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Wie Weltenbummler Ronny mit einem Hansa-Trikot in Kanada neue Freunde fand

Jarmen / Lesedauer: 6 min

Über 50 Länder auf fünf Kontinenten, doch Vorpommern und sein Elternhaus in Jarmen hat Auswanderer Ronny Pahl nie vergessen. Beim Besuch erzählte er vom Leben in Kanada. 
Veröffentlicht:20.07.2023, 18:12

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Dass Ronny Pahl seit Kindertagen ein großer Schalke–Fan ist und die Auswanderung daran nichts änderte, daraus hat der 41–Jährige aus Jarmen (Landkries Vorpommern–Greifswald) nie ein Hehl gemacht. Sich deshalb unter anderem immer wieder ein neues Trikot gekauft beziehungsweise besorgen lassen. Doch ausgerechnet bei seinen Besuchen in der alten Heimat gab es meist wenig zu lachen für die Anhänger der Reviermannschaft aus Gelsenkirchen. „Ich sage immer, Schalke passt zu meiner Natur — ein Leben lang leiden“, kommentiere Ronny Pahl das mal schmunzelnd im Nordkurier–Interview. Aber dieses Mal war das Ganze sogar echt zum Heulen.

Nach Kanada ausgewandert, Schalke treu geblieben

Schließlich mussten sich die Knappen nach ihrem einjährigen Gastspiel in der 2. Liga 2021/22 und dem unmittelbaren Wiederaufstieg erneut aus dem deutschen Fußball–Oberhaus verabschieden. „Das war leider verdient nach dem Gegurke in der Hinrunde“, lautet die Einschätzung des Wahlkanadiers. Zwar würden ihm die Derbys fehlen gegen Borussia Dortmund. Aber eigentlich sei jetzt die zweite Liga für ihn die spannendere. Gebe es dort immerhin weitere zahlreiche interessante Traditionsmannschaften wie etwa den HSV und Karlsruhe, vor allem aber Hansa Rostock.

Wenn Fußball und Rostock in Kanada für eine Verbindung sorgen: Auswanderer Ronny Pahl (links) und Adam Straith in dessen Bekleidungsgeschäft in Victoria. Der Hansa-Fan und der ehemalige Hansa-Spieler erinnern sich gerne an Mecklenburg-Vorpommern.
Wenn Fußball und Rostock in Kanada für eine Verbindung sorgen: Auswanderer Ronny Pahl (links) und Adam Straith in dessen Bekleidungsgeschäft in Victoria. Der Hansa-Fan und der ehemalige Hansa-Spieler erinnern sich gerne an Mecklenburg-Vorpommern. (Foto: Privat)

Hansa und Schalke stets genau im Blick

Auch mit den Küstenkickern verbindet den gebürtigen Vorpommer seit Langem eine Sympathie, bei seinen Touren durch den Nordosten Deutschlands erstaunt ihn immer wieder aufs Neue, wo überall die Fans der Kogge ihre Graffiti hinterlassen. Er verfolgt von jenseits des Ozeans genau, wie die Rostocker sich jede Saison schlagen, ebenso wie beim Greifswalder FC, seiner alten Heimmannschaft. Mit Hansa und speziell einem Trikot der Mannschaft hat er indes auf Vancouver Island sogar neue Freunde gefunden.

Denn so gekleidet, kreuzte er 2020 ganz gezielt in einem alten englischen Bekleidungsgeschäft der Inselhauptstadt Victoria auf, seit mehr als hundert Jahren in Besitz der Familie Straith. Der Eigentümer sei bei seinem Anblick aus allen Wolken gefallen. Schließlich erkannte er die Vereinsfarben sofort, weil sein Sohn Adam damals für die Ostseestädter kickte.

Mit Hansa–Kicker in Kanada verabredet

Der Junior kam bereits 2008 als 18–Jähriger zum Fußballspielen nach Europa, wurde beispielsweise bei Energie Cottbus und dem FC Saarbrücken verpflichtet. In Rostock gab Adam Straith  unter Trainer Jens Härtel am 1. Spieltag der 3. Fußball–Liga 2019/20 sein Startelf–Debüt. Und wie der Zufall es so wollte, rief der Kanadier ausgerechnet per Skype aus Deutschland bei seinem Vater an, als der deutsche Auswanderer dort im Laden stand. „Wir haben uns dann gleich verabredet — in Kanada.“ Weil der Spieler bereits im September 2021 aus familiären Gründen seinen Kontrakt wieder auflöste, dauerte es bis dahin gar nicht so lange wie gedacht. 

Der Sohn kehrte nämlich nach British Columbia zurück, weil sein Vater schwer erkrankt war, erzählt Ronny, inzwischen sei der Senior leider verstorben. „Adam hat jetzt das Geschäft übernommen. Fast immer, wenn ich in Victoria bin, besuche ich ihn und wir trinken ein Bier. Das ist wirklich ein netter Typ.“ So manches Mal würden sie dann beide von Mecklenburg–Vorpommern und der Ostsee schwärmen. „Er hat sich dort sehr wohl gefühlt, sagt, es war ein Traum für ihn, da zu spielen.“

Vom guten Ruf des deutschen Fußballs nichts übrig

Ausgeträumt hat der einstige Jarmener inzwischen allerdings seinen Glauben an die deutsche Nationalmannschaft. Dabei gilt er bei seinen kanadischen Landsleuten eigentlich als Hardcore–Fan, lief insbesondere während der WM 2014 zur Hochform auf: Seinen Balkon zierten gleich drei deutsche Flaggen, und er selbst bestand von Kopf bis Fuß auch nur noch aus unseren Nationalfarben — inklusive Perücke, Gesichtsbemalung und einer Fahne als Rock. Sogar auf Arbeit tauchte er derart geschmückt auf.

Dass Jogis Truppe ausgerechnet Brasilien zu Hause 7:1 abfertigte und dann Argentinien im Finale niederrang, überraschte ihn durchaus. Schließlich war er zwei Jahre zuvor in beiden Ländern und lernte da deren Fußball–Verrücktheit kennen. Vom guten Ruf der Kicker aus der Bundesrepublik, der ihn hinterher bis in die abgelegensten Gebiete Nordafrikas begleitete, scheint momentan indes nichts mehr übrig, im Gegenteil. 

So erlebten die Kanadier den Vorpommern in seiner nordamerikanischen Wahlheimat häufiger, wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielte. Doch momentan macht das Team auch Ronny Pahl wenig Freude.
So erlebten die Kanadier den Vorpommern in seiner nordamerikanischen Wahlheimat häufiger, wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielte. Doch momentan macht das Team auch Ronny Pahl wenig Freude. (Foto: privat)

Ernüchterung und Spott

Ronny vermutete hinter dem erstmaligen Vorrunden–Aus bei einer WM 2018 in Russland — durch eine Niederlage gegen Südkorea — noch einen einmaligen Ausrutscher, ertrug deshalb stoisch die vor ihm extra mit südkoreanischen Flaggen aufkreuzenden Kollegen. Doch mit der Niederlage im Achtelfinale gegen England bei der EURO im Jahr 2021 folgte die nächste mächtige Ernüchterung.

Und der schwache, erfolglose Auftritt bei der WM 2022 in Katar setzte dem Ganzen noch die Krone auf — auch des Spotts. Schließlich verspielten die Deutschen ihre Chance auf die Endrundenteilnahme im Prinzip schon im ersten Match, ausgerechnet gegen Japan (1:2). „Ich habe einen japanischen Kollegen. Was meinst Du, was ich da einstecken musste hinterher. 'Ihr könnt ja nicht mal mehr Fußball spielen', hat der gesagt.“

Beim Eishockey ganz klar Kanada–Fan

Er erwarte ja gar nicht den Titel, aber zumindest Können und Kampf wolle er von der Nationalmannschaft auf dem Rasen sehen. „Ich habe das Gefühl, unsere sind zu satt, die wollen keine Extra–Kilometer mehr gehen. Ihre Autos, Kleidung und Frisuren scheinen wichtiger zu sein“, urteilt Ronny. Wohl wissend, wie die Vertreter anderer Länder „brennen“ und sich aufopfern, wenn sie unter ihrer Flagge auflaufen dürfen. Und erinnert dabei nochmals an seine Erlebnisse in den Stadien Südamerikas. „Die fressen sich schon beim Training auf, als wenn es um ihr Leben geht.“

Eine Einstellung, die er übrigens auch aus Kanada kenne — jedenfalls beim Eishockey, dem Nationalsport Nummer eins. Bei dem, das gibt der 41–Jährige zu, hält er seit jeher zu seiner Wahlheimat. Sogar bei der WM jüngst in Finnland und Lettland, bei der es die Bundesrepublik erstmals seit 70 Jahren wieder ins Finale schaffte — ausgerechnet gegen den Rekord–Champion mit dem Ahornblatt auf den Trikots. „Da haben schon zwei Herzen in meiner Brust geschlagen. Aber es war klar, dass Kanada gewinnt. Die waren nur mit der dritten Mannschaft da, sonst hätten 'wir' gar keine Chance gehabt. Denn im Vergleich dazu spielen die Deutschen eher Eishockey wie im Gefrierfach.“