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Ansgarkreuz

Große Ehrung für die Hüterin der historischen Kirchenbücher

Jarmen / Lesedauer: 5 min

Margot Peter, die Expertin für Ahnenforschung in der Region Jarmen–Tutow, ist mit einer besonderen Auszeichnung bedacht worden. Sie hat Kontakte in die ganze Welt.
Veröffentlicht:29.03.2023, 18:08

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„Es ist ein Segen und eine besondere Sache, dass Sie es geschafft haben, für alle da zu sein — für die Kirche und das Kommunale. Danke für alles, was Sie uns gegeben haben“, erklärte der Demminer Propst Gerd Panknin in seiner jüngsten Predigt beim Gottesdienst im Jarmener Haus der Begegnung im Landkreis Vorpommern–Greifswald. Und hatte dabei vor allem Margot Peter im Blick. Wohl wissend, dass die 85–Jährige solche öffentlichen Lobhudeleien gar nicht mag. Doch genau wegen ihr war er ja in die Peenestadt gekommen. Im Gepäck das Ansgarkreuz, immerhin die höchste Auszeichnung innerhalb der Nordkirche fürs Ehrenamt. Damit sollte der alten Dame, die mittlerweile als eine Institution im Amtsbereich Jarmen–Tutow und weit darüber hinaus gilt, für ein Vierteljahrhundert uneigennützigen Dienst an der Allgemeinheit gedankt werden.

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Mit Jubiläumskonfirmanden hat es begonnen

Welchen Umfang diese Arbeit einmal einnehmen würde, das war in den 1990er Jahren nicht zu erahnen, als der damalige Pastor Dietmar Mahnke die ehemalige Unterstufenlehrerin um einen Gefallen bat. Sie sollte in den Unterlagen nach jenen Männern und Frauen suchen, die vor 50 und mehr runden Jahren ihren Segen in St. Marien erhielten, um sie dann zur Jubiläumskonfirmation einladen zu können. Eine Veranstaltung, die mittlerweile eine beliebte Tradition darstellt und ohne Margot Peter und ihren Spürsinn kaum vorstellbar erscheint.

Regionalgeschichte pur: Natürlich hatte Margot Peter auch diesmal wieder einige „ihrer‟ alten Schätze und Geschichten mit dabei. 
Regionalgeschichte pur: Natürlich hatte Margot Peter auch diesmal wieder einige „ihrer‟ alten Schätze und Geschichten mit dabei.  (Foto: Stefan Hoeft)

Historische Aufzeichnungen zugänglich machen

Doch es blieb nicht bei den Jubilaren und tatkräftiger Unterstützung für kirchliche Veranstaltungen: Der alten Schriftarten Kurrent und Sütterlin kundig, erschlossen sich ihr, die aus Greifswald stammt und erst mit 20 Jahren wegen des Berufes an die Peene kam, aus den historischen Aufzeichnungen immer neue interessante Fakten aus der Vergangenheit und familiäre Zusammenhänge. Bald tauchte sie so tief in die Kirchenbücher ein, dass die Idee und der Wille wuchsen, diese Aufzeichnungen auch anderen Menschen und der Nachwelt besser zugänglich zu machen.

Suche per Computer möglich

Immerhin handelt es sich um ein prall gefülltes Archiv der Regionalgeschichte, stammt der älteste „Schinken“ im Schrank des Jarmener Kirchenbüros — ein Kassenbuch aus Zemmin — doch von 1578. Letztlich machte sich Margot Peter daran, Seite für Seite aus all diesen Jahrhunderten aufzuarbeiten und zumindest personell zu digitalisieren. Sie erfasste jeden Namen aus den Einträgen in einem Computer–Register, sodass nun schnelle Suchen über alle Generationen und Zusammenhänge hinweg möglich sind.

800 Seiten Chronik aufgearbeitet 

Nicht nein sagen konnte Margot Peter, als ihr angetragen wurde, nach den Jahresberichten der Jarmener Pastoren auch die Pfarrchronik von Kartlow zu „übersetzen“. Mit um die 800 Seiten und im Jahr 1249 beginnend der wohl dickste Wälzer in dieser Kategorie. Mehr als sieben Jahre brachte sie damit zu, „nebenbei“ sämtliche Einträge abzutippen. Und kümmerte sich wie bei anderen Sammlungen schon zuvor obendrein darum, dass das historische Zeugnis einen neuen und stabilen Einband bekam.

Scheich und General

Dank dieser Arbeiten, ihren weitreichenden Nachforschungen und ihren zahlreichen Kontakten entwickelte sich die kleine Frau zur wohl größten Ahnen–Expertin für das mittlere Peene– und Tollensetal. Die Anfragen dazu kommen längst nicht nur von Einheimischen oder aus ganz Deutschland. Inzwischen reichen ihre Kontakte auf mehrere Kontinente, regelmäßige Besuche aus der weiten Ferne in Jarmen und herzliche Freundschaften eingeschlossen. Da gibt es etwa den reichen Ölmagnaten aus Texas, einen Scheich aus Saudi–Arabien, einen Unternehmer aus Dänemark und einen deutschen General, die bei der Suche nach ihren familiären Wurzeln in Vorpommern auf Margot Peter setzten und setzen. Und wenn jemand vorbei kommt mit für ihn „unlesbaren“ alten Dokumenten und Briefen aus dem Familienbesitz, dann hilft sie auch da.

Als Margot Peter im Kirchenbüro anfing, da glichen so einige der alten Bücher stellenweise eher losen Blattsammlungen. Doch vieles hat sie inzwischen neu binden lassen.
Als Margot Peter im Kirchenbüro anfing, da glichen so einige der alten Bücher stellenweise eher losen Blattsammlungen. Doch vieles hat sie inzwischen neu binden lassen. (Foto: Stefan Hoeft)

Lesestunden mit ollen Kamellen

„Sie weiß manchmal auch um prekäre Familienverhältnisse“, äußerte mit einem Schmunzeln Jarmens Pastor Arnold Pett. „Es ist immer wieder erstaunlich, welche interessanten Geschichten sie aus den alten Büchern herausgelesen hat.“ Er erinnerte in dem Zusammenhang an einen seiner Vorgänger, der die Schwiegermutter erschlagen und im Garten verscharrt hatte, nach seinem Fortzug und der Entdeckung der Tat dann bei Stralsund aufgespürt und 1542 geköpft wurde.

So manche dieser ollen Kamellen trug Margot Peter bereits für Textsammlungen und Vorträge zusammen, ihre „Lesestunden“ gelten als Zuhörer–Magneten. Egal ob nun im kirchlichen Rahmen oder bei weltlichen Veranstaltungen wie dem Jarmener Gesprächskreis. Darüber hinaus engagiert sie sich bei der Bewahrung und Neuauflage von Schriftwerken zur Stadtgeschichte, ist so an mehreren Büchern beziehungsweise deren Zusammenstellung beteiligt. Kein Wunder also, dass es sich auch Bürgermeister André Werner nicht nehmen ließ, zu diesem Gottesdienst mit der Auszeichnung für die 85–Jährige zu erscheinen. Ebenso wie ihr erster „Dienstherr“ Dietmar Mahnke, der heute auf Rügen zu Hause ist.

Das Ansgarkreuz soll an den „Apostel des Nordens‟ erinnern.
Das Ansgarkreuz soll an den „Apostel des Nordens‟ erinnern. (Foto: Stefan Hoeft)

Das Ansgarkreuz - Gedenken an den „Apostel des Nordens“

Die Verleihung des Ansgarkreuzes geschieht im Gedenken an Ansgar von Bremen, der im 9. Jahrhundert als Erzbischof von Hamburg–Bremen in Norddeutschland und Skandinavien gewirkt hat und als der „Apostel des Nordens“ gilt. Das originale Ansgarkreuz ist eine Gewandfibel, also eine metallene Nadel zum Zusammenhalten von Kleidern, Umhängen und Mänteln. Die kreuzförmige Brosche gilt als eines der ältesten Zeugnisse des Christentums in Norddeutschland. Das Original kann im Wikingermuseum in Haithabu (bei Schleswig) besichtigt werden.

Quelle: Nordkirche