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Justiz

Streit um einen Bullen und den Dorffrieden

Neubrandenburg / Lesedauer: 3 min

In einem Dorf der Seenplatte sind sich Bewohner offenbar nicht grün. So eskaliert ein an sich harmloser Besuch an der Koppel und landet schließlich vor Gericht.
Veröffentlicht:01.12.2023, 06:00

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Wie geht ein Gericht mit Vorwürfen um, die Dorfbewohner untereinander vorbringen? Vor dieser Frage stand jetzt das Amtsgericht Neubrandenburg - und hat einen 39-jährigen Angeklagten aus einem Dorf bei Demmin aus Mangel an Beweisen zum zweiten Mal in kurzer Zeit freigesprochen. „Wie kann man nur so dreist lügen?“, fragte der Freigesprochene mehrfach in dem Verfahren in Richtung einer 25 Jahre alten Frau und deren 28 Jahre alten Partners.

Messer an den Hals gehalten?

Was war passiert? Der Mann auf der Anklagebank soll im September 2022 die jüngere Frau auf sehr rabiate Art und Weise von seinem Wiesengrundstück verwiesen haben. Und das nicht allein, sondern mit seiner Ehefrau zusammen. Die Ehefrau soll der 25-Jährigen an jenem Tag eine Backpfeife verpasst und sie erneut des Hofes verwiesen haben.

Der Angeklagte, so der Vorwurf, sei danach sogar aus dem Auto ausgestiegen, habe der jungen Frau ein Messer an den Hals gedrückt und gesagt: „Was ist dein Scheißproblem?"  So behauptet es zumindest die angeblich Geschädigte im Zeugenstand.

Hintergrund des Ganzen ist, dass der Angeklagte und seine Familie am Dorf Kühe und einen Bullen auf einer Wiese halten. Wie auf dem Land üblich, gehen immer mal wieder Leute an den Stromzaun, um die Kühe aus der Nähe zu betrachten. Das soll auch die 25-jährige Frau des Öfteren getan haben.

Aussage steht gegen Aussage

Allerdings kam es mehrfach dazu, dass der robuste Rinderbulle unruhig wurde und ausbrach. „Das ist gefährlich, denn das Tier kann auf die Straße laufen“, sagt die Ehefrau des Angeklagten vor Gericht. Das habe man der 25-Jährigen an jenem Tag endlich klarmachen wollen. Der Angeklagte bestreitet allerdings, damals überhaupt aus seinem Wagen ausgestiegen zu sein. Ja, Messer hätten sich im Fahrzeug befunden. Aber nur, wie im September üblich, zum Pilzesammeln.

Letztlich steht Aussage gegen Aussage. Und sowohl Staatsanwaltschaft als auch das Gericht bleiben skeptisch. „Wenn es so schlimm war, warum habe sie dann nicht gleich die Polizei gerufen?“, fragt Richterin Iris Hagedorn. Das kann weder die 25-Jährige noch ihr Partner plausibel beantworten. Beide leben von Bürgergeld und hatten schon öfter Streit in dem Dorf an der Bundesstraße 194.

Sie habe damals wegen der Schnittwunde dann doch erst zur Ärztin gehen wollen und die habe dann die Polizei gerufen, sagt die 25-Jährige. In der Befragung vor Gericht wird aber auch klar: Die junge Frau hat sich früher schon öfter selbst Schnittwunden zugefügt. Dazu kommt, dass sie wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung sei und zudem eine Bewährungszeit verbüße. Zwei Monate später hatte es einen weiteren Polizeieinsatz in dem Ort gegeben: Die 25-Jährige war nach einem Streit mit dem Partner weggelaufen. Die Polizei fand sie und brachte sie in eine Klinik.

Nicht das erste Verfahren für den Angeklagten

Auch vor diesem Gericht haben sich die Parteien unlängst schon einmal gesehen. In einem ersten Verfahren war dem ebenfalls arbeitslosen Rinderhalter vorgeworfen worden, dass er so rasant durch das Dorf gefahren sein soll, dass Leute gefährdet gewesen seien. In diesem Fall war der Mann aber bereits freigesprochen worden.

So kommt es nun auch im „Messer-Fall“. Richterin Hagedorn spricht den 39-Jährigen am Ende zum zweiten Mal frei. Die 25-Jährige habe nicht erklären können, wie der Angeklagte ihr wirklich eine Schnittwunde zufügen hätte können. Der Angeklagte kann gehen. Er wolle aber „wegen solcher Einbildungen nicht noch einmal vor Gericht gezerrt werden“, knurrt er beim Hinausgehen noch.