StartseiteRegionalAnklamDie Toten aus der Alt Telliner Kirchengruft haben ihre Würde zurück

Erfolgreiche Rettungsaktion

Die Toten aus der Alt Telliner Kirchengruft haben ihre Würde zurück

Alt Tellin / Lesedauer: 6 min

Bei einem ungewöhnlichen Gottesdienst gab es jetzt Interessantes zu den Toten in der Alt Telliner Kirchengruft zu erfahren, vor allem über die einstige Broocker Schlossherrin.
Veröffentlicht:06.12.2023, 19:49

Artikel teilen:

Im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes sind jetzt der ehemalige Broocker Gutsherr Christian Bogislaw von Linden (1707-1779) sowie seine beiden letzten Ehefrauen - Henriette Sophie (1717-1769) und Anna Catharina Tugendreich (1747-1808) - sozusagen ein zweites Mal ausgesegnet worden. Alle drei liegen seit mehr als 200 Jahren in der Gruft unterhalb der Alt Telliner Kirche bestattet, doch deren Zustand war schon lange „ein Schandmal“, wie es Pastor Christian Bauer ausdrückte.

Insbesondere mit dem Wissen darum, wie sich gerade diese Familie um den Erhalt, Ausbau und die Ausstattung des Gotteshauses verdient gemacht hat. Denn Plünderungen, die Ablage von Bauschutt und anscheinend über viele Jahrzehnte von außen hineingeworfene Steinchen hatten zwei der Außen- und Innensärge so beschädigt, dass nicht nur das Holz weitgehend verfaulte und teilweise in sich zusammenfiel, sondern auch das Gros der sterblichen Überreste. Weshalb sich zuletzt in der zur Außenwand befindlichen Hälfte des Gewölbes nur noch ein großes Durcheinander fand.

Der einstige Broocker Schlossherr Christian Bogislaw von Linden wurde in seinem restaurierten Innensarg neu zur letzten Ruhe gebettet. Seine zweite Ehefrau Henriette Sophie liegt dahinter nun in einer hölzernen Truhe, darüber die Fragmente vom Deckel ihres ansonsten völlig zerfallenen Sarges.
Der einstige Broocker Schlossherr Christian Bogislaw von Linden wurde in seinem restaurierten Innensarg neu zur letzten Ruhe gebettet. Seine zweite Ehefrau Henriette Sophie liegt dahinter nun in einer hölzernen Truhe, darüber die Fragmente vom Deckel ihres ansonsten völlig zerfallenen Sarges. (Foto: Stefan Hoeft)

Ehrenamtliche Helfer durchsieben Schutt

Initiiert von Christian Schmidt, dem Projektleiter der heutigen Besitzer von Schloss Broock, dessen Errichtung auf eben jenen Adligen zurückgeht, startete im Frühherbst 2023 eine Rettungsaktion mit einigen ehrenamtlichen Helfern aus der Region. „Wir mussten aufräumen und wir wollten heilen“, so der Pfarrer. Bei mehreren Arbeitseinsätzen holten sie den Schutt aus dem Keller, siebten alles und bargen so neben den Knochen der Verstorbenen eine Reihe weiterer Funde, die Auskunft über die Begräbnisse geben.

Bei der Bewertung dieser Stücke und der Dokumentation erhielten die Vorpommern fachkundige Hilfe von Dr. Regina Ströbl und Dr. Andreas Ströbl aus Lübeck, die sich in der Arbeitsgemeinschaft „Forschungsstelle Gruft“ solchen besonderen Orten widmen. Verbunden mit dem Bestreben, den Toten eine würdige letzte Ruhe zu ermöglichen.

Fundstück: Die Dornenkrone des Jesus fand sich beim Durchsieben des Schuttes aus der Gruft.
Fundstück: Die Dornenkrone des Jesus fand sich beim Durchsieben des Schuttes aus der Gruft. (Foto: Stefan Hoeft)

Sargdeckel aus Fragmenten zusammengesetzt

So wurde der einstige Schlossherr in seiner erhalten gebliebenen Totenkleidung aus farbenfrohem Samt in dem durch den Daberkower Tischler Daniel Peisker restaurierten und vervollständigten Innensarg erneut zur letzten Ruhe gebettet. Obenauf kommt der aus seinen Bruchstücken zusammengefügte massive Deckel des eichenen Außensarges. Bereits aus den gefundenen Fragmenten wieder weitgehend zusammengesetzt wurde der Deckel des Sarges von Henriette Sophie. Weil er das einzige brauchbare alte Holz darstellte, ruhen ihre Gebeine nun darunter in einer extra gekauften Truhe.

In völligem Kontrast zu diesem Anblick steht die sowohl innen wie außen vollständige Einsargung von Anna Catharina Tugendreich. Auch sie wurde einst aufgebrochen, wie unverkennbare Spuren am Holz offenbaren, aber das Gros der Verzierungen außen herum existiert immer noch, die Tote ist vollständig erhalten und unterhalb des Kopfes weitgehend mumifiziert geblieben.

Diese bestens erhaltene Auferstehungsszene an der Unterseite des Außensarges von Anna Catharina Tugendreich von Linden entzückte die Forscher besonders.
Diese bestens erhaltene Auferstehungsszene an der Unterseite des Außensarges von Anna Catharina Tugendreich von Linden entzückte die Forscher besonders. (Foto: Stefan Hoeft)

Einzigartige Auferstehungsszene

„Es ist ein besonders schöner, repräsentativer Sarg, der geradezu in einer würdevollen Feierlichkeit glänzt“, erklärte Andreas Ströbl. Letzterem hatte vor allem seine Frau nachgeholfen, indem sie die teilweise vergoldeten Zinn-Blei-Beschläge und Inschriftentafeln reinigte sowie Firnis auftrug, die dem Holz zu seinem alten dunklen Schimmer verhalf.

„Der Sarg von Anna Catharina Tugendreich erzählt uns etwas. Er erzählt vom Glauben derjenigen, die hier bestattet liegt und davon, wie sich die Menschen damals überhaupt dem Sterben und damit dem endgültigen Abschied genähert haben“, berichtete der Archäologe und Kunsthistoriker in einem Vortrag für die Gottesdienst-Besucher. „Sie haben versucht, sich mit Gewissheiten zu trösten, wie sie auf den ehemals vier Tafeln zu lesen sind.“

Er vermutet, dass einige der zitierten Bibelverse ganz individuell für die Verstorbene ausgesucht wurden. Mit Sicherheit etwas ganz Besonderes stellt die fein gearbeitete und großflächige Auferstehungsszene dar, platziert mittig an der schrägen Unterseite und deshalb all die Jahrzehnte gut geschützt gegen zerstörerische Einflüsse von oben. „Die ist wirklich wunderbar, und die haben wir so noch nie irgendwo gesehen“, erläuterte Andreas Ströbl im Gespräch mit dem Nordkurier. „Särge wie diesen dürfen wir als Schmuckpanzer für den Jüngsten Tag begreifen, in dem möglichst wohlbehalten auch der Leib dieser laut den Überlieferungen zu Lebzeiten sehr beliebten Dame ihrer Auferstehung entgegenschläft“.

Pastor Christian Bauer nahm sozusagen eine zweite Aussegnung für die in der Alt Teller Kirchengruft bestatteten Toten vor.
Pastor Christian Bauer nahm sozusagen eine zweite Aussegnung für die in der Alt Teller Kirchengruft bestatteten Toten vor. (Foto: Stefan Hoeft)

Nur wenige Unterlagen zum Leben erhalten

Von der Witwe, einst wohl ein Patenkind ihres Mannes, den sie um 29 Jahre überlebte, sei heute leider nur noch wenig dokumentiert, erläuterte Christian Schmidt. Aber Anna Catharina Tugendreichs dritter Vornahme scheint wohl bezeichnend und sie eine sehr erstaunliche Frau gewesen zu sein. Die sich intensiv und erfolgreich der Landwirtschaft widmete und dem Wohlergehen ihrer Angestellten. Sogar eine Apotheke sei von ihr im Schloss eingerichtet worden, um schnelle Hilfe bei Notfällen gewährleisten zu können. „Bis 1945 waren noch ihre Geschäftsbücher erhalten - bis das Broocker Gutsarchiv vernichtet wurde.“

Das meiste zu ihrem Leben habe er eher durch Zufall erfahren, als er das heute in Greifswald liegende Archiv zum Tützpatzer Gut durchforstete. Das nämlich gehörte ihrem Schwager Karl Friedrich von Linden, der entsprechend der damaligen Geschlechterrolle seinen Bruder beerbte und daher wahrscheinlich auch zahlreiche Akten aus Broock an seinen Stammsitz überführen ließ.

Mit ihm starb 1785 die männliche Adelslinie der Familie aus - nach nur drei Generationen. Als Karl Friedrich verschied, so Schmidt, fielen die Ländereien an seinen Neffen Friedrich Georg Christian von Heyden. Der wiederum mit Erlaubnis von König Friedrich II. seinen Namen und sein Wappen mit denen derer von Linden vereinigte und so das Adelsgeschlecht von Heyden-Linden begründete. „Diese Familie ist also nicht durch Blutsverwandtschaft entstanden, sondern durch Erbschaft.“

Witwe kauft Schwager Gut Broock ab

Broock indes blieb davon unberührt, denn das Anwesen wechselte schon vor dem Tod Karl Friedrichs den Besitz - sozusagen zurück zu Anna Catharina Tugendreich. Während ihr Gatte und sein Bruder wohl einen Witwensitz im Wietzower Herrenhaus vorgesehen hatten, nicht zuletzt, weil die Männer so ein Schloss als zu groß und viel zu schwierig für sie zu bewirtschaften ansahen, wollte die da noch verhältnismäßig junge Dame keineswegs ausziehen oder sich etwa mit einer zweiten Heirat wirtschaftliche Sicherheit verschaffen.

Stattdessen kaufte sie dem Schwager nach einigen Verhandlungen das Gut für 100 000 Reichstaler in Gold ab, wie der Projektleiter herausfand. Was damals nicht nur ein ungeheures Vermögen darstellte, sondern auch einen Beleg für die besondere Rolle der „jüngsten“ Toten in der Alt Telliner Gruft. Von der wie von den anderen Angehörigen leider kein bekanntes Porträt mehr existiere.