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Vorpommersche Landesbühne

Theater auf Usedom und in Vorpommern – neue Stücke, alte Sorgen und Trauer

Anklam / Lesedauer: 4 min

Spät und kurz ist die Spielzeitpause bei der Vorpommerschen Landesbühne. Der Saisonausblick vereint Premierenpläne, wirtschaftliche Sorgen und die Trauer um einen ganz Großen.
Veröffentlicht:16.09.2023, 07:07

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Kaum ist das Fest der Peenefischer verklungen, wird fast schon wieder der Bass gestimmt. Nur kurz ist bis zur Wiederkehr mit dem Kult-Monolog „Der Kontrabass“ die Spielzeitpause an der Vorpommerschen Landesbühne, die wiederum das üppigste Sommertheater im ganzen Land bietet: mit Open-Air-Inszenierungen in Zinnowitz auf Usedom, Wolgast und Barth sowie schließlich noch dem einwöchigen Freilicht–Finale „zu Hause“ in Anklam.

Tod des langjährigen Intendanten Wolfgang Bordel

Die Rückschau fällt trotz eines oft regnerischen Sommers versöhnlich aus: Die Vineta-Festspiele in Zinnowitz hatten mit rund 13.000 Zuschauern nahezu die Zahl des Vorjahres erreicht, das „Sonnenallee“-Vergnügen in Wolgast mit 9000 gar den Wert von 2022 knapp übertroffen.

Insgesamt wurden an allen Spielstätten inklusive des Chapeau Rouge in Heringsdorf in der zurückliegenden Saison 55.000 Besucher verzeichnet, berichtet Anna Engel. Seit zwei Jahren leitet die junge Frau als Geschäftsführende Dramaturgin gemeinsam mit Andreas Flick als Kaufmännischer Geschäftsführer die Geschicke der Vorpommerschen Landesbühne. Nach dem Start noch unter misslichen Corona-Einschränkungen kann das Duo nun auf seine erste „normale“ Spielzeit zurückblicken; allerdings überschattet durch den Tod des langjährigen Landesbühne-Intendanten Wolfgang Bordel, der im vergangenen Herbst Wegbegleiter und Publikum schockierte.

Immer mehr spontaner Kartenkauf

Die Corona-Scheu immerhin haben die meisten Besucher inzwischen abgelegt, stellt Anna Engel fest. Dennoch verzeichne die Landesbühne wie viele Kulturveranstalter zunehmend spontanere Entscheidungen statt längerfristigen Kartenkaufs. Mit der Resonanz aufs Repertoire indessen sind die Theatermacher ganz zufrieden – zumal sie mit den Inszenierungen auch auf aktuelle politische Entwicklungen zu reagieren versuchten. „Das sollten Theater auch kritisch tun“, findet Anna Engel, die auch für die neue Saison an einen gesunden Mix von ehrgeizigen und leichten Stoffen anknüpfen will.

Mit dem Solo-Stück „Der Kontrabass“ mit Felix Neander beginnt am 3. Oktober die neue Spielzeit der Vorpommerschen Landesbühne.
Mit dem Solo-Stück „Der Kontrabass“ mit Felix Neander beginnt am 3. Oktober die neue Spielzeit der Vorpommerschen Landesbühne. (Foto: Susanne Schulz)

Noch im Herbst soll zum Beispiel die Komödie „Ladies' Night“ Premiere haben, in der sechs arbeitslose Männer mit einer eigenen Stripshow ihre Misere bekämpfen wollen. Für Kinder und Familien kommen „An der Arche um acht“ und „Pinocchio“ neu ins Repertoire, zu Silvester sind neue Inszenierungen der Amateurensembles in Anklam und Barth geplant. Im nächsten Jahr folgen – neben den sommerlichen Open-Airs, wobei für die Vineta-Festspiele sogar schon der Titel „Klang der Tiefe“ feststeht – weitere vier Premieren; darunter ein Krimi, der noch auf eine Bordel–Idee zurückgehe, und die Abschlussinszenierung des 3. Studienjahres an der Theaterakademie Vorpommern. 

Preisentwicklung der „absolut Horror“

Aus der vergangenen Saison übernommen werden zudem Stücke wie eben „Der Kontrabass“, „Jugend ohne Gott“, das Kabarett „Überall ist besser als nichts“ sowie „Hase Hase“ und „Frau Müller muss weg“; die letzteren in veränderter Besetzung, weil mitwirkende Studenten ihre Ausbildung beendet haben. Ein neuer Jahrgang wird im Oktober das Studium in Zinnowitz aufnehmen. In gewohnter Stärke von etwa einem Dutzend Eleven – wenngleich die Bewerberzahlen kleiner werden, wie Anna Engel, die auch Schulleiterin der Akademie ist, feststellt. Umso mehr freut es sie, dass die Vorpommersche Landesbühne ihre Ausbildungsplätze für künftige Veranstaltungskaufleute und Veranstaltungstechniker sowie in der Theatertischlerei und -schneiderei komplett besetzen konnte. 

Schwer wiegen wiederum die finanziellen Sorgen. Die allgegenwärtige Preisentwicklung sei „der Horror“, sagt die Geschäftsführerin. Seien die Energiekosten noch halbwegs hinzukriegen, verheißen die erwarteten Lohnsteigerungen immense Probleme. Denn natürlich wolle das Theater gegenüber größeren Häusern wettbewerbsfähig sein und seine Belegschaft gerecht entlohnen.

„Wir brauchen Ideen, wie wir das zukunftsfähig regeln können“

Kopfzerbrechen bereite dabei auch die Arbeitsbelastung angesichts des weitläufigen Einzugsbereichs mit zahlreichen Spielstätten – ganzjährig in Anklam, Zinnowitz und Barth, im Sommer zuzüglich Wolgast und Heringsdorf – sowie entsprechenden Fahrstrecken. „Wir wollen nichts davon aufgeben, aber wir brauchen Ideen, wie wir das zukunftsfähig regeln können“, sagt Anna Engel. 

Der „Theaterpakt“, um den Mecklenburg-Vorpommern teils beneidet werde, könne mit einer jährlichen Dynamisierung der Landesmittel um 2,5 Prozent nur Tropfen auf einen heißen Stein beisteuern. „2018/19 war das super. Aber damals hat keiner mit dem gerechnet, was 2022/23 passierte“, merkt die Anklamer Theaterleiterin an. Um diese Situation zu bewältigen, müsse über den Theaterpakt hinaus Unterstützung entwickelt werden. Zumal die Landesbühne auch für die dringend notwendige Sanierung ihrer Gebäude in Anklam und Barth um Fördermittel ringt. Auch dafür sei, wie es Anna Engel poetisch ausdrückt, „der goldene Topf am Ende des Regenbogens noch nicht gefunden“.

In die neue Spielzeit starten wird die Vorpommersche Landesbühne am 3. Oktober mit dem Solostück „Der Kontrabass“ in der Blechbüchse Zinnowitz. Die nächsten Premieren sind „Ladies' Night“ am 11. November, „Pinocchio“ am 19. November und „An der Arche um acht“ am 3. Dezember.