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Gesundheit

Adipositas-Lotsin will übergewichtigen Menschen helfen

Berlin / Lesedauer: 3 min

Sie weiß, wie sich starkes Übergewicht anfühlt und hat deshalb einen leichteren Zugang zu Patienten ‐ so die Hoffnung von Ärzten: Gabriele Haase ist Adipositas-Lotsin und besucht Menschen am Krankenbett, die bereits mit Folgeerkrankungen kämpfen.
Veröffentlicht:02.10.2023, 06:22

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Sie hat 100 Kilogramm verloren und will nun anderen Menschen beim Abnehmen helfen: Gabriele Haase ist Adipositas-Lotsin bei Vivantes: „Ich kann die Menschen beraten, sich im Dschungel der Bürokratie und Therapieoptionen zurechtzufinden“, sagt die 58-Jährige. „Viele Menschen liegen mit Adipositas-Folgeerkrankungen wie etwa Herz- oder Gelenkerkrankungen in der Klinik und oft ist ihnen das gar nicht bewusst“, sagt die Lotsin. Sie kontaktiert Patienten, die als adipös gelten und versucht mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

In Krankenhäusern gibt es bereits verschiedene Arten von Lotsen ‐ Babylotsen, Kardiolotsen oder Onkolotsen ‐ Mittler zwischen Ärzten und Patienten. Seit Mai ist Haase im Vivantes-Klinikum Berlin-Friedrichshain unterwegs und nun auch im Medizinischen Versorgungszentrum Wedding. Jürgen Ordemann, Chefarzt am Zentrum für Adipositas und metabolische Chirurgie am Vivantes Klinikum Spandau, hat sie ins Boot geholt. „Sie macht Mut und sie ist Vorbild. Sie kann den Patientinnen und Patienten zeigen, dass es immer Möglichkeiten gibt, aus der Erkrankung herauszukommen“, sagt der Arzt.

In Deutschland gilt etwa ein Viertel der Erwachsenen als stark übergewichtig. Die Betroffenen erfahren häufig zu spät und nicht ausreichend Hilfe, kritisieren Experten und Selbsthilfe-Gruppen. Ob beispielsweise Kosten für eine Ernährungsberatung oder eine Bewegungstherapie übernommen werden, hänge von der individuellen Zustimmung der Krankenkasse ab, betont etwa der Politische Geschäftsführer der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Oliver Huizinga. Niedrigschwellige Programme zur Adipositastherapie seien vielerorts kaum verfügbar.

Bei den Gesprächen mit der Lotsin gehe es nicht um eine medizinische Beratung, sondern vielmehr um Hilfe zur Selbsthilfe, sagt Ordemann. Durch ihre Vorgeschichte habe Gabriele Haase einen guten Zugang zu Patienten. „Sie ist selbst eine operierte Patientin, die gesünder, mobiler und tatkräftiger geworden ist und das Leben wieder in die eigene Hand nehmen und gestalten kann“, betont der Arzt. „Durch ihr Übergewicht stand sie schon am Ende ihres Lebens und hat nun ein neues Leben“, sagt der Professor, der Haase 2014 operiert hat.

Vor der Magenbypass-Operation wog sie 155 Kilo bei einer Körpergröße von 1,65 Meter. „Ich hatte Bluthochdruck, brauchte einen Rollator und habe zwei Knieprothesen“, erzählt die Frührentnerin. Ihr Magen wurde verkleinert und weiter unten in den Darm geleitet, damit dieser die Nahrung nur noch teilweise verwerten kann. Den Rollator benötigt sie nun nicht mehr, die Prothesen sind geblieben.

Wie erfolgreich ihre Arbeit ist, lasse sich nicht beziffern, sagt Haase. „Aber mein Terminkalender ist voll.“ Allerdings wolle auch nicht jeder Patient über sein Übergewicht sprechen. „Manche sind total ablehnend“, sagt die Lotsin. Andere Patienten wiederum seien sehr offen für ihr Angebot. „Als Betroffene komme ich mit den Patienten leichter ins Gespräch“, sagt Haase. Vorher-Nachher-Fotos von sich selbst seien oft der Türöffner. Sie kann nicht nur aus eigener Erfahrung berichten. Seit Jahren leitet Gabriele Haase auch Selbsthilfegruppen für Menschen, die eine Magen-OP hinter sich haben.

„Wenn Menschen mit Adipositas sensibel angesprochen werden, kann dies Betroffene darin unterstützen, Hilfsangebote zur Gewichtsreduktion zu finden, die zur individuellen Situation passen“, sagt auch Oliver Huizinga.

Aus Sicht Ordemanns ist die Arbeit der Lotsin schon jetzt ein Erfolg. Viele Rückmeldungen von Patienten seien positiv. Er wünscht sich für die Zukunft ein ganzes Netzwerk an Adipositas-Lotsen in allen Häusern des landeseigenen Konzerns.