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Diese Menschen gründen gerade eine neue Bewegung in MV

Demmin / Lesedauer: 4 min

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es viele Engagierte, denen eine Sache ganz besonders am Herzen liegt. 
Veröffentlicht:27.01.2024, 06:17

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Ganz erstaunt hat sich die Links-Politikerin Elke-Annette Schmidt gezeigt. „Tatsächlich, der Denkmalschutz ist nicht in der Landesverfassung verankert?“ Nein, ist er nicht. Unter anderem das zu ändern, haben sich jetzt etliche Menschen zusammengetan, denen der Erhalt der einmaligen Kulturlandschaft in MV am Herzen liegt. Bislang hatte dieser Schatz kaum eine Lobby, wie jüngst im Demminer Rathaussaal verdeutlicht wurde. Ein Grund, sich endlich zum „Denkmalnetzwerk MV“ zusammenzuschließen, wie es bereits in den Ländern Berlin, Bayern und Sachsen wirkt. Es brauche eine starke politische Stimme, weil, wie Landeskonservatorin Ramona Dornbusch klarstellte, das Kulturerbe in MV im Europaparlament bisher nur eine „Randnotiz“ sei.

Initiative des Heimatverbandes MV

Zu dieser Initiative aufgerufen hatte der Heimatverband MV. Am Ende der lebhaften Sitzung stand die so genannte „Demminer Erklärung“, in der es unter anderem heißt: „Wir setzen uns für eine Politik für Denkmalschutz ein statt einer Politik mit Denkmalschutz. Wir fordern Beteiligung und Transparenz in Verfahren der Denkmalpflege. Wir verstehen Denkmalpflege als gemeinsame Aufgabe im Ostseeraum und mit unseren Nachbarländern.“

Immerhin verfügt das Land über 30.000 Gebäude sowie 75.000 Bodendenkmale, die in der Denkmalliste eingetragen sind, wie Ramona Dornbusch ausführte. Dem steht gegenüber, dass Denkmalpflege in MV stiefmütterlich behandelt wird. Die Personaldecke der Denkmalbehörden ist extrem dünn. Ein großes Gebiet wie etwa den Landkreis Vorpommern-Rügen mit bedeutenden Städten wie Putbus, Stralsund und der schützenswerten Bäderarchitektur würden nur zwei überlastete Angestellte betreuen, wie ein von der Insel Rügen angereister Teilnehmer dazu bemerkte. Mithelfend zur Seite stehen der Landesdenkmalbehörde allein zwei zertifizierte ehrenamtliche Baudenkmalpfleger, führte Ramona Dornbusch weiter aus.

So sieht Kulturerbepflege auch aus in MV: das barocke Fachwerkgutshaus in Rey bei Gnoien.
So sieht Kulturerbepflege auch aus in MV: das barocke Fachwerkgutshaus in Rey bei Gnoien. (Foto: Silke Voß)

Bürgerschaftliches Engagement befeuern

Das bürgerschaftliche Engagement zu befeuern ist daher das Denkmalnetzwerk MV angetreten. Nun soll ein Netzwerk-Engagierter, gern mit Vorkenntnissen, seine Erfahrungen bei den Behörden vermittelnd einsetzen. Dazu brauche es auch ein Ausbildungsprogramm für die neuen Ehrenamtler, hieß es. Immerhin seien es gerade Bürgerbewegungen wie im 19. Jahrhundert und die "friedliche Revolution" zur Rettung von Altstädten gewesen, die dazu geführt hätten, dass es eine Denkmalämter-Struktur überhaupt gibt. Wie die aktuelle Situation jedoch aussieht, machten etliche der Teilnehmer am Samstag in Demmin deutlich.

Sogar Tiere gehören zum Kulturerbe

Dass zum Kulturerbe nicht „nur“ die europaweit flächendeckend größte Zahl an teils bedrohten Gutsanlagen gehört, zeigte sich an der Vielfalt der Initiativen: Angereist waren eben nicht nur Mitglieder der AG zum Erhalt und Nutzung von Gutsanlagen und des Vereins der Schlösser- und Herrenhäuser in MV sowie viele private Gutshausbesitzer. Sondern dabei waren etwa auch Fachleute von der 500 Mitglieder zählenden landesarchäologischen Gesellschaft, die mit den überall verstreuten Großsteingräbern immerhin die ältesten Bauwerke des Landes betreuen und sich noch immer für ein archäologisches Landesmuseum einsetzen. Museologen waren da, die den immobilen Teil des Kulturerbes, das Sammlergut, besser geschützt und inventarisiert wissen wollen. Vertreter der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Berliner Kulturerbe-Netzwerks waren da. Anwesend waren Teilnehmer einer Initiative, die alte Bausubstanz vor der Entsorgung rettet.

Auch Mühlenvereinsmitglieder zeigten ihr Interesse am Netzwerk. Sie wünschen sich unter anderem eine offenere Zusammenarbeit mit Landschaftsverbänden, um teils „überdimensionierte, wenig nachhaltige“ Fischtreppen, die die alte Mühlenlandschaft mit ihren immerhin noch 120 Mühlen im Land zerstören würden, zu diskutieren. Nicht zu vergessen, dass zum Kulturerbe sogar auch Lebewesen zählen, nämlich alte gefährdete Haustierrassen. Das wurde an diesem Wochenende in Demmin ebenfalls klar, unter anderem durch die Anwesenheit von Mitgliedern des Pferdezuchtvereins „Alte Mecklenburger Linien“ und von Mitarbeitern des Zoos Stralsund.

Großen Diskussionsbedarf hatten die Teilnehmer der Gründungsveranstaltung Denkmalnetz MV in Demmin.
Großen Diskussionsbedarf hatten die Teilnehmer der Gründungsveranstaltung Denkmalnetz MV in Demmin. (Foto: Silke Voß)

Herausforderungen auch durch den Klimawandel

Die Denkmalschützer stünden vor großen Herausforderungen, hieß es weiter. Dazu gehöre der Klimawandel mit der immensen Umgestaltung der Kulturlandschaft durch die Architektur erneuerbarer Energien. Zugleich wirke Denkmalschutz unter dem Motto „Erhalt und Umbau statt Neubau“ äußerst nachhaltig. Auch müsse der Erhalt der Schlossparkanlagen durch klimaresiliente Pflanzungen bedacht werden. Welche Bedrohung der Klimawandel für das Kulturerbe bedeute, habe etwa der Tornado gezeigt, der die Altstadt Bützows teils zerstört hat.

Es gehe darum, „guten beobachtenden Auges“ verantwortungsvoll durch die erzählende Kulturlandschaft mit ihren Feldwegen, Mühlenresten oder Verkehrsmeilensteinen zu gehen und den Denkmalbehörden unterstützend zuzuarbeiten. Dazu gehöre auch eine frühzeitige Heimatbildung, um nächste Generationen mitzunehmen, sagte Anna Schröder, Vorstandsmitglied des einladenden Heimatverbandes MV. Demnächst würden Arbeitsgruppen gebildet und eine Resolution verabschiedet. 

Ein kleiner Wermutstropfen für die AG Gutsanlagen MV, die sich ihrerseits die Gründung einer solchen Vereinigung federführend gedacht hatte. 

Wer hatte zuerst die Idee?

Doch aufgrund der stockenden Vereinsarbeit und derzeit intern schwelender Querelen haben nun andere die Initiative übernommen, wie AG-Vorstandsmitglied Knut Splett-Henning noch einmal in einem Schreiben an die Mitglieder mitteilte, während er gleichzeitig aber die Netzwerkgründung insgesamt begrüßt. Ein Vorschlag, den der inzwischen zurückgetretene Vereinsvorsitzende Jens Ohlrogge eigentlich unterbreitet habe. „Diese Arbeit aber wurde blockiert, ihm sogar Untätigkeit vorgeworfen“, so Splett-Henning. Wie Anna Schröder dem Nordkurier am Rande der Veranstaltung in Demmin mitteilte, habe der Heimatverband selbst schon längere Zeit an der Gründung eines solchen Denkmalnetzwerks gearbeitet. Jens Ohlrogge war bei der Gründungsveranstaltung nicht anwesend.