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Vor Usedom

Krypto–Firma will in MV Deutschlands größte Cannabis–Plantage bauen

Relzow/Hamburg / Lesedauer: 5 min

Eine Hamburger Firma will in MV groß in den Anbau von Cannabis einsteigen. Doch vor Ort weiß niemand etwas von dem Projekt. Was genau steckt dahinter?
Veröffentlicht:07.06.2023, 13:53

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Cannabis, Krypto, Blockchain, Künstliche Intelligenz und regenerative Energie: Auf der Website der „Deutschen Anbaugesellschaft“ (DAG) wimmelt es nur so von Schlagworten, die nahezu jeden technologischen Hype der vergangenen Jahre abdecken.

Die erst im April gegründete Firma aus Hamburg lässt keinen Zweifel daran, dass sie im Bereich der Zukunftstechnologien unterwegs ist — und in Mecklenburg–Vorpommern einiges vorhat: Sie will auf dem Gelände der ehemaligen NVA–Kaserne in Relzow bei Anklam Deutschlands größte und modernste Plantage zum Cannabis–Anbau errichten.

Viele Startups wollen Fuß in die Tür setzen

Seitdem die Pläne der Bundesregierung zur Legalisierung von Cannabis bekannt wurden, herrscht Goldgräberstimmung rund um das Hanf. Zahlreiche Firmen und Startups positionieren sich auf den Markt und wollen einen Fuß in der Tür haben, wenn die kommerzielle Produktion von Cannabis erlaubt wird.

So auch die DAG: In Relzow stehen auf einer Gesamtfläche von 630.000 Quadratmetern 35 Hallen mit einer Fläche von 120.000 Quadratmetern zur Verfügung, zudem ein Bürogebäude und ein Labor zur Qualitätssicherung und Entwicklung neuer Produkte. Langfristig will die DAG in Mecklenburg–Vorpommern jährlich rund 120 Tonnen Cannabis produzieren, was dem Unternehmen zufolge 30 Prozent der gesamten Nachfrage in Deutschland entspräche.

Nach eigenen Angaben wäre die DAG damit „der größte Cannabis–Produzent in Europa“. Im ersten Jahr sollen 40 Tonnen Cannabisblüten verteilt auf 180.000 Pflanzen produziert werden. Beginnen soll der Anbau im ersten Quartal des Jahres 2024, gesteuert werden soll er durch „modernste KI–Technologien und Blockchain–basierte Systeme“. Nach DAG–Angaben wird der Standort „vollständig autark und nachhaltig bewirtschaftet“, da die für den Cannabis–Anbau benötigte Energie vor Ort durch eine installierte Photovoltaikanlage gewonnen werde.

Noch nicht einmal Anfragen sind bekannt

Trotz der fulminanten Größe des Vorhabens und des angeblich nahenden Produktionsbeginns hat bei den Behörden vor Ort bisher niemand etwas von dem Vorhaben gehört. Weder das Schweriner Wirtschaftsministerium noch der Landkreis Vorpommern–Greifswald haben Kenntnis von einem Kauf oder einer Verpachtung einer größeren Fläche zum Zwecke des Anbaus von Cannabis. Auf Kreisebene müssten bei einem solchen Projekt zahlreiche Genehmigungen erteilt werden, zum Beispiel baurechtlicher Natur oder durch die Gesundheitsbehörden.

Hier soll in 35 Hallen auf dem ehemaligen NVA-Gelände in Relzow bei Anklam Cannabis angebaut werden.
Hier soll in 35 Hallen auf dem ehemaligen NVA-Gelände in Relzow bei Anklam Cannabis angebaut werden. (Foto: DAG)

Diesbezüglich gab es nach Nordkurier–Informationen noch nicht einmal Anfragen. Auch auf Gemeinde–Ebene ist noch nichts passiert. Auch bei den örtlichen Bauämtern weiß man nichts über ein großangelegtes Cannabis–Projekt.

Gegenüber dem Nordkurier erklärte DAG–Gründer und Geschäftsführer Christian Tonn dies mit der momentan noch fehlenden gesetzlichen Grundlage: „Wir gehen erst dann auf die Behörden zu, wenn der rechtliche Rahmen für den Anbau geschaffen ist“, so Tonn. Dies könne noch einige Wochen dauern.

Gesetzesentwurf für Stufe zwei kommt nach Sommerpause

Derzeit bereitet die Ampel–Regierung die Legalisierung von Cannabis in einem Zwei–Stufen–Modell vor. In der ersten Stufe wurde Cannabis eingeschränkt entkriminalisiert, in der zweiten Stufe soll der kommerzielle Anbau und die Abgabe von Genusscannabis in lizensierten Fachgeschäften im Rahmen von Modellprojekten erfolgen. „Diese zweite Stufe ist für uns relevant, da soll es nach der Sommerpause einen Gesetzesentwurf geben“, sagte Tonn.

Bis dato habe die Finanzierung des Projektes und Sicherung des Standortes im Vordergrund gestanden. „Wir haben uns den Zugriff auf das Gelände Ende letzten Jahres durch eine Absichtserklärung gesichert“, so Tonn. Derzeit stehe noch nicht fest, ob die Fläche gepachtet oder gekauft werde. Besitzer ist das Murchiner Energietechnologie–Unternehmen Mewako. Dessen zweite Geschäftsführerin Tina Rüdenauer bestätigte gegenüber dem Nordkurier die Unterzeichnung einer solchen Absichtserklärung.

Aufgrund des fehlenden rechtlichen Rahmens und der damit verbundenen frühen Planungsphase des Projektes sind noch viele Fragen offen — was auch die Politik auf den Plan ruft. So will die AfD–Fraktion nach Nordkurier–Informationen das Vorhaben am Donnerstag in den Wirtschaftsausschuss des Schweriner Landtages einbringen, um die Hintergründe zu beleuchten. Eine Rolle dabei wird wohl auch der Verkauf eines sogenannten „Krypto–Tokens“ spielen, den die DAG plant.

Hochspekulative Anlage kann zu Totalverlust führen

Insgesamt soll es 180.000 dieser digitalen Vermögenswerte geben, ein Token soll 2.500 Euro kosten. Insgesamt wären durch den Verkauf der als „Deutscher Cannabis Token“ bezeichneten Kryptowährung also bis zu 450 Millionen Euro erzielbar. Pro Person können bis zu 40 Tokens erworben werden. Allerdings ist dabei wichtig zu wissen, dass es sich um eine hochspekulative Anlage handelt, die zu einem Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen kann.

„Die Finanzierung des Anbau–Projektes und der Token–Verkauf haben aber nichts miteinander zu tun“, sagte DAG–Chef Tonn dem Nordkurier. Die Finanzierungskosten für den Cannabis–Anbau lägen im zweistelligen Millionenbereich und seien vollständig durch eigene wirtschaftliche Unternehmungen gedeckt. Der Verkauf der Tokens soll einen anderen Zwecke erfüllen: „Wir wollen damit eine Community aufbauen“, sagte Tonn.

Jeder Token korrespondiert mit einer der 180.000 Cannabis–Pflanzen und berechtigt den Besitzer zu einem Teil der Erträge, die aus der der jeweiligen Pflanze gewonnen werden. Zudem haben Token–Besitzer Zutritt auf die Plantage oder zu besonderen Veranstaltungen. „Es gibt viele Tokens auf dem Markt, 25 Prozent oder mehr davon sind reine Luftblasen, weil sie keinen reellen Gegenwert haben“, sagte Tonn. „Das wird bei uns anders.“