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Corona-Pandemie

Jugendliche mit Suizidgedanken - zwei Therapeutinnen berichten

Demmin / Lesedauer: 4 min

Durch die Pandemie hat sich das Zusammenleben stark verändert. Zwei Demminer Therapeutinnen erleben täglich, welche Auswirkungen das auf das Seelenheil junger Menschen hat.
Veröffentlicht:18.01.2022, 19:33

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Seit zwei Jahren hält ein winziges Virus unsere Welt in Atem. Denn auch wenn es für unsere Augen nicht sichtbar ist, sind seine Auswirkungen dramatisch. Die Corona-Pandemie hat Todesopfer gefordert, Menschen in die Isolation gezwungen und die Fronten in der Gesellschaft verhärtet. Doch was macht das mit den Köpfen der Leute?

„Die Themen und Probleme haben sich verändert“, sagt Cornelia Wermke, psychologische Psychotherapeutin in Demmin. Zu Beginn der Pandemie hätten viele ihrer Patienten Furcht vor dem Virus an sich gehabt, nun überwiege die Angst vor den Maßnahmen, der Zukunft und der Impfung. „Ich fühle mich da aber auch ein Stück weit hilflos“, sagt Wermke. Sie könne ihren Patienten diese Angst nicht nehmen, sondern nur gemeinsam mit ihnen daran arbeiten.

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Wer ihrer Ansicht nach besonders unter der aktuellen Situation und den Kontaktbeschränkungen leide, seien die Kinder und Jugendlichen. Viele junge Patienten litten unter Suizidgedanken. „Die können ja nirgendwo mehr hin“, sagt Wermke. Und noch eine weitere Gruppe komme deutlich häufiger zu ihr als vor der Pandemie: überlastetes Pflegepersonal aus den Krankenhäusern.

Rückfällige Patienten und länger dauernde Therapien

Alles in allem sind es laut Claudia Wermke die fehlenden Kontakte, die den Menschen zu schaffen machen. Noch dazu warteten selbst da, wo sie einander treffen können, belastende Konflikte. „Sogar zu Weihnachten gibt es ja in vielen Familien Streit“, sagt Wermke. Früher lautete ihr Ansatz in solchen Situationen immer: Redet miteinander! „Doch jetzt sind die Fronten teilweise so verhärtet, dass das nicht mehr möglich ist“, sagt die Psychotherapeutin.

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Um die nach Wermkes Aussage am stärksten belastete Gruppe, die Kinder und Jugendlichen, kümmert sich in Demmin auch Dr. Anette Williamson. Wie sie meint, fehlen in der ganzen Region jedoch Therapeuten und Therapieplätze, was die Arbeit erschwert und Ernüchterung mit sich bringt. „In der jetzigen Situation kommen viele Patienten wieder, deren Behandlung schon abgeschlossen war. Die Therapien dauern zudem länger. Dadurch können wir nur wenig neue Fälle aufnehmen“, erklärt Williamson.

Für sie als Therapeutin sei es belastend, wenn ein Patient abgewiesen werden muss, weil keine freien Kapazitäten vorhanden sind. „Bei einer mittelschweren Depression ist ein halbes Jahr eine lange Zeit“, sagt die Psychotherapeutin. Und auch die Behandlung sei in dieser Situation schwierig. Denn bei Depressiven sei die Aktivierung zentral für das Gesundwerden – raus aus der Wohnung und unter Leute gehen, aktiv werden. Da momentan jedoch die meisten Angebote geschlossen sind, bleibe den Menschen oft nichts anderes übrig, als zu Hause zu bleiben.

Unbeschwertheit der Kinder geht verloren

Laut Williamson sind die Kinder und Jugendlichen sehr stark von den Maßnahmen belastet. Denn in einem jungen Alter mache die Corona-Zeit teilweise schon einen so großen Anteil der Lebenszeit aus, dass sich die Frage stellt: Hört das überhaupt noch mal auf? Das Alleinsein belaste junge Menschen zudem sehr stark. „Kinder brauchen Kinder. Das können die Erwachsenen nicht auffangen“, erklärt Williamson.

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Was sie bei den Kleinsten beobachtet, ist deren Sorge etwas falsch zu machen. Die vielen Regeln und der Druck der Pandemie führten zu einer hohen Verunsicherung darüber, wie richtiges Verhalten aussieht. Kommt bei den Älteren dann noch der Leistungsdruck hinzu, führe das bei vielen zu psychischen Problemen. „Es gibt immer mehr Jugendliche, die deshalb nicht mehr zur Schule gehen“, sagt Williamson.

Laut der Psychotherapeutin gehe durch die Pandemie, mit den vielen Fragen, Debatten und Konfrontationen, am Ende nichts Geringeres als die Unbeschwertheit der Kinder verloren. Denn es seien keine Kinder-Themen, womit die Kleinsten aktuell konfrontiert sind. „Und je länger diese Zeit andauert, desto länger braucht es, bis die Unbeschwertheit wieder da ist“, sagt die Dr. Anette Williamson.