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Analyse

Einstiges Vorzeigeprojekt: Was lief am Anklamer Bahnhof so falsch?

Anklam / Lesedauer: 5 min

Die Kündigung ist ausgesprochen. Die Verantwortlichen des Demokratiebahnhofs in Anklam hoffen auf eine Wende. Mangelnde Kommunikation wird von allen Parteien beklagt.
Veröffentlicht:08.02.2024, 18:17

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Den einen waren die Zustände am Anklamer Bahnhof stets ein Dorn im Auge, andere feierten das Projekt „Demokratiebahnhof“ dort als Vorzeigeprojekt der politischen Teilhabe im ländlichen, strukturschwachen Raum. So weit die Ansichten darüber auch auseinander gehen, aktuell steht der Demokratiebahnhof in Anklam am Scheideweg, da dürften sich alle einig sein.

Denn nach den aktuellen Vorzeichen steht der Demokratiebahnhof Mitte Februar ohne Bahnhof da.  Während das Aus vor Ort Tag für Tag näher rückt, lohnt sich auch ein Blick auf die Vergangenheit des inzwischen zehnjährigen Modellvorhabens, um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte. 

Projekt mit bundesweiten Schlagzeilen

Den größten Coup landeten die damals noch Verantwortlichen des Pfadfinderbundes MV zusammen mit der Band Feine Sahne Fischfilet aus dem benachbarten Jarmen 2016 kurz vor der Landtagswahl: Mit dem eher spontanen Konzert von Rapper „Marteria“ und dem Sänger der Toten Hosen, Campino, auf dem Bahnhofsvorplatz gegen den befürchteten Rechtsruck in der Region machte das Jugendprojekt „Demokratiebahnhof“ in Anklam schnell deutschlandweit von sich reden.

Und blieb auch danach immer wieder im Gespräch: Von „Neulandgewinnern“ war die Rede, der bundesweite Engagementpreis und weitere Auszeichnungen gingen nach Anklam und sogar der amerikanische Botschafter kam. Eine der Initiatoren und Organisatorinnen, Klara Fries, vom Pfadfinderbund wurde von Bundespräsident Steinmeier mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik ausgezeichnet. Gleich mehrere Vertreter der Bundespolitik gaben sich hier die Klinke in die Hand – stets medienwirksam mit entsprechendem Bildmaterial. Auch bundesweite Medien berichteten immer wieder. Das Projekt, das sich deutlich gegen rechts positioniert, kam im sonst als abgehangen und braun verschrienen Vorpommern als Leuchtturm der demokratischen Bildungsarbeit gut an.

Vor Ort polarisiert der Demokratiebahnhof jedoch – auch nahezu von den Anfängen im Jahr 2014 an. Immer wieder stand das äußere Erscheinungsbild am Bahnhof in der Kritik. Zweifel an der Betreuung der Jugendlichen vor Ort und an der Lage des Treffs wurden über die Jahre auch in der Anklamer Stadtpolitik durch nahezu alle Fraktionen hinweg anhaltend geäußert. Dennoch, gegen das bundesweit gefeierte Projekte konnte und wollte man dann wohl doch nicht vorgehen.

Frage nach Haftung und Behördenversagen

Öl ins Feuer gießen hier nun die Aussagen des Landkreises: Demnach habe nie eine Nutzungsgenehmigung für den Jugend- und Kulturtreff im eigentlich stark baufälligen Bahnhofsgebäude vorgelegen. Das habe man von Seiten des Landkreises sowohl bei der städtischen Grundstücks- und Wohnungswirtschaft Anklam (GWA) als Gebäudeeigentümerin als auch bei den Betreibern des Demokratiebahnhofs angemahnt, heißt es. Ein Glück scheint es da zu sein, dass es während des zehnjährigen Bestehens des Projektes und der Jugendbetreuung vor Ort nicht zu Unfällen oder ähnlichen Vorfällen kam.

Wobei die Arbeit dort mit geförderten Sozialarbeiterstellen geleistet wurde, genehmigt vom Sozialamt des Landkreises Vorpommern-Greifswald. Die Frage drängt sich angesichts dessen auf: Haben hier also auch die beiden Behörden des Landkreises aneinander vorbeigearbeitet?

Aktuell droht nun die komplette Nutzungsuntersagung, so der Landkreis. Die GWA hat dem Demokratiebahnhof e.V. bereits kurzfristig den Mietvertrag gekündigt. Mitte Februar steht der Demokratiebahnhof dann wohl endgültig ohne Bahnhof und derzeit auch noch ohne Ausweichstandort da.

Kommunikation selbst in der Kleinstadt schwierig?

Der Druck auf die Verantwortlichen wächst also, soll das Projekt doch  weiter gehalten werden. Auf beiden Seiten spricht man derzeit jedoch von Kommunikationsdefiziten. Der jeweils andere Partner sei kaum oder teils gar nicht zu bekommen. Allein, für die lokalen Reporter ist das kaum nachvollziehbar – beide Seiten sind bislang bei allen Presseanfragen sofort telefonisch erreichbar gewesen.

Aushänge machen vor Ort auf das akute Problem aufmerksam: Der Verein hofft wohl noch auf eine Teilnutzung der Räume.
Aushänge machen vor Ort auf das akute Problem aufmerksam: Der Verein hofft wohl noch auf eine Teilnutzung der Räume. (Foto: Anne-Marie Maaß)

Doch es kommen noch weitere Fragen auf – etwa, ob es aufgrund der aktuellen Situation noch Haftungsansprüche gibt und gegen wen diese gegebenenfalls geltend gemacht werden könnten. Teile des Gebäudes wurden durch projektbezogenen Fördermittel saniert. Was passiert jetzt mit den Umbauten, wie etwa dem neuen Toilettenbereich oder auch dem sanierten Anbau? Der Demokratiebahnhof hofft dazu anscheinend nach eigenen Aussagen in sozialen Medien noch auf eine Teilnutzung, erreiche aber auch in dieser Frage die Geschäftsführung der GWA nicht. 

Gelder flossen – aber nicht vorrangig fürs Gebäude

Betrachtet man den Verlauf dieser Geschichte, könnte man meinen, vor allem einer hat sich hier verzockt: der Anklamer Bürgermeister. Michael Galander gleichzeitig auch Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der GWA. Er galt stets als Verfechter des Projektes. Anfangs allerdings wohl auch mit der Hoffnung, dadurch Gelder für die Bahnhofssanierung akquirieren zu können.

Immerhin startete der Demokratiebahnhof ursprünglich als Modellprojekt des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung – ausgestattet mit reichlich finanzieller Unterstützung. Allerdings sollte dieses Geld in die Modellprojekte für demokratische Partizipation junger Leute an der Stadtentwicklung ausgegeben werden – nicht vorrangig für Baumaßnahmen. Das ist vielleicht das Kernmissverständnis der folgenden Jahre – mit einem an Bedeutung wachsenden Jugendprojekt in einem maroden Bahnhofsgebäude.

Der Anbau wurde in den vergangenen Jahren deutlich umgebaut und saniert.
Der Anbau wurde in den vergangenen Jahren deutlich umgebaut und saniert. (Foto: Anne-Marie Maaß)

Doch wer jetzt auf einseitige Kritik setzt, denkt wohl ebenfalls zu kurz. Stimmen, die der GWA schon Missmanagement beim Ankauf des Bahnhofs vorwerfen, vergessen die Vorzeichen, die zum Erwerb geführt haben. So stand der Bahnhof im Jahr 2013 meistbietend zum Verkauf. In Anklam wurden Stimmen laut, das zentrale Objekt nicht wieder in die Hände von Immobilienspekulanten oder anderen dubiosen Eigentümern fallen zu lassen. Die Auswirkungen für die Stadt wären fatal, so die allgemeine Einschätzung der Lage. Die GWA als Käufer war sozusagen der kurzfristige Rettungsanker, um des Gebäudes habhaft zu werden.

Zukunft bleibt offen

Allein, und da haben die Kritiker recht – eigene Zukunftskonzepte und Investitionsvorhaben hatte die städtische Wohnungsgesellschaft für den Bahnhof zu keiner Zeit. 2014 trat dann der Pfadfinderbund MV mit dem Modellprojekt auf den Plan. Lediglich im vergangenen Jahr versuchte man noch, mit einer eilig aufgesetzten Zukunftsbroschüre gemeinsam mit dem inzwischen neu gegründeten Verein „Demokratiebahnhof e.V.“ Fördermittel anzuwerben und das Ruder herumzureißen – positive Rückmeldungen seitens der Landes- und Bundespolitik seien jedoch ausgeblieben.

Am Ende könnten also so nun mindestens zwei Verlierer übrigbleiben. Der Demokratiebahnhof steht ohne Bleibe da und dem Jugendtreff fehlt somit der Treffpunkt. Was wohl besonders bitter für die Jugendlichen ist, die hier in den zurückliegenden Jahren ihren Freiraum gefunden haben. Aber auch die GWA, die immer noch die Besitzerin eines maroden und künftig weitgehend leerstehenden Bahnhofsgebäudes ist, hat in dieser Geschichte nur verloren. Laut NDR habe der Verein zudem Widerspruch eingereicht.