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Neuer Mitglieder-Tiefpunkt für Kirchen durch Austritte und Corona

Neubrandenburg / Lesedauer: 7 min

Was in Ostdeutschland schon länger gilt: Evangelische und katholische Kirchenmitglieder sind bundesweit in der Minderheit – vor allem wegen Austritten und Corona.
Veröffentlicht:14.04.2022, 12:39

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Erstmals gehören mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland weder der evangelischen noch der katholischen Kirche an. Der Trend dürfte im Nordosten Deutschlands nicht wirklich überraschen: Lag allein in Mecklenburg-Vorpommern der Anteil von evangelischen und katholischen Mitgliedern in der Bevölkerung bereits vor über einem Jahr bei 17,6 Prozent. Nur in Brandenburg (17,5 Prozent) und Sachsen-Anhalt mit 14,7 Prozent lebten weniger Mitglieder der großen christlichen Kirchen. In den ostdeutschen Bundesländern hat Thüringen mit knapp 27 Prozent noch die meisten Kirchenmitglieder.

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Im Osten hat es die Kirche noch schwerer

Das erklärt sich auch durch die – auch staatliche stark geförderten – Kirchenaustritte in der ehemaligen DDR: Dort sank die Mitgliederzahl der Evangelischen Kirche zwischen 1950 und 1989 von fast 15 Millionen auf 4 Millionen, die der Katholiken halbierte sich auf etwa eine Million.

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Zu den Bundesländern, in denen mehr als die Hälfte noch Mitglieder der evangelischen oder katholischen Kirche sind, gehören das Saarland (über 70 Prozent), Rheinland-Pfalz (rund 64 Prozent), Bayern (über 63 Prozent), Nordrhein-Westfalen (rund 59 Prozent), Baden-Württemberg (58 Prozent), Niedersachsen (57 Prozent) und noch knapp Hessen (über 52 Prozent).

Unter 50 Prozent in der Bevölkerung sind es in Schleswig-Holstein (rund 48 Prozent), Bremen (40 Prozent) und Hamburg (33 Prozent).

Zahlreiche Austritte und Verstorbene – auch durch Corona

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte Anfang März ihre Mitgliederzahlen für das Jahr 2021 veröffentlicht. Demnach gehörten zum Ende des Jahres insgesamt 19,7 Millionen Menschen noch einer der 20 Gliedkirchen der EKD an – rund 2,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Ursachen sieht die EKD für den Rückgang auch die im Corona-Jahr erhöhten Sterbefälle von 360.000 (im Vorjahr: 257.000) sowie die hohe Zahl der 280.000 Kirchenaustritte – im Jahr davor waren es noch 220.000.

Neben einem „Aussterben” der Kirchenmitglieder gibt es auch zahlreiche Austritte in beiden Kirchen. Nicht alle Austritte seien politisch motiviert, sagt Robert Stephanus, Vorsitzender des überkonfessionellen Vereins REMID (Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst). Die Motive reichten vom Einsparen der Kirchensteuer bis zu Protest gegen die Amtskirche und ihren Umgang mit Missbrauchsfällen in den eigenen Reihen.

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Doch trotz vermehrter Kirchenaustritte in jüngster Zeit waren vor gut einem Jahr noch immer 51 Prozent der deutschen Bevölkerung römisch-katholisch oder evangelisch. Doch jetzt – im Frühjahr 2022 – befindet sich in Deutschland erstmals seit Jahrhunderten keine Mehrheit der Menschen mehr im Schoß der beiden großen Kirchen.

„Es ist eine historische Zäsur, da es im Ganzen gesehen, seit Jahrhunderten das erste Mal in Deutschland nicht mehr „normal“ ist, Kirchenmitglied zu sein“, sagt der Berliner Sozialwissenschaftler Carsten Frerk von der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid), die von der religionskritischen und humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung ins Leben gerufen worden ist.

„Evangelisch oder katholisch?“ – das ist lange Zeit eine Gretchenfrage in Deutschland gewesen und meinte sehr unterschiedliche Lebenswelten. Kommunion oder Konfirmation und eine kirchliche Hochzeit gehörten zum Leben der meisten, wobei sogenannte Mischehen (also gemischtkonfessionelle Ehen) früher vielen als Frevel galten. Freizeitaktivitäten in Kirchengemeinden waren für Generationen Teil des Alltags. Das hat sich längst geändert.

„Früher haben die Kirchen in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hineingewirkt“, sagt der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Uni Münster. In den 50er Jahren seien sie im Alltag der Menschen präsent gewesen, bestimmten die allgemein akzeptierten Familien-, Moral- und Wertvorstellungen und stabilisierten die neu entstehende politische Ordnung. Auch in den Jahrzehnten danach seien sie in der Öffentlichkeit gehört worden, „etwa wenn es um die Aussöhnung mit den osteuropäischen Nachbarn ging oder um Fragen sozialer Gerechtigkeit oder um bioethische Fragen an den Grenzen von Leben und Tod“.

Niedergang der Volkskirche

Seit den 60ern mit wirtschaftlichem Aufschwung, sich verändernden Familienstrukturen und der Emanzipation der Frauen setzte der kulturelle Umbruch ein, wie Pollack ausführt. „Autoritätswerte verloren an Bedeutung.“ Statt materieller Sicherung und sozialer Stabilisierung wurden politische Mitbestimmung und individuelle Selbstverwirklichung wichtig. Der Niedergang der Volkskirche begann. Religiöse Bindungen schwächten sich ab. Vor der Abwendung vom Glauben und den Kirchen stehe dabei meist der Verzicht auf die Teilnahme am kirchlichen Leben. „Wenn die religiöse Praxis aufgegeben wird, geht auch der Einfluss der Religion auf die Lebensführung zurück.“

Trotzdem: Noch 1990 waren mehr als 72 Prozent der deutschen Bevölkerung in einer der großen Kirchen Mitglied.

Die Mitgliederzahlen der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland sinken. Eine Projektion der Kirchen geht davon a
Die Mitgliederzahlen der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland sinken. Eine Projektion der Kirchen geht davon a (Foto: NK-Grafik)

„Die Abwärtsentwicklung ist schon seit längerem zu beobachten“, sagt Sozialwissenschaftler Frerk. „Sie hat sich in den vergangenen sechs Jahren aber stärker beschleunigt als vorher angenommen.“ Verloren die Kirchen in den Jahren 2000 bis 2015 pro Jahr etwa 0,6 bis 0,8 Prozentpunkte am Bevölkerungsanteil, so sind es seit 2016 etwa 1,0 bis 1,4 Prozentpunkte. Inzwischen ist nun eben auch der eine Punkt über der 50-Prozent-Marke verloren gegangen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) gab eine Hochrechnung ab, Ende 2021 wohl nur noch etwa 19,7 Millionen Mitglieder zu zählen (Vorjahr 20,2 Millionen). Prognosen sehen zudem derzeit noch etwa 21,8 Millionen Katholiken (Vorjahr 22,2 Millionen).

Mehr als 40 Prozent Konfessionslose, die natürlich nicht ungläubig sein müssen, gibt es inzwischen in Deutschland. Die weiteren Einwohner sind zum Beispiel Muslime (rund 5,5 Millionen, davon in Verbänden rund 2,2 Millionen) und Juden. Da es außerhalb der großen Kirchen noch ein paar Millionen weitere Christen gibt, zum Beispiel Freikirchler (um die 300.000) und Christlich-Orthodoxe (rund 1,5 Millionen) und andere christliche Gemeinschaften, liegt die Quote der Christen nach wie vor über 50 Prozent hierzulande.

Umfrage: 37 Prozent glauben an Jesus als Gottes Sohn

Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ nahm vor Weihnachten den beschleunigten Abwärtstrend der Kirchen und des Christentums in Deutschland unter die Lupe. Beschrieben wurden „drei Stufen der Erosion“: Zuerst verlieren Leute den „Glauben an die wesentlichen Inhalte des Christentums“. So glaubten lediglich noch 37 Prozent der Bevölkerung, dass Jesus Gottes Sohn sei (1986 noch 56 Prozent).

Die nächste Stufe sei dann der Kirchenaustritt. Darauf folge „die Abwendung von der christlichen Kulturtradition“, auch wenn diese noch „eine gewisse Zeit“ wertgeschätzt werde. Trotz rückläufiger Kirchenmitgliederzahlen stimmen laut Allensbach-Studie aber 70 Prozent der Befragten zu, dass das Christentum zu Deutschland gehöre, bei den Konfessionslosen immerhin 55 Prozent.

Fehlendes Wissen über christliche Feiertage

Wie sehr aber Interesse an christlichen Inhalten verloren geht, zeigt sich beispielhaft am mangelhaften Wissen über die Feiertage. So wissen viele hierzulande nicht, was Ostern oder Pfingsten überhaupt gefeiert wird und dass an Halloween auch Reformationstag ist. Und vielleicht das eindrucksvollste Beispiel steht im Mai wieder an: Der Feiertag Christi Himmelfahrt – dieses Jahr am 26. Mai – ist für Millionen längst nur noch Vatertag – oder einfach Herrentag und Männertag.

Im Jahr der Wiedervereinigung 1990 wurden nach Kirchenangaben 29,4 Millionen Mitglieder der EKD (Evangelischen Kirche in Deutschland) und 28,3 Millionen Katholiken gezählt. Vor 25 Jahren drehte sich das Verhältnis. Die EKD verlor schneller Mitglieder als es der Katholizismus tat. Im Land von Luther und Reformation gab es wieder mehr katholische als evangelische Christen.

Vor zehn Jahren wurden dann 24,3 Millionen Katholiken und 23,4 Millionen EKD-Mitglieder gezählt, vor fünf Jahren dann 23,3 Millionen Katholiken und 21,5 Millionen Protestanten.

2022 sind es jetzt weniger als 22 Millionen katholische und weniger als 20 Millionen evangelische Kirchenmitglieder – und damit weniger als 50 Prozent der deutschen Bevölkerung. Eine Projektion der Kirchen geht davon aus, dass 2060 nur noch 30 Prozent katholisch oder evangelisch sein werden.

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