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Würdigung

Mehr Zeit fürs Stricken, auch wenn sie's erst lernen muss

Anklam / Lesedauer: 4 min

„Trugbilder“ heißt ihr Buch über die Legenden um Vineta. Immer einen wachen Blick fürs Besondere hingegen brauchte Martina Krüger als Medien–Mittlerin für zahlreiche Kulturveranstalter. Wenn sie sich jetzt aus dem Beruf zurückzieht, hat sie ebenfalls sehr klare Pläne vor Augen.
Veröffentlicht:26.04.2023, 08:00

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Langeweile kennt sie nicht. Das wird sich auch nicht ändern, wenn Martina Krüger dieser Tage Abschied nimmt von einem Berufsleben, in dem sie viele Jahre lang jede Menge Kultur unter die Leute brachte: Die Vorpommersche Landesbühne mit ihrem halben Dutzend Spielstätten, Filmfestivals in Neubrandenburg und Schwerin oder die Kammeroper Schloss Rheinsberg sind die im Nordosten bekanntesten all jener Projekte, bei denen die Journalistin als Mittlerin zwischen Machern, Medien und Publikum fungierte.

Agentur gemeinsam mit Studienfreundin gegründet

Ein Medienbüro für Kulturveranstalter: „So etwas war neu im Osten“, blickt sie zurück auf den Beginn ihrer Selbstständigkeit vor gut 30 Jahren, als überhaupt die hiesige Kulturbranche sich „neu erfinden“ musste. Musiksommer in MV, Telemann–Festtage in Magdeburg, Bachwochen in Thüringen gehörten zu den ersten Auftraggebern der gemeinsam mit einer Studienfreundin gegründeten Agentur. „Viele fingen wie wir damals neu an“, erzählt Martina Krüger von einer Lust auf Aufbruch, die sie seither nie losließ.

Permanent auf Achse zu sein zwischen dem Zuhause im vorpommerschen Schmatzin, der Wohnung in Berlin und den verschiedenen Arbeitsorten, habe sich dadurch einfach so ergeben: „Und das brauche ich auch, das macht meinen Beruf aus“, sagt die gebürtige Anhaltinerin, die eigentlich Sportreporterin hatte werden wollen, geprägt durch ihre Jahre als Schwimmerin an der Sportschule. Dass während der ersten Berufsjahre bei der DDR–Zeitung „Neues Deutschland“ stattdessen Kultur gefragt war, zahlte sich aus: bei der Nachwende–Zusammenarbeit mit westlichen Medien, die an ihrer Ostkompetenz und der Ost–Prominenz in ihrem Telefonbuch interessiert waren, ebenso wie dann bei der Entwicklung sommerlicher Gastspielreihen auf Usedom, für die sie auf gute Kontakte zurückgreifen konnte.

Eigenes Buch als Herzensprojekt

Ihr „zweites“ Berufsleben freischaffend gestaltet zu haben, findet Krüger noch heute beglückend, wenn sie auf die große Vielfalt blickt, in der sie sich beweisen konnte, bis hin zu Fernsehsendungen etwa über die Günther Fischer Band oder Polizeiseelsorger Andreas Schorlemmer, den sie auch bei dessen Buch „Manchmal hilft nur Schweigen“ unterstützte. Ein Herzensprojekt wurde zudem ihr eigenes Buch „Vineta — Trugbilder“: Unterhaltsam erkundete sie darin Mythen und Literatur rund um die versunkene Stadt, der ja schließlich auch das erfolgreichste Sommerspektakel der Vorpommerschen Landesbühne gewidmet ist.

Dass dieses Theater von Anklam aus mit immer neuen Ideen den äußersten Nordosten zwischen Heringsdorf, Zinnowitz, Wolgast und Barth belebt, war manchmal Fluch und Segen zugleich für die Öffentlichkeitsarbeit. Wie oft beantwortete sie den Seufzer: „Wir haben doch gerade erst über euch berichtet“ mit nimmermüder Überredungskunst: „Aber dies ist schon wieder ein anderes Projekt!“

Kein Wunder, dass die viele Jahre lang von ihrem Mann Wolfgang Bordel geleitete und geprägte Landesbühne einen zentralen Platz in ihrer Arbeit einnahm. Als „Frau des Chefs“ aber habe sie sich nie gefühlt, betont die umtriebige Journalistin, die sich auf so vielen „Hochzeiten“ tummelte und, um Neues kennenzulernen, auch mal für Seniorenheime arbeitete und über Handwerksbetriebe schrieb.

Plötzlicher Verlust des langjährigen Partners

Unerschöpflich ihr Ehrgeiz, Medien und Publikum auf immer neue interessante Aspekte, auf das jeweils Besondere kultureller Angebote aufmerksam zu machen. Auch mit signalstarken Bildern, wie etwa dem jährlichen Ensemblefoto vorm Theaterzelt Chapeau Rouge in Heringsdorf. Als sie vor einem Jahr beschloss, damit ihre letzte Saison als „Pressetante“ einzuläuten, „kamen mir doch die Tränen“, gibt sie zu. Wolfgang Bordel, der sich nach einem schweren Unfall gerade allmählich zu erholen schien und dessen plötzlicher Tod im Herbst eine gewaltige Lücke in ihr Leben riss, hatte ihr da weder zu– noch abgeraten — wohl wissend, dass ihr in diese Entscheidung niemand hineinreden könne.

Es sei der richtige Zeitpunkt zum Aufhören, findet die 67–Jährige, die sich für das Danach einiges vorgenommen hat. Zu Hause Bestände sichten, aus denen etwas entstehen könnte, um Bordels Leben und Wirken zu würdigen. Nach Schottland reisen, um ihr Englisch zu verbessern, und dort auf einer Terrasse zu sitzen mit ’nem Whisky, ’nem Schaf und Strickzeug. Stricken? „Muss ich lernen, genau wie Englisch“, kündigt sie an.

Martina Krüger hat nun Zeit für neue Leidenschaften und Herausforderungen.
Martina Krüger hat nun Zeit für neue Leidenschaften und Herausforderungen. (Foto: Susanne Schulz)

Ebenso wie vor 30 Jahren fühlt sie sich „jung genug, um was Neues anzufangen“. Nach bewegten Jahren in einem Beruf, der sich „nie wie Arbeit anfühlte, weil er solchen Spaß machte“, kann sie mit der Floskel vom „wohlverdienten Ruhestand“ so gar nichts anfangen. Sie hält es eher mit dem beliebten TV–Inspektor Barnaby und seiner Ankündigung, er gehe „in die Ferien, und die Ferien werden nicht enden“.