrikerausbildung geht.“ Doch im vorigen Jahr erfuhr die Familie von Bekannten, dass die Schule 2024 schließen wird.

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Das Landesministerium betont auf Anfrage unserer Redaktion, dass die sogenannte Aufhebung von Schulen keinesfalls in seiner Verantwortung liegt. „Der Landtag hat vor drei Jahren der sechsten Novelle des Schulgesetzes zugestimmt. Wichtiger Schwerpunkt des Gesetzes ist die Umsetzung der Inklusionsstrategie des Landes“, erinnert die Sprecherin des Bildungsministeriums, Anke Rösler. Entsprechend dieser Planung werden Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen zum 31. Juli 2027 durch die Landkreise aufgehoben.

Kann er überhaupt noch einen Abschluss machen?

Die Eltern im Landkreis haben Fragen und Sorgen, so wie Sandra Ohm, die sich die Zukunft ihres Kindes nicht mehr vorstellen kann. „Hendrik ist in eine Regelgrundschule eingeschult worden und als er 2019 in die 4. Klasse der „Biberburg“ versetzt wurde, sind wir nicht darüber informiert worden, dass er an dieser Schule seine Berufsreife gar nicht erreichen wird.“

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Und nach der Schließung? „Könnte er im Anschluss auf der Regionalschule seinen Abschluss für die Berufsreife machen. Aber wir befürchten, dass er das nicht schafft, schließlich hat er an der Förderschule ganz andere Inhalte gelernt“, sagt die 46-jährige. Hendrik sei das Lesen bereits in der Grundschule schwerer gefallen als anderen Kindern. Außerdem sei es für ihn sehr mühsam, eigene Texte zu schreiben. Ihm unterlaufen dabei viele Rechtschreibfehler und Buchstabendreher, sowohl bei unbekannten als auch bei bekannten Wörtern. Seine Mutter hat Hendrik damals nach langer Überlegung in der Förderschule angemeldet, um ihn mit seiner Lese-Rechtschreib-Schwäche im Bildungssystem nicht untergehen zu lassen. Einer seiner älteren Brüder sei ebenfalls auf eine Förderschule gegangen und habe nach der zehnten Klasse mit einem guten Abschluss eine Ausbildung begonnen.

„Mit Chancengleichheit hat das nichts zu tun“

Das Ministerium sichert den Schülern mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf entsprechend ihrer individuellen Lernausgangslagen einen passenden Unterricht und individuelle Förderung zu, wie Sprecherin Anke Rösler sagt. „Förderpläne sind dabei ein wichtiges Instrument, und die multiprofessionellen Teams an Schulen“, so die Sprecherin. Außerdem werden beeinträchtigte Schüler neben dem Unterricht in Regelklassen eigene Lerngruppen für Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf in den Bereichen Sprache, Verhalten oder Lernen bekommen, die von Sonderpädagogen geleitet werden.

„Hendrik hat aber keinen anerkannten Förderbedarf. Deshalb würde er an der Regelschule keinerlei Unterstützung, zum Beispiel in Form eines Inklusionshelfers, bekommen. Ich habe große Angst, dass dort keine Rücksicht auf ihn genommen wird und er nicht mitkommt“, sagt seine Mutter, die gelernte Altenpflegerin ist.

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Die Sorge um Hendriks Zukunft belastet seine ganze Familie. „Wir verstehen diese Entscheidung nicht und fühlen uns so allein gelassen“, sagt Sandra Ohm, die auch Elternratsvorsitzende der Förderschule „Biberburg“ ist. Ihr Sohn sei nun gezwungen, sich entweder umzuorientieren oder noch einmal die Schule zu wechseln, ohne Gewissheit, ob er den Abschluss dort schaffen wird. „Mit Chancengleichheit hat das nichts zu tun“, betont sie.