StartseiteRegionalAnklam▶ Bomber-Piloten über Anklam taten „nur ihren Job”

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▶ Bomber-Piloten über Anklam taten „nur ihren Job”

Anklam / Lesedauer: 3 min

Gedenken an einen Schicksalstag: Am 9. Oktober jährt sich der erste Bombenangriff auf Anklam zum 78. Mal. Der Tod für hunderte Menschen kam aus heiterem Himmel.
Veröffentlicht:08.10.2021, 19:35

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„Die Bedingungen am Ziel waren perfekt für einen Angriff. Im Zielgebiet wurden weder Flak noch Jagdflugzeuge angetroffen. Das Wetter war hervorragend und die Sicht uneingeschränkt. Die Bombeneinschläge waren klar zu erkennen und die Ergebnisse waren ausgezeichnet”, heißt es im Einsatzbericht der 303. Bomb Group. Sie war eine der Einheiten der 8. Air Force (US-Luftwaffe), die am ersten Bombenangriff auf Anklam am 9. Oktober 1943 beteiligt war.

Als Angriffsziel war zwar eine Fabrik für Flugzeugteile – die Aradowerke – ausgegeben worden. Die Bomben aus heiterem Himmel trafen aber auch Teile der Anklamer Innenstadt. Über 300 Menschen wurden getötet an jenem sonnigen Tag vor 78 Jahren.

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Bomben auf das Stadtzentrum

Auch wenn der Bericht über den Angriff jede Form des Mitgefühls vermissen lässt, die Soldaten hätten nicht anders als ihren Auftrag erledigt, erklärte Jahre später eine Anklamerin, die den Angriff miterlebt hatte. Zumindest findet sich diese Aussage im Archiv der britischen Rundfunkanstalt BBC, in der Kriegserinnerungen zusammengetragen wurden.

Demnach war die Frau zum Zeitpunkt der Attacke 15 Jahre alt und gerade auf dem Heimweg von der Schule. Sie überquerte den Markt, der voller Fuhrwerke, Pferde und Leute war, die bei den Bauern der Region einkauften. Obwohl es schon das vierte Kriegsjahr war, hatten die Anklamer noch keine Erfahrungen mit Bomben machen müssen.

Aber dann brach um die Mittagszeit die Hölle los, erinnert sich die Frau, die glücklicherweise in einen Luftschutzkeller gezerrt wurde. Danach sei es wie „die schwärzeste Nacht gewesen”. Innerhalb weniger Minuten hätten die Bomben fast das ganze Stadtzentrum zerstört und hunderte Menschen getötet. Ein Steinbrocken sei durch das Dach ihrer Wohnung gekracht und hätte das Bett zertrümmert.

Britischen Soldaten geheiratet

Später lernte die Frau einen britischen Soldaten kennen, der in Westdeutschland stationiert war. Sie heirateten und zogen nach England. Dort habe sich ihr Mann einer Gruppe angeschlossen, die die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg lebendig erhielten.

Wie es der Zufall wollte, hatte ihre neue Heimat Bassingbourn nördlich von London eine Verbindung zu ihrer alten. Denn auch vom dortigen Militärflugplatz waren Bomber der 8. US-Luftflotte in Richtung Anklam aufgestiegen. Später hätte sie auch Piloten getroffen, die Jahre zuvor ihre Heimatstadt bombardiert hatten und eben „nur ihren Job” gemacht hätten.

Angriff aus US-amerikanischer Sicht

Allerdings kehrten nicht alle Männer der 303. Bomb Group, die sich auch „Hell’s Angles” also Höllenengel nannten, von ihrem Einsatz über Anklam zurück. Eine Bomberbesetzung wurde im Einsatzbericht mit dem Vermerk „KIA” versehen. Die Abkürzung steht für Killed in Action – im Kampf getötet. Die Crew des Piloten Bernard J. Clifford stürzte südlich der dänischen Insel Lolland in die Ostsee, nachdem sie von deutschen Jagdflugzeugen ins Visier genommen wurde.

Insgesamt wurden im Rahmen des Angriffs 88 amerikanische Soldaten getötet, 18 der 115 von England in Richtung Anklam gestarteten Bomber gingen verloren. Dennoch wurde der Angriff auf Anklam ein wichtiger Bestandteil eines Lehrfilms der amerikanischen Luftwaffe. Darin wird beispielhaft die Planung, Vorbereitung, Durchführung und Auswertung eines Luftangriffs gezeigt.

Der Titel des Films lautet: „Target for today – Das Ziel für heute”.

Der Film von 1944 ist von der US-Luftwaffe freigegeben und kann hier angesehen werden (1h 32 min):


Quelle: "Target for Today" Public Domain – archive.org