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Ermittlungen

Geldräuber an der A20 profitierten von falschem Stoppschild und Wetter

Jarmen / Lesedauer: 4 min

Die Polizei sucht weiter dringend Zeugen des Raubüberfalls an der A20. Mittlerweile ist auch eine falsche Baustelle von höchstem Interesse. Wie viel Vorplanung steckte in der Tat?
Veröffentlicht:04.03.2023, 07:40

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Der Überfall auf einen Geldtransporter mit Millionenfracht an Bord an der A20–Auffahrt Gützkow vom Donnerstagmorgen beschäftigt nicht nur die Polizei, sondern natürlich auch nach wie vor die Öffentlichkeit. Denn in der jüngeren Vergangenheit gab es in der Region wohl keinen Raub, der so spektakulär und gut geplant erscheint — jedenfalls auf den ersten Eindruck. Ob die Ganoven tatsächlich alles ausreichend bedacht und vielleicht nicht doch zumindest die Ermittler unterschätzt haben, das wird erst die Zukunft zeigen.

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Tatort und Fundort des Fluchtautos liegen nicht weit auseinander.
Tatort und Fundort des Fluchtautos liegen nicht weit auseinander. (Foto: NK-Grafik)

Inszenierte Baustelle

Mittlerweile äußerte die Polizei sich zu den Betonklötzen und der fingierten Baustelle. Sie seien dabei äußerst professionell vorgegangen, wie eine Sprecherin der Polizei am Freitagnachmittag mitteilte. Der Überfall sei offenbar lange vorbereitet worden. „Dazu gehörte auch, dass sie nach derzeitigen Erkenntnissen bereits Tage zuvor eine Baustelle auf Höhe der Anschlussstelle Gützkow fingiert haben“, so die Sprecherin. So hätten sie etwa Betonklötze aufgestellt, die zwischenzeitlich von der Straßenmeisterei wieder entfernt worden seien. „Da sie zur Tatzeit wieder da waren, müssen die Täter also erneut den späteren Tatort aufgesucht haben, um die fingierte Baustelle wieder aufzubauen.“ Zudem waren wohl Warnbaken aufgestellt. 

Chronologie: Mehrere Überfälle auf Transporter aus MV

In dieser „inszenierten Baustelle“ brachten die Ganoven das Fahrzeug eines Greifswalder Sicherheitsunternehmens ausgangs der abschüssigen Kurve, die auf den Beschleunigungsstreifen der A 20 in Richtung Jarmen führt, zum Stehen. Die Betonblöcke keilten den Transporter auf der linken Seite ein, während rechts die Schutzplanke ein Ausweichen verhinderte. Während des Überfalls schossen die Täter auch aus ihren Maschinenpistolen, so die Polizei.

Das Fluchtauto wurde in einem Waldstück in Müssentin gefunden.
Das Fluchtauto wurde in einem Waldstück in Müssentin gefunden. (Foto: Felix Gadewolz)

Diese massiven Barrieren seien ebenso Gegenstand der Ermittlungen wie das Stoppschild an ihrem Ende, das sich normalerweise nicht an dieser Stelle befindet. Den Räubern aber ermöglichte, ihren vor dem Geldtransporter befindlichen Mercedes–Kleinbus gegen 6.20 Uhr vor der Autobahn anzuhalten, ohne damit gleich Argwohn bei den Sicherheitsleuten auszulösen. Bevor die so richtig mitbekamen, was ihnen geschieht, soll ihre Scheibe mit Farbe „blind“ gemacht und der hintenan folgende Täter–Jeep angezündet worden sein.

Gute Wetterbedingungen für die Täter

Anschließend rasten die Ganoven bis zur Anschlussstelle Jarmen und von dort über die B 110 ins Hinterland der Peenestadt, wo sie das südlich des Ortsteiles Müssentin gelegene Heydenholz ansteuerten. Von dort wurde gegen 7 Uhr von Anwohnern ein Knall vernommen, viel später entdeckten sie dann den Grund: Auch der Mercedes war in Brand gesteckt worden. Die Geldkassetten wurden vor Ort gewaltsam geöffnet, geplündert und ihr Inhalt wohl anderweitig verpackt, so einige angekokelte „kleine“ Scheine sollen noch herumgelegen haben. Später müssen sich die Täter mit einem weiteren Fahrzeug entfernt haben, Zeugen sprachen von einem Quad.

Wohl kaum planbar, aber mächtig in die Hände gespielt hat der Flucht offenbar das Wetter. Denn wegen des starken Nebels am Morgen und Vormittag hielt sich nicht nur das Sichtfeld für die Polizisten am Boden in engen Grenzen, auch der Polizeihubschrauber ließ sich nicht vor Ort einsetzen, wie Claudia Tupeit bestätigte. Gleichzeitig blieb durch den Dunst das im Heydenholz lichterloh brennende Fahrzeug unbemerkt, obwohl der Wald eher licht ist und die Bäume momentan kein Laub tragen. 

Hubschrauber hätte Zeitvorsprung der Täter verkürzt

Hinterher musste nicht die Feuerwehr gerufen werden, da das Wrack bei seiner Entdeckung bereits ausgebrannt und die Umgebung aufgrund der gegenwärtigen Feuchtigkeit nicht in Brand geraten war. Zu trockeneren Zeiten hätte das anders ausgehen können. Bei klarer Sicht wären der Flammenschein und Rauch zudem vermutlich vom nahen Wilhelminenthal oder der hier verlaufenden Kreisstraße und der unweit gelegenen L 35 aus zu sehen gewesen. In jedem Fall aber hätte ein Hubschrauber den Brand von der Luft aus ausmachen können und den Zeitvorsprung für die Räuber so deutlich verkürzt.