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Corona-Demo

Krankenschwester, ungeimpft – was diese Anklamerin auf die Straße treibt

Anklam / Lesedauer: 5 min

Seit mehr als vierzig Jahren ist Kirsten Bräsel Krankenpflegerin. Und bald vielleicht nicht mehr. Denn eine Corona-Impfung kommt für sie nicht infrage.
Veröffentlicht:11.03.2022, 17:49

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Kirsten Bräsel fällt auf – gut gelaunt, knallrote Brille, bunte Klamotten. Lebensfroh und engagiert, so ist die Anklamerin seit 42 Jahren als Krankenpflegerin unterwegs – viele Jahre auch mit dem eigenen Pflegedienst. Damit könnte jetzt Schluss sein. Kirsten Bräsel ist im Widerstand gegen die Impfpflicht. Das Thema treibt sie um und auf die Straße – viele Fragen zu ihrem Engagement beantwortet sie, manche bleiben offen.

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Das freundliche Gesicht des Widerstands

„Widerstand!“, hallt es seit mehreren Monaten am Montagabend durch Anklams Straßen, wenn die wöchentliche Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen loszieht. „Wir sind stark, wir sind laut“, rufen die Teilnehmer dann im Sprechchor. Laut ist auch Kirsten Bräsel. Die 58-Jährige hat sich eigens eine Trommel besorgt, um noch mehr Krach machen zu können.

Gegen die Impfpflicht

Dabei sei sie eigentlich eine recht ruhige, in jedem Fall friedliche Person, schätzt sie selbst ein. Die Anklamerin ist seit nunmehr 42 Jahren Krankenschwester, leitete viele Jahre einen eigenen Pflegedienst, den sie inzwischen an die Tochter abgegeben hat. „Ich mag einfach Menschen, ich bin unheimlich neugierig und unterhalte mich gerne“, beschreibt sie. Und doch ist da jetzt eben der Widerstand.

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„Ich möchte und ich werde mich nicht impfen lassen“, stellt Bräsel klar. Die einrichtungsbezogene Impfpflicht für medizinisches Personal treibe sie auf die Straße. Wenn das Gesetz in der kommenden Woche greift, ist für sie in ihrem Traumberuf vermutlich Schluss. „Das ist mein Widerstand“, sagt Kirsten Bräsel mit leicht stockendem Atem. Dabei ist sie nicht gegen das Impfen generell. Alle gängigen Impfungen haben sie bisher erhalten. Von Hepatitis bis Tetanus. „Bei den Auffrischungen passe ich immer ganz genau auf“, sagt sie.

Diagnose nach Gefühl

Nur bei der Corona-Schutzimpfung sei sie raus. „Ich kenne persönlich mehr Menschen mit Impfnebenwirkungen als schweren Corona-Krankheitsverläufen“, sagt sie. Das sei aber eine rein persönliche Einschätzung, schränkt sie ein. Rein persönlich sei Corona für die Anklamerin auch keine schwere Krankheit, längst nicht so schlimm wie Grippe.

„Ich hatte es gehabt, es war nicht schön. Ich war ein paar Tage angeschlagen“, sagt sie mit bedrücktem Gesichtsausdruck und zuckt die Schultern. Jetzt gehe sie aber davon aus, ein Leben lang geschützt zu sein. Das sei zumindest ihr Gefühl, Untersuchungen etwa zu den gebildeten Antikörpern in ihrem Körper habe sie nicht machen lassen.

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Misstrauen gegen die Daten

Und was ist mit den vielen Corona-Toten, den Menschen, die immer noch auf Intensivstationen um Luft ringen – die keinen leichten Verlauf haben? „Weiß man das wirklich so genau“, entgegnet die Anklamerin. Zahlen, Bildern, Berichten dazu will sie nicht recht glauben. „Ich war ja auch nicht dabei“, sagt sie.

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Die neuen Impfstoffe rechtfertige dies aus ihrer Sicht nicht. „Wissen sie, ich lese viel. Gerade über Krankheiten, das interessiert mich eben“, erläutert sie. Woher die Informationen stammen? Viel aus Telegram-Gruppen und Twitter, auch Informationen vom Robert-Koch-Institut lese sie. Die öffentlich-rechtlichen Medien bleiben dagegen aus.

Sie will andere nicht überzeugen

„Ich lasse mich nicht als Versuchskaninchen benutzen. Ich habe ja auch medizinische Kenntnisse“, sagt sie. Doch was ist mit möglichen Spätfolgen der Krankheit, vor denen immer wieder gewarnt wird? Auch das wisse aus ihrer Sicht eben keiner. Warum sich dann doch der überwiegende Teil auch ihrer Berufskollegen bislang hat impfen lassen? „Viele informieren sich vielleicht einfach nicht oder haben dafür nicht die Zeit“, sagt sie. Gleichzeitig wolle sie ihre eigene Einstellung anderen nicht aufdrücken. „Ich werde niemanden sagen, lass dich nicht impfen“, sagt sie. Im Freundes- und Bekanntenkreis gebe es wohl auch deshalb gar keine Streitpunkte.

Dennoch sei da eben bei ihr diese Skepsis. Wenn Bekannte sagen, der Staat werde schon das Richtige für uns tun, müsse sie kurz die Luft anhalten, weiter will Kirsten Bräsel nicht näher darauf eingehen. Ihren Widerstand möchte sie deshalb weiter montags auf die Straße tragen. Dass die Anzahl der Mitstreiter in den vergangenen Wochen abgenommen hat, findet sie durchaus bedauerlich. „Ich hoffe so, das ändert sich noch einmal“, sagt sie.

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Krude Reden bei der Demo? Einfach nicht hinhören...

Doch auch dabei bleiben mittlerweile Fragen offen. So marschieren am Montagabend nach wie vor auch bekannte Gesichter aus der rechtsextremen Szene bis hin zu NPD-Mitgliedern mit. Die Redebeiträge schweifen mitunter weit vom Thema Corona und der Impfpflicht ab. Von Solidarität für Russland, Austrittsforderung aus der EU bis hin zu stärkeren Staubsaugern war bisweilen schon die Rede.

Während manche Demonstranten dies sichtlich abschreckte, will Kirsten Bräsel am Ball bleiben, selbst wenn ihr auch nicht alles gefalle, was auf der Demo geäußert wird. „Ich bin da, um gegen die Impfpflicht zu protestieren, bei allem anderen höre ich einfach nicht hin. Auch politisch möchte ich die Versammlungen nicht nach rechts und links einordnen. Ich gehe immer offen auf Menschen zu, da ist mir die politische Einstellung egal. Ich gehe davon aus, dass alle vor Ort auch im Widerstand gegen die Impfpflicht sind, das vereint uns und genügt“, sagt sie noch. Die Trommel hat sie schon für den nächsten Montag im Auto.