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Gesundheit

Mangel auf Rezept: Was eine Apothekerin in Vorpommern bewegt

Anklam / Lesedauer: 3 min

Die Anklamer Adler–Apotheke gehört zu den ältesten der Region und engagiert sich trotz aller Widrigkeiten für die Patienten. Und dazu läuft auch viel im Hintergrund. 
Veröffentlicht:06.07.2023, 18:22

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Manchmal ist es schlimmer, als man denkt. Wenn zehn Patienten in der Anklamer Adler–Apotheke nahe des Bahnhofs auf 50 Quadratmetern Verkaufsfläche von drei Mitarbeitern bedient und beraten werden, bleiben die über 130 Quadratmeter im Backoffice (engl. hinteres Büro) und die Arbeit dort unsichtbar.

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Apotheke mit langer Geschichte 

Die Apotheke gehört zu den ältesten Apotheken im Nordosten. Sie wurde vor knapp 470 Jahren gegründet und befand sich bis zu ihrer Zerstörung im Krieg auf dem Markt der Hansestadt. Auf dem neuen Standort in Bahnhofsnähe wurde 1997 ein Ärztehaus mit Apotheke errichtet. Obwohl die Inhaberin Dr. Katharina Schmiedel hier tausende Arzneimittel in deutlich mehr Packungen bereithält, müssen die Mitarbeiter die Patienten immer wieder vertrösten. Der Grund:  Lieferengpässe oder defekte Arzneimittel, wie die Pharmazeutin nicht lieferbare Medikamente nennt. 

Lena Pohl überprüft in der Adler-Apotheke die Rezepte. Insgesamt werden die Scheine dreimal überprüft, bevor sie in die Abrechnung gehen.
Lena Pohl überprüft in der Adler-Apotheke die Rezepte. Insgesamt werden die Scheine dreimal überprüft, bevor sie in die Abrechnung gehen. (Foto: Matthias lanin)

Was geschieht hinter den Kulissen der Offizin, wie der Verkaufsraum heißt? Zwei Mitarbeiter von insgesamt zehn Angestellten fahren täglich durch den Landkreis und bringen Arznei–, Inkontinenz– und Pflegehilfsmittel zu den — vor allem älteren — Patienten in die entlegensten Dörfer der Region. Eine Mitarbeiterin ordnet die Medikamente den Abholscheinen zu, während ihre Kollegin die Rezepte kontrolliert, denn schon beim kleinsten Fehler retaxiert die Krankenkasse das Arzneimittel  — sprich, verweigert die Erstattung — und die Apotheke bleibt auf den Kosten sitzen. Eine weitere Mitarbeiterin räumt Packungen ins Lager und sortiert für die Auslieferungen vor.

Nur ein Mittel mit Penicillin lieferbar

Auch in der Rezeptur und im Labor sieht man geschäftiges Treiben, hier werden individuelle Salben, Cremes und Lösungen für die Patienten angefertigt. Im letzten Jahr wurden hier sogar Fiebersäfte für Kinder hergestellt, da diese nicht lieferbar waren.

Die Chefin selbst sitzt einmal mehr an ihrem Rechner und überprüft, welche Medikamente lieferbar sind. Jetzt gibt sie Penicillin ein. Von den 51 Produkten, die das Antibiotikum auf dem deutschen Markt enthalten, ist eines lieferbar. Ein Wunder! In Sekundenschnelle ordert die Anklamerin zehn Packungen.

Beim nächsten Blick auf die Listen zeigt sich, dass in der Liste nur noch rote Kreuze dafür stehen, dass nichts zu bekommen ist. Glück gehabt? „Manchmal fühle ich mich, als würde ich an der Börse arbeiten. Als wäre ich mehr Geschäftsfrau als in einem Heilberuf“, sagt Schmiedel, die in Greifswald studiert und am Institut für Zelltechnologie in Rostock promoviert hat.

Obwohl das Bedienen und Beraten von Kunden die Hauptaufgabe von Apothekern sein sollte, müssen die Mitarbeiter der Adler-Apotheke in Anklam immer mehr hinter den Kulissen arbeiten. Gründe sind Bürokratie, Arzneimittelknappheit und Kassen-Vorgaben.
Obwohl das Bedienen und Beraten von Kunden die Hauptaufgabe von Apothekern sein sollte, müssen die Mitarbeiter der Adler-Apotheke in Anklam immer mehr hinter den Kulissen arbeiten. Gründe sind Bürokratie, Arzneimittelknappheit und Kassen-Vorgaben. (Foto: Matthias Lanin)

Honorierung seit 20 Jahren kaum verändert

Die Apotheken–Inhaberin, Mutter von drei Kindern, arbeitet zu viel. Fast jeden der über 50 Notdienste im Jahr übernimmt sie selbst. Meistens schaut sie um 23 Uhr vorm Schlafengehen noch einmal in die Lieferlisten der Großhändler. Ein Vollzeitjob im wahrsten Sinn. Die 49–Jährige wird sauer, wenn sie auf die Umstände angesprochen wird, unter denen Apotheker heutzutage arbeiten. „Wenigstens hat sich das bei den Patienten schon herumgesprochen“, räumt sie ein. Wo vor einigen Jahren den Mitarbeitern noch Unverständnis, ja sogar Zorn, entgegenschlug, ist mittlerweile Mitgefühl, Resignation, aber auch Dankbarkeit zu spüren.

Die Honorierung hat sich seit ungefähr zwanzig Jahren kaum verändert, erklärt sie. Und das, obwohl die durchschnittliche Preiserhöhung in Deutschland, laut Statistischem Bundesamt, im gleichen Zeitraum 41 Prozent betrug. „Wie soll das weiter gehen?“, fragt die Vorpommerin. "Trotz aller Umstände machen wir unsere Arbeit mit Leidenschaft und setzen uns für unsere Patienten mit Herzblut ein.“