Flüchlingshilfe

So leben die ukrainischen Flüchtlinge in Anklam

Anklam / Lesedauer: 5 min

Nach der Flucht aus ihrer Heimat in der Ukraine haben die Rentnerin Margarit und Familienvater Sergej in Anklam ein neues und vor allem sicheres zu Hause gefunden.
Veröffentlicht:26.09.2022, 18:33
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Von:
  • Author ImageMareike Klinkenberg
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Ein Leben mitten im Krieg war für sie unvorstellbar. Seit Kriegsbeginn im Frühjahr kamen immer wieder Menschen aus der Ukraine auch nach Anklam, um hier Schutz vor den Militäraktionen und den Auswirkungen des Krieges zu suchen. Die meisten Geflüchteten haben sich inzwischen einen Alltag aufgebaut, lernen Deutsch und entdecken ihr neues Zuhause in Vorpommern.

Für Margit schon die zweite Flucht

Eine von ihnen ist die Margarit. Bis Kriegsbeginn war sie in der Großstadt Chmelnyzkyj im Westen der Ukraine daheim, nun lebt sie in einer kleinen Einraumwohnung in Anklam. Für die Rentnerin wiederholt sich die Geschichte von Krieg und Flucht schon zum zweiten Mal in ihrem Leben. In den 1990er Jahren war sie bereits aus ihrer armenischen Heimat in die Ukraine geflohen. Niemals hätte sie gedacht, dass sie noch einmal mit nur einem Koffer in der Hand alles hinter sich lassen muss. Vor allem die Trennung zu ihren vier erwachsenen Söhnen und den Enkelkindern schmerzt sie sehr. Sehr oft greift Margarit deshalb zu ihrem Handy, stöbert in den Erinnerungsfotos in dem digitalen Album, tauscht Nachrichten mit der Familie aus.

Nach ihrer Ankunft in Anklam war auch Margarit zunächst im ehemaligen Lehrlingswohnheim in der Pasewalker Straße untergekommen. Mittlerweile ist sie aber in ihre eigenen, kleinen vier Wände ganz in der Nähe der Gemeinschaftsunterkunft gezogen. Die Möbel stammen aus dem Sozialkaufhaus und auch ein wenig Geschirr hat sie dort für den Anfang gekauft. Was fehlt, will die 62-Jährige in den nächsten Wochen und Monaten nach und nach dazukaufen.

Mehrmals in der Woche besucht sie außerdem den freiwilligen Deutschkurs bei der Caritas. Die ehemalige Lehrerin möchte so schnell wie möglich ihre Sprachkenntnisse verbessern. Wenn ihr Deutsch gut genug ist, würde sie sich gern noch etwas zur Rente dazuverdienen, als Näherin oder als Haushaltshilfe vielleicht. Margarit ist von der Offenheit und der Hilfsbereitschaft, mit der die Anklamer ihr bislang begegnet sind, ganz begeistert. „Man erkennt die Menschen daran, was sie tun”, sagt sie und bedankt sich für all die Unterstützung, die ihr und allen anderen Geflüchteten in den letzten Monaten entgegengebracht wurde.

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Das Wichtigste ist die Sicherheit

Der Ukrainer Sergej ist seit Juni mit seiner Frau, ihren beiden Kindern und dem Familienhund Terry in Anklam. Bislang warten sie noch darauf in eine eigene Wohnung zu ziehen, doch in dem großen Zimmer, dass sie gemeinsam in der Unterkunft bewohnen, finden sie gemütlich und praktisch. Dass sie momentan noch in einer Gemeinschaftsküche kochen, zusammen mit anderen Geflüchteten die sanitären Einrichtungen und die Waschküche nutzen müssen, stört sie nach eigener Aussage nicht. „Wir haben alles, was wir brauchen”, erklärt Sergej bei einem Rundgang durch das Haus. Das Wichtigste ist für ihn, dass sie alle in Sicherheit sind.

Der 40-Jährige stammt aus der Region Luhansk und ist mit seiner Familie im Frühsommer über Russland aus der Ukraine ausgereist. Auch ihm ist es wichtig, die deutsche Sprache zu erlernen. Beim Jobcenter und in den Behörden sind momentan überall Übersetzer, aber schon beim Arzt für die Kinder oder beim Tierarzt sieht es ganz anders aus, berichtet er. „Ich will ein Vorbild für meine Kinder sein”, sagt Sergej. Bisher hat er sein Geld als Schweißer verdient, aber er könne sich auch vorstellen als Bus- oder LKW-Fahrer zu arbeiten.

Sergej und auch Margarit haben sich weder den Krieg noch Anklam als Zufluchtsort ausgesucht, dennoch können sie sich beide ein Leben hier in Vorpommern vorstellen, auch wenn in der Ukraine irgendwann Frieden herrschen sollte, würden sie gern bleiben. Margarit, deren Leben durch Flucht und Vertreibung geprägt war, will endgültig an einem Ort ankommen und sich zu Hause fühlen, am liebsten hätte sie dafür noch einen oder gleich alle ihre Söhne in der Nähe. Vielleicht gibt es auch noch eine neue Liebe hier für sie. Sergej wünscht sich vor allem, dass seine Kinder in einer friedlichen Umgebung und in Sicherheit aufwachsen, deshalb will er sich schnellstmöglich eine Arbeit suchen und ein neues Leben für sie alle aufbauen.

Wie viele andere Geflüchtete war für die beiden das Caritas-Regionalzentrum Anklam ein erster und wichtiger Anlaufpunkt. Dort finden momentan nicht nur die für sie so essenziellen Sprachkurse statt, sondern auch in vielen anderen Alltagssituationen wird hier Hilfe angeboten. Zuletzt waren aber auch die Helfer selbst auf der Sucher nach Unterstützung. So wird Nachschub für den Umsonstladen gesucht, sowie Freiwillige, die die Deutschkurse mitgestalten oder als Übersetzer einspringen können. Interessierte können auch weiterhin bei der Anklamer Caritas unter der Telefonnummer 03971 20350 melden.