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Interview

Projekt Zukunftsstadt – Loitz zieht kritisch Bilanz

Peenetal-Loitz / Lesedauer: 7 min

Zwei Verantwortliche blicken im Nordkurier-Interview zurück auf ein Projekt, das Loitz einige Jahre beschäftigt hat – und vor Ort immer wieder auch für Kritik gesorgt hat.
Veröffentlicht:05.08.2022, 06:03

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2015 machten sich die Peenetal/Loitzer auf den Weg in die Zukunft. Sie setzten sich in Wettbewerben um die Beteiligung am Bundesprojekt Zukunftsstadt 2030+ durch. Hat diese Arbeit die Region nachhaltig verändert? Was hat funktioniert? Was nicht? Reporterin Ulrike Rosenstädt wollte von der Loitzer Bürgermeisterin Christin Witt und dem Vorsteher des Amtes Peenetal/Loitz Thomas Redwanz wissen, welches Fazit sie nach dem Projektende ziehen?

Top oder Flop? Welches Fazit ziehen Sie nach sieben Jahren Zukunftsstadt-Projekt?

Thomas Redwanz: Uns ist wohl bekannt, dass es viel Kritik gab und sicher auch noch gibt. Dennoch, so pauschal für eine Richtung kann ich meine Einschätzung nicht geben.

In welchem Jahr, in welcher Zukunftsstadt-Phase, haben Sie die Projektleitung übernommen?

Thomas Redwanz: Seit Mitte Juni 2019 bin ich als Amtsvorsteher im Einsatz. In diesem Zusammenhang war ich auch einer der Ansprechpartner für das Zukunftsstadt-Projekt, das ja am Amt Peenetal/Loitz angedockt ist.

Wieviel Gestaltungsspielraum gab es zu diesem Zeitpunkt noch?

Christin Witt: Wir befanden uns in einer schwierigen Situation. Zuerst gab es eine personelle Umbesetzung in Folge der Erkrankung unserer Projektleiterin Elke Marquart. Ihr haben wir sehr viel zu verdanken. Sie hatte wirklich einen Blick auf die Dinge und eine sehr gute Verbindung zu den einzelnen Arbeitsgruppen, die damals noch bestanden.

Thomas Redwanz: In Phase drei schien alles etwas schwieriger zu werden. Irgendwie haben wir die Leute nicht mehr eingefangen. Es gab zwar sehr viel Hintergrundarbeit.

In welcher Form?

Christin Witt: Onlinekonferenzen. Lenkungsgruppengespräche. In dieser Lenkungsgruppe wurde sehr kritisch diskutiert.

Thomas Redwanz: In diesen Runden wurde uns schnell klar, Toleranz ist keine Einbahnstraße.

Christin Witt: Und uns wurde klar, so ein Projekt muss dem untergeordnet werden, was hier passiert.

Thomas Redwanz: Das ist uns in Phase drei nicht gelungen.

Fehlte die Zeit, fehlten dann in Phase drei die Themen, um die Bürger vor Ort zu erreichen?

Thomas Redwantz: Das würde ich so pauschal nicht sagen. Es gab Aktionen, die durchaus die Menschen erreicht haben, das haben uns die Akteure von „Dein Jahr in Loitz“ und „Loitz in Takt“ berichtet. Auch der Design-Workshop auf dem Gelände der alten Stärkefabrik hat etwas gebracht.

Aber was konkret?

Thomas Redwanz: Austausch von Gedanken über zukunftsfähige Ideen derer, die sich freiwillig für die Mitarbeit an diesen Teilprojekten gemeldet hatten.

Dennoch, es gab immer wieder Kritik aus der Bevölkerung, die sich, auch öffentlich fragte, was diese „ganze Zukunftsstadt-Aktion“ überhaupt soll.

Thomas Redwanz: Es ist viel schief gelaufen, gerade auch im Zusammenhang mit dem ständigen Personalwechsel. Am Ende waren es drei Projektkoordinatoren, zwei mussten neu eingearbeitet werden, alle drei verfolgten verschiedene Ansätze. Ich kann ganz klar sagen, dass diese Aufgabe größer war als gedacht. Zu dem Zeitpunkt, als wir übernommen haben, haben wir die Aufgabe unterschätzt. Doch Aufgaben und Aufträge in Größenordnungen waren schon nach außen vergeben.

Christin Witt: Wir mussten uns aber auch an Bedingungen halten, an Antragstellungen aus Phase zwei. Wir dürfen nicht vergessen, es handelte sich um ein Projekt, das vom Bundesbildungsministerium initiiert wurde. Das hatte sich für die Umsetzung und Kontrolle dann Partner, man könnte auch sagen Dienstleister, gesucht. Damit will ich gar nicht sagen, dass es vor Ort nur gut gelaufen ist und wir keine Fehler gemacht haben, aber wir waren in Entscheidungen eben auch projektgebunden. Ursprünglich war einiges anderes gedacht. Doch leider hat sich das Bundesbauministerium, das zunächst auch mit dabei war, zurückgezogen.

Thomas Redwanz: Auch damit zerplatzten Erwartungen der einzelnen Gruppen. Die Erwartung der Initiativen des Wettbewerbs war eine ganz andere. Es gab nämlich praktische Erwartungshaltungen.

Christin Witt: Doch dann kam der Zeitpunkt, an dem wir immer wieder erklären mussten, dass es vom Projektträger kein Geld für Bausteine und oder Mörtel gibt. Wohl aber für Konzepte, Ideen, Planungen, die sich mit dem Thema Zukunft beschäftigen, die Kommunikation fördern.

Nun schauen wir nicht allein auf Phase drei, sondern wollen Rückschau auf das gesamte Projekt halten, das 2015 startete und 2022 endete.

Christin Witt: Zu den ersten Phasen können wir nicht allzu viel sagen. Aber doch so viel, dass jede einzelne unterschiedliche Ansätze hatte. Die Phase drei könnte man mit einem Labor vergleichen, in dem Experimente gemacht werden. Und genau so war es ja dann auch. Das Haus in der Greifswalder Straße 253a diente als Zukunftslabor. Es war dort ein Tandem eingezogen, das etwas ausprobiert hat.

Thomas Redwanz: Auch an dieser Stelle noch einmal etwas zu der öffentlichen Wahrnehmung. Es ist uns auf die Füße gefallen, das Projekt zu diesem Zeitpunkt in die Hände einer Kreativ-Agentur zu geben.

Christin Witt: Von dort kamen zu viele Impulse. Doch wir waren uns in der Umsetzung uneinig. Für uns war vieles nicht machbar. Man kann Städte wie Rostock oder Berlin nicht mit Loitz vergleichen. Man muss einen anderen Ansatz finden.

Thomas Redwanz: Unsere gesamte Einwohnerzahl umfasst die Zahl von einem einzigen Stadtgebiet dort. Die Voraussetzungen sind andere, die Menschen denken und handeln hier in der ländlichen Region anders. Und schon entstanden Konflikte, die dauerhaft schwelten. Die Kommunikation kam ins Stocken. Wir haben das nicht mehr hinbekommen, alles in die richtigen Relationen zu setzen.

Christin Witt: Und es gab, das darf man auch nicht vergessen, einen wissenschaftlichen Ansatz, der von außen schwer nachvollziehbar war.

Wo sehen Sie denn überhaupt einen positiven Nutzen?

Christin Witt: Zum Beispiel, dass wir, dass Loitz, im Programm der BIG, der Städtebauförderung geblieben ist, ist ein Synergieeffekt, der von dem Zukunftsstadtprojekt ausgegangen ist. Davon bin ich überzeugt und davon partizipieren die Einwohner, die im Fördergebiet wohnen oder wohnen wollen, dort Häuser auf Vordermann bringen.

Was haben Sie während des ganzen Prozesses gelernt?

Thomas Redwanz: Wir müssen Projekte auf die Verhältnismäßigkeit vor Ort anpassen. Wir dürfen uns nichts überstülpen lassen. Aber ich bin nicht undankbar für all das, was wir mit der Zukunftsstadt erlebt haben. Wir haben Erkenntnisse aus dem Projekt gezogen, nämlich wie man von innen heraus etwas organisieren muss, nur von innen kann es funktionieren, wenn man wirklich vor Ort etwas erreichen möchte.

Ist das das Einzige, was Sie bei künftigen Projekten anders machen würden?

Thomas Redwanz: Ich würde andere Strukturen schaffen.

Welche?

Thomas Redwanz: Das müsste man noch mal gründlich überdenken. Am besten wäre es gewesen, alles direkt über die Stadt, sprich die Bürgermeisterin und das Amt, in diesem Falle über den Tisch des Amtsvorstehers, also meine Person, laufen zu lassen, Aufgaben nicht in Größenordnung an eine Agentur abgeben.

Christin Witt: Doch anders wäre es nicht machbar gewesen. Wir haben ja viele andere Aufgaben als Verwaltung. Die Zukunftsstadt war nur eine davon.

Thomas Redwanz: Genau das ist der Punkt. Die öffentliche Kritik zielte in der Phase drei immer wieder auf die Verteilung der Gelder ab.

Auch an dieser Stelle noch einmal die Frage: Ist es gelungen, diese Summe von rund 600.000 Euro sinnvoll auszugeben?

Thomas Redwanz: Wir hatten ein öffentliches Treffen in der Peenerei. Dort hätte jeder teilnehmen können, der sich für diese Frage interessiert. Es waren auch viele Leute dort, das war sehr in Ordnung, keine Frage. Etwas anderes können wir heute auch nicht sagen. Zwei Drittel der Summe gingen an die Kreativagentur in Rostock, auch das haben wir offen kommuniziert.Christin Witt: Doch auch die Arbeit der Reallabore, wie Loitz in Takt, der Bau der Heuwagensauna, wurden in Phase drei von diesem Geld ermöglicht. Hinzu kamen Mieten, Personalkosten für den Projektkoordinator, um nur einige Beispiele zu nennen.

Was ist aus der Zusammenarbeit mit der Hochschule Neubrandenburg geworden? Wann werden die Projekt-Ergebnisse schriftlich vorliegen?

Thomas Redwanz: Zur Hochschule gab es regelmäßigen Kontakt im Rahmen der Lenkungsgruppen-Gespräche.

Wird es eine öffentliche Vorstellung dieser Projekt-Ergebnisse vonseiten der Hochschule geben?

Christin Witt: Unseres Wissen nach nicht.

Wird sich Loitz um weitere bundesgeförderte Projekte bewerben?

Christin Witt: Gegenwärtig ist nichts geplant.