Kunst:Offen

Jarmen will mit der kultigen Schaufenster–Galerie ins Internet

Jarmen / Lesedauer: 4 min

Die Kunstmeile hat neben vielen anderen Fans sogar einen in der Landesregierung. Und wird teilweise noch lange zu betrachten sein, einiges bald wohl sogar weltweit.  
Veröffentlicht:30.05.2023, 18:29

Von:
  • Stefan Hoeft
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Möglicherweise sollte vom neuerlichen Abstecher an die Peene lieber niemand außerhalb etwas erfahren, sinnierte Heiko Miraß bei der Eröffnung der neuen Schaufenster–Galerie „Kiek an, Jarmen!“ anlässlich der Pfingst–Aktion „Kunst:Offen“. Denn der Staatssekretär für Vorpommern und das östliche Mecklenburg muss wohl bald befürchten, dass ihm so etwas wie Lieblingskinder vorgehalten werden.

"Aktion bereichert ganz Vorpommern"

Immerhin war der SPD–Mann gerade erst zum Jahresempfang der Kommune und schon davor zu verschiedensten Anlässen. Wer nachrechnet im Verhältnis von Präsenz und Einwohnerzahl, würde bei ihm schnell auf eine herausragende Position für die Kleinstadt an der A 20 kommen. Doch nachdem der als kunstinteressiert geltende Politiker die Schirmherrschaft über die Auflage 2022 der Ausstellungsmeile in Jarmen übernommen und sie als beeindruckend wahrgenommen hatte, habe er auch dieses Jahr einen Abstecher zur Schaufenster–Galerie eingeplant — mit fröhlichem Herzen und eigentlich rein privat. Aber Touren eines Staatssekretärs bleiben kaum gänzlich inoffiziell, von daher kam er nicht um eine kleine Begrüßung herum. „Was hier passiert, das bereichert den Ort, aber auch ganz Vorpommern“, erklärte er vorm Rundgang. 

Der Saxophonist und sein Flötenspieler: Auch Manfred Hardt gehörte zu den Ausstellern auf dem Hof der Alten Post in Jarmen.  (Foto: Stefan Hoeft)

Kunst und Musik im Hinterhof

Zwar existierten diesmal weniger Anlaufpunkte als im Vorjahr, doch der Anzahl der Beteiligten und der Vielfalt tat das keinen Abbruch, zumal es wieder einige neue Akteure gab. So mauserte sich der  Hinterhof der Alten Post — das Gebäude fungiert heute als altengerechtes Wohndomizil — zum Anziehungspunkt.

Denn Mieter und andere Jarmener präsentierten auf dem idyllischen Gartengelände ihre Hobbys, angefangen bei Holzskulpturen über Handarbeiten bis hin zu Betonelementen. Der frühere Lehrer Manfred Hardt, erst jüngst dort eingezogen, ließ es sich obendrein nicht nehmen, seine musikalischen Fertigkeiten auf dem Saxophon anklingen zu lassen. Die Hausgemeinschaft hielt zudem einiges an Kaffee und Kuchen für die Besucher parat und genoss sichtlich das rege Treiben.

Anke Kolvitz präsentiert in der ehemaligen Drogerie Schnappschüsse der Eichhörnchen vom alten Pfarrhof. (Foto: Stefan Hoeft)

Malen mit Wollfäden

Gerade diese Art der Begegnungen machen „Kunst:Offen“ zu so etwas Besonderem. Zumal Beiträge wie die Schaufenster–Galerie in einer Kleinstadt neue Blicke auf die Mitmenschen bieten. Seien es die Ideen einer Erzieherin wie Ute Hacker zum Malen mittels farbgetränkter Wollfäden in der Auslage des Optik–Geschäftes  oder die künstlerischen Ambitionen von Bauplanerin Diana Hoth, für die jedes Jahr jene Glasfläche reserviert ist, hinter der sich die Ortsgruppe der Volkssolidarität trifft.

Die Patchwork-Arbeiten von Regina Kemp konnten im Kulturzentrum bestaunt werden.   (Foto: Stefan Hoeft)

Einen buchstäblich umfangreichen Bilderstrauß lieferte Hausärztin Marion Wille, die Blumen–Malerei im großen Schaufenster der Volksbank aufhängte. „Malen ist nicht nur so eine Beschäftigung als Hobby, für mich ist das zu etwas Besonderem geworden“, verriet sie.

Gleiches gilt für Seniorin Marie Luise Grunow, die im Rahmen eines „anderen Dialogs“ seit Jahren mit Kunstpädagogin Bettina Münchberg arbeitet und nun stolz eine mannshohe Collage zeigte — aufgestellt bei der lokalen Tischlerei. Auch die Regionalschule beteiligte mit einigen Arbeiten, zu begucken hinter einer Scheibe des Friseursalons Melly, während bei der anderen eine Leinwand mit einer skandinavischen Schamanin grüßte, digital erschaffen per Tablet von Cassandra Danielides. Wie genau, das ließ sich auf einem Monitor im Zeitraffer verfolgen. 

Stadt baut Internet–Galerie auf

Glasmalerei und ein „Beet“ mit farbenprächtigen Metall–Blüten, „gewachsen“ aus Blechbüchsen und -deckeln, pflanzte derweil Sabine Eckardt aus Wusterhusen in die Auslage des Dental–Labors an der Ortsdurchfahrt. An anderen Stellen zogen Fotos die Blicke auf sich, seien es Landschaftsaufnahmen von Henny Warras im Versicherungsbüro an der Langen Straße oder das Eichhörnchen–Trio, das Anke Kolvitz regelmäßig am alten Pfarrhof ablichtet und nun in der ehemaligen Drogerie präsentiert.

Von wegen Gelbe Tonne: Sabine Eckardt bringt altes Metall auf diese Weise zum Blühen.  (Foto: Stefan Hoeft)

Historisch geht es wieder mal im Schuhhaus und beim Uhrmacher zu, wo Zeichnungen des verstorbenen Chronisten Wilhelm Hacker sowie alte Bilder von Gebäuden und dem Leben in der Stadt zu früherer Zeit zeugen. Zusammengestellt wurde beides von Peter Sorge, der erneut als Cheforganisator bei der Belegung der Schaufenster–Galerie agiert. 

Die hat mit dem Ende von „Kunst:Offen“ aber längst nicht ausgedient. Traditionell bleiben viele Arrangements entlang von Jarmens Straßen über Pfingsten hinaus bestehen, einige sogar Wochen und Monate. Außerdem könnten sich einige der Objekte bald grenzenlos betrachten lassen, jedenfalls so weit das Internet reicht. Denn wo gewünscht und möglich, sollen sie Eingang in die im Aufbau befindliche Internet–Galerie der Stadt erhalten.