Bestandsaufnahme

Massive Waldschäden nach Sturmtief Nadia in Vorpommern

Lühmannsdorf / Lesedauer: 4 min

Die Beräumung ist ein Kampf gegen die Zeit. Die Revierleiter warnen Spaziergänger weiterhin vor Leichtsinn in den Wäldern.
Veröffentlicht:12.02.2022, 15:25

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  • Author ImageRalph Sommer
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Als am letzten Samstag im Januar Sturmtief Nadia in Norddeutschland wütete und in Teilen Vorpommerns über Stunden der Strom ausfiel, hatte sich Förster Frank Trodtfeld zu einem Kontrollgang durch sein Revier Buddenhagen bei Wolgast aufgemacht. „Es war lebensgefährlich“, erinnert er sich zurück. „Krachend fielen ringsum die Bäume und rissen weitere zu Boden.“

Bis zu 60.000 umgestürzte Bäume binnen 24 Stunden

Zehn Tage später ist das ganze Ausmaß der Schäden, die das Orkantief in den Wäldern anrichtete, sichtbar. Und es scheint klar: Wohl nirgendwo in Mecklenburg-Vorpommern wurden so viele Bäume abgeknickt und entwurzelt wie im vorpommerschen Forstamt Jägerhof. Allein in diesen insgesamt 18.000 Hektar großen Wäldern krachten in 24 Sturmstunden schätzungsweise 50.000 bis 60.000 Bäume zu Boden.

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„Das ist zwar keine ausgemachte Katastrophe wie nach dem Sturmtief Kyrill vor15 Jahren“, relativiert der Revierleiter. „Aber wir schätzen, dass allein in unserem Forstamt rund 50  000 Festmeter Schadholz anfallen, davon etwa 12  000 Festmeter in meinem Revier.“

Bei Spantekow Schneise durch den Wald gerissen

Der 60-Jährige, der seit 1987 für das Revier Buddenhagen verantwortlich ist, stapft über liegende Baumstämme, vorbei an einer umgerissenen Jagdkanzel zu einer Schneise, die der Sturm bei Spantekow in den Wald gerissen hat. Es ist ein Bild der Verwüstung – als habe sich eine riesige Maschine ungebremst ihren Weg durch den Wald gebahnt. Etwa 400 Meter tief hat der Sturm eine rund 80 Meter breite Wunde in den Fichtenbestand geschlagen – ein Kahlschlag, in dem so gut wie kein Baum mehr steht.

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Das Aufräumen werde wohl viele Wochen dauern, glaubt Trodtfeld. „Schwierig, weil es sich hier teilweise auch um mehrere kleine Parzellen Privatwald handelt und die Beräumung irgendwie auch mit den Eigentümer organisiert werden muss.“

Hoher Zeitdruck bei den Aufräumarbeiten

Dabei ist die Beräumung ein Kampf gegen die Zeit. „Spätestens bis Mai müssen wir geräumt haben, sonst drohen böse Folgeschäden“, sagt der erfahrene Förster. Vor allem der gefährliche Borkenkäfer könnte von dem Totholz profitieren, und eine riesige Nachkommenschaft produzieren, die sich dann über die gesunden Bäume hermache.

Das Forstamt verhandelt deshalb gegenwärtig mit Partnern, die zusätzliche Helfer und Technik bereitstellen könnten, vor allem die leistungsstarken Harvester. In der vergangenen Woche hat bereits eine Privatfirma mit einer solchen Holzvollerntemaschine viele umgestürzte und teilweise entwurzelte Bäume von den Waldwegen geräumt. Doch es ist noch jede Menge Holz zu bergen.

Chance auch für einheimische Holzsammler

Schätzungsweise 50  000 Festmeter Holz müssen jetzt aus den Wäldern des Forstamtes Jägerhof abtransportiert werden. Das entspricht in etwa 40 Prozent jener Menge, die normalerweise jährlich im Forstamt geschlagen wird, darunter überwiegend flachwurzelnde Fichten, die wegen ihrer Schnellwüchsigkeit auch als „Brotbaum“ der einheimischen Forstwirtschaft gelten. Das Holz gehe vertragsgemäß an die Papier- und Sägeindustrie, aber auch an Spanplattenhersteller, erläutert Trodtfeld.

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Auch die Einheimischen könnten jetzt profitieren, sagt der Förster. Wer über den Motorsägenschein und Sicherheitskleidung verfüge, der könne einen Holzschein beantragen, um Brennholz einzusammeln. Zum Preis von 10 Euro biete das Forstamt einen Raummeter Nadelholz an, der Raummeter Laubholz koste 15 Euro.

Sogar einen positiven Aspekt ausgemacht

Doch derzeit sei äußerste Vorsicht in den Wäldern geboten, weil bei dem immer wieder aufkommenden Wind weitere Bäume zu fallen drohen. „Wir warnen Spaziergänger dringend davon ab, die Waldwege zu verlassen.“ Auch wegen des sehr feuchten Waldbodens drohten viele schräg stehende Bäume noch nachzufallen und benachbarte mitzureißen.

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Trotz der Schäden hatte Sturmtief Nadia aber auch einen positiven Effekt: „Es hat uns gezeigt, wo die kranken Bäume stehen, die von dreijähriger Trockenheit, Pilz- und Insektenbefall betroffen sind“, erklärt der Revierleiter. Wie sich inzwischen abzeichnete, hätten viele der zu Fall gebrachten Bäume entweder ein krankes Wurzelwerk oder seien im Stamm hohl und von Ameisen befallen.