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Interview

„Ich wollte mit diesem Buch die Opfer wieder lebendig machen“

Demmin / Lesedauer: 5 min

Historiker Emmanuel Droit hat sich mit den Massen-Suiziden in Demmin beschäftigt. Der Grundton ist erstaunlich humanistisch. Wie das funktioniert, hat er Reporterin Christine Gerhard erklärt.
Veröffentlicht:18.03.2022, 16:35

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Professor Droit, als französischer Historiker haben Sie ein Buch über das Ende des Zweiten Weltkriegs in Demmin geschrieben. Wie sind Sie auf das Thema gekommen und was hat Sie so daran gereizt, dass Sie ein Buch darüber schreiben wollten?

Bisher habe ich mich als Historiker vorwiegend mit der DDR-Geschichte beschäftigt. Ich wollte mich aber schon immer auf das Ende des Krieges fokussieren. Vor zehn Jahren hatte ich eine Sammlung von Berliner Schulaufsätzen entdeckt und anhand dieses Materials einen ersten Einblick in die letzten Kriegswochen in Berlin erhalten. Der erste Kontakt mit der Demminer Tragödie war eine Radio-Reportage von Gisela Zimmer, mit der ich dann Kontakt aufnahm. Mich hat diese Tragödie auch als Geschichte zweiten Grades interessiert, als „Erinnerungsloch“ und dann als durch lokale und regionale rechtsextremistische Kräfte instrumentalisierter Erinnerungsort.

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Denken Sie, dass Sie als Franzose das Thema anders angehen oder bearbeiten konnten, als es ein Deutscher es gekonnt hätte?

Ich kenne diese Debatte schon aus meiner Arbeit als Historiker der DDR. Es ist letztendlich dieselbe Frage: Wie geht man mit seiner Nationalgeschichte um oder mit der Geschichte des Anderen?

Ein Außenblick ist nicht so stark „gefangen“ wie ein deutscher Blick. Ich kann mir schon gut vorstellen, dass das Thema anders bearbeitet werden kann, wenn sich ein ausländischer Historiker mit dieser Geschichte beschäftigt.

Wie meinen Sie das?

Ein Außenblick gibt vielleicht die Möglichkeit, Empathie und kritische Distanz besser zu artikulieren. Das hat sich in Frankreich für die schwierige Geschichte des Vichy-Regimes mit den Studien von Jäckel oder von Paxton gezeigt.

Veröffentlicht ist das Buch bislang nur auf Französisch. Welche Zielgruppe haben Sie sich vorgestellt, als Sie es geschrieben haben?

Ich habe ein dichtes und kurzes Buch geschrieben, das sich an ein breites Publikum wendet. Es geht hier um eine Tragödie, die in Frankreich weithin unbekannt ist. Ich wollte mit diesem Buch die Opfer wieder lebendig machen.

Wie ist das Buch bei den französischen Lesern bisher angekommen? Gab es schon erste Rückmeldungen?

Das Buch wurde in einem berühmten und exzellenten Verlagshaus publiziert. Der namhafte Historiker und Verleger Pierre Nora hat das Manuskript betreut und unterstützt. Das Buch wurde sehr schnell in den wichtigsten Tages- und Wochenzeitungen rezipiert, darunter Le Monde, Libération, Le Point, L’express. Das Echo war sehr positiv, auch unter den Lesern.

Ist es die erste wissenschaftliche Abhandlung über die Suizide in Demmin in dieser Ausführlichkeit und in diesem Umfang? Was fehlte aus Ihrer Sicht an bisherigen Ausarbeitungen des Themas?

Mein Buch schließt an eine dynamische deutsche und internationale wissenschaftliche Forschung über die letzten Monate des Kriegs (Ian Kershaw), über Gewalträume (Jörg Baberowski) und über die Ereignisse in Demmin an. Die Sammlung von Zeitzeugen von Norbert Buske und das Buch von Florian Huber waren natürlich für mich wichtige Referenzen. Ich aber wollte die Tragödie von Demmin aus der Perspektive der Gewaltforschung beleuchten, Demmin als Fallstudie für eine Mikro-Geschichte der Gewalt.

Was waren dabei aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung für mich war die emotionale. Sich mit emotional hoch aufgeladenen Zeitzeugenschaften zu beschäftigen war sehr schwierig; sich mit dieser Gewalt zu konfrontieren war ebenfalls nicht einfach, selbst wenn es um eine indirekte und schriftliche Erfahrung ging.

Gab es auch etwas, das Sie bei der Recherche besonders überrascht hat?

Die Subjektivität der Zeitzeugen produziert eine Art „Erinnerungsnebel“. Man muss gleichzeitig Empathie und kritische Distanz haben und manchmal einige Mythen dekonstruieren oder bestimmte „Wahrheiten“ in Frage stellen – wie die Verantwortung bei dem Brand oder die Geschichte mit der Vergiftung von russischen Offizieren.

Sie beschreiben eine Zeit, in der Menschen sich selbst und anderen viel Schlimmes angetan haben. Trotzdem hat man den Eindruck, dass Sie sich ein humanistisches Menschenbild bewahrt haben. Wie ist Ihnen das gelungen? Und hat die Arbeit an dem Thema Ihren Blick auf die Menschheit verändert?

Ich wollte am Beispiel von Demmin zeigen, wie eine Gewaltdynamik entstehen kann. Diese Art von Gewalt, davon bin ich fest überzeugt, hat weniger mit Ideologie zu tun. Sie ist von der Situation bedingt, das heißt, sie hängt von der Konfiguration ab: den Akteuren, ihren Emotionen. Das Niveau der Spannung war sehr hoch, als die Russen ankamen. Die Gewalt ist aber nie das Ergebnis einer mechanistischen Kausalität.

Wenn man sich für die Akteure interessiert – sowohl die Russen als auch die Opfer – und wenn man versucht, beiden Seiten zuzuhören und sie zu verstehen, dann darf man nicht vergessen, dass die Täter keine Bestien sind, sondern Menschen. Die Gewalt ist ein menschliches Phänomen und braucht bestimmte Konfigurationen – wie die Abwesenheit von Autorität in Demmin ab dem 30. April –, um sich zu verbreiten.

Ist eine deutsche Übersetzung des Buches geplant?

Bisher hat mein Verlagshaus keine offizielle Anfrage bekommen. Das Buch wird aber bald ins Japanische übersetzt, und zwar bei dem Verlag Jimbun Shoin.