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Landwirtschaft

Ernte im Eimer? So sehen Rübenbauern den Wintereinbruch

Anklam / Lesedauer: 4 min

Die Produktion der Anklamer Zuckerfabrik scheint das Wetter kaum zu stören. Doch wo es geht, lassen die Bauern die süßen Feldfrüchte derzeit lieber im Boden – aus gutem Grund.
Veröffentlicht:02.12.2023, 12:14

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Wenn es nach Hartmut Giermann ginge, dem Geschäftsführer der Bentziner Ackerbau GmbH, dann könnte Frau Holle gerne noch einmal einige Zentimeter Schneeflocken über seinen Zuckerrüben-Schlag an der Jarmener Ortsumfahrung schütteln. Schließlich warten dort nach einem ersten Rode-Einsatz weitere 2500 bis 3000 Tonnen der Feldfrüchte darauf, ans Tageslicht geholt zu werden.

Doch der Betrieb hat erst in circa eineinhalb Wochen wieder einen Liefertermin bei der Zuckerfabrik in Anklam – und muss also zusehen, wie er die Ernte bis dahin möglichst gut über den Winter bekommt. Da kam die weiße Pracht der vergangenen Tage gerade recht: Denn die wirke wie eine schützende Decke, so Giermann.

Kahlfröste sind gefährlich 

Zwar rollte der Rübenroder eines Lohnunternehmens sowohl am Dienstag und anfangs sogar noch am Mittwoch mitten im Schneegestöber durch die Reihen des besagten Ackers, weil es glücklicherweise nicht zu feucht für das schwere Gerät sei. Die Spur halte die Technik automatisch, da brauche es keinen ungetrübten Blick für den Fahrer, so Giermann. Doch dann sei entschieden worden, den Roder zu Kollegen zu verlagern, die keinen oder nur wenig Schnee verzeichneten – denn nichts sei jetzt so gefährlich für die Rüben wie Kahlfröste, also Frost in Bodennähe, der durch das Fehlen einer Schneedecke direkt auf die Pflanzen wirkt.

Warten auf den nächsten Laster nach Anklam: Auch hier an der L 261 bei Loitz lief trotz des heftigen Wintereinbruchs diese Woche die Rübenverladung von den Mieten weiter.
Warten auf den nächsten Laster nach Anklam: Auch hier an der L 261 bei Loitz lief trotz des heftigen Wintereinbruchs diese Woche die Rübenverladung von den Mieten weiter. (Foto: Stefan Hoeft)

Seine eigenen Exemplare, das überprüfte er bereits mehrmals, befinden sich noch in einem passablen Zustand, selbst wenn die Haupterntezeit mittlerweile vorüber ist. Der Boden sei jedenfalls weder zu nass noch gefroren. Und damit das so bleibt, wäre Giermann sogar noch ein bisschen mehr Schnee lieber.  „Darunter stehen sie warm und schön sicher.“

Wetter macht auch Probleme beim Transport

Sicherer zumindest als in einer Miete, wie sie seit Wochen in Vorpommern entlang vieler Feldkanten zu sehen sind, teils mehrere hunderte Meter lang. Denn draußen hat gerade Väterchen Frost das Sagen am Peene- und Tollensetal. Und bei eisigen Nächten von bis über zehn Grad Celsius kann auch die beste Mietenabdeckung nicht alle Schäden verhindern.

Das dabei meist verwendete Vlies hält zwar einen Teil der Atmungswärme der Rüben zurück. Sinken die Temperaturen zu stark unter den Gefrierpunkt, würden die Pflanzenzellen trotz ihres Zuckergehalts, der wie ein natürlicher Frostschutz wirkt, aufplatzen, wissen die Experten. Fäulnis wäre die Folge, bei größerem Umfang die Charge nur noch schwer oder gar nicht zu verarbeiten. 

Probleme macht das Wetter aber ebenso den Transportunternehmen, die eine kontinuierliche Belieferung für die Anklamer Produktion gewährleisten. Gerade ihre schweren Laster hatten es diese Woche ziemlich schwer auf den glatten und eingeengten Fahrbahnen. Und obendrein stellte die Verladung am Feldrand mitten im Schneewirbel alles andere als ein Zuckerschlecken dar.

Warmes Waschwasser für die kalten Rüben

Ob all dieser Probleme will Matthias Sauer, der Geschäftsführer der Anklamer Cosun Beet Zuckerfabrik, dann die Belange der Fabrik auch gar nicht vorne anstellen. Sicher gebe es bei den aktuellen Temperaturen auch hier Umstellungen im Verarbeitungsprozess – erst recht, wenn die Rüben teils gefroren ankommen. Das wirke sich natürlich aus. So versuche man aktuell schon bei der Rübenwäsche, als ersten Schritt mit warmem Wasser entgegenzuwirken.

Matthias Sauer, Geschäftsführer der Anklamer Zuckerfabrik, sieht den Wintereinbruch pragmatisch.
Matthias Sauer, Geschäftsführer der Anklamer Zuckerfabrik, sieht den Wintereinbruch pragmatisch. (Foto: Stefan Sauer/Archiv)

„Das warme Wasser, das wir sonst erst im Extraktionsschritt verwenden würden, sorgt aber eben auch dafür, dass so schon bei der Wäsche Zucker freigesetzt wird und in geringer Menge verloren geht“, erklärt Sauer. Ansonst sieht er den aktuellen Wintereinbruch jedoch pragmatisch. „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir es mit einem landwirtschaftlichen Produkt und einer Feldfrucht zu tun haben. Ich denke, die Bauern haben da bei einer nassen Getreideernte beispielsweise ganz andere Probleme zu meistern“, sagt er.

Zuckerkocher für Winterwetter gewappnet

Zumal die Rübenkampagne ohnehin jedes Jahr eben zur Hälfte im Herbst und zur Hälfte im Winter stattfindet. „Frostige Temperaturen sind wir durchaus gewöhnt“, so der Zuckerfabrik-Chef, der sich selbst an eine Erntezeit bei minus 20 Grad erinnern kann.

Ein Großteil der Ernte sei zudem auch bereits gelaufen - bis Ende November ist diese in der Regel abgeschlossen, ergänzt er. Solange die Temperaturen nicht stark unter minus zehn Grad Celsius abfallen, sieht er zudem kein Qualitätsproblem.

„Die Rüben können das ab, die Fabrik läuft und verarbeitet im Schnitt derzeit gut 13.000 Tonnen Rüben pro Tag. Solange wir jetzt keine deutlichen Temperaturen über null Grad haben, also beispielsweise ein extrem mildes Weihnachtswetter - ist alles in Ordnung“, ergänzt er. Kühlschranktemperaturen sind für die Rüben nämlich ideal. Weiße Weihnachten sind in der Anklamer Fabrik also aus mehrfacher Hinsicht definitiv erwünscht.